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Lokalsport Christoph Wysocki: „Es kann noch eine lange Reise werden“
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15:58 16.03.2021
Geht an der Seitenlinie immer voll mit: Christoph Wysocki.
Geht an der Seitenlinie immer voll mit: Christoph Wysocki. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Seit Mitte Januar ist Christoph Wysocki hauptverantwortlich fürs Marburger Bundesliga-Team. Zunächst als Interimscoach für den entlassenen Julian Martinez eingesetzt, ist der 64-Jährige mittlerweile zum Cheftrainer des BC Pharmaserv befördert, sein Vertrag für die kommende Saison verlängert worden.

Wysocki und die „Blue Dolphins“ das passt richtig gut

Mit dem früheren polnischen Nationalspieler passe es „richtig gut“, sagt in Alex Wilke eine der Führungsspielerinnen – und mit ihm kam der Erfolg zurück zu den Blue Dolphins: Dümpelten sie bis zum Trainerwechsel – auch geschwächt durch Verletzungen, Corona-Erkrankungen und Quarantäne-Maßnahmen – im Tabellenkeller herum, ging es seitdem beinahe stetig bergauf.

Unter Wysocki gewannen sie zehn von 14 Bundesliga-Spielen, kassierten nur Niederlagen bei den Titelanwärtern TSV Wasserburg und Herner TC, knapp bei den Flippo Baskets Göttingen sowie überaus unglücklich mit einem Punkt gegen Hauptrunden-Meister Rutronik Stars Keltern.

Der vierte Tabellenplatz

Mit dem 68:60-Sieg am Sonntag (14. März) über die Xcyde Angels Nördlingen schaffte das Marburger Team am letzten regulären Spieltag den Sprung auf den vierten Tabellenplatz. In der ersten Runde der Playoffs, die Ende März beginnen sollen, trifft es auf Göttingen, hätte in einem möglichen dritten Spiel der Serie Heimrecht.

Playoff-Start am letzten März-Wochenende

Marburg gegen Göttingen – dieses Duell fürs Playoff-Viertelfinale steht fest. Die Blue Dolphins haben als Tabellenvierter im ersten Spiel, das am 27. oder 28. März stattfinden soll, Heimrecht. Die Partie in Göttingen und ein mögliches drittes Spiel, das wieder in Marburg ausgetragen würde, sollen um beziehungsweise am Osterwochenende stattfinden.

Noch offen sind die Konstellationen in den weiteren Viertelfinals: Die Stars aus Keltern sind auf Platz eins gesetzt und könnten auf Nördlingen treffen. Dafür brauchen die Angels aber mindestens einen Sieg, in ihren noch ausstehenden Nachholspielen treffen sie jedoch ausgerechnet auf die Top drei der Liga. Sollte es drei Niederlagen geben, wären die Lions aus Halle an der Saale in den Playoffs dabei.

Die Teams aus Osnabrück als Sechster und aus Freiburg als Siebter sind dafür qualifiziert. Wer auf Herne und wer auf Wasserburg trifft, ist aber noch offen: Herne ist derzeit Dritter, spielt aber noch gegen Nördlingen und Schlusslicht Heidelberg – mit zwei Siegen wäre Rang zwei sicher, dann hieße der Gegner Freiburg. Wasserburg würde in diesem Fall auf Osnabrück treffen.

Das Viertelfinale wird im Modus „Best of Three“ ausgespielt, das Halbfinale – geplant fürs zweite und dritte April-Wochenende – ebenso. In der „Best of Five“-Finalserie sind anschließend drei Siege nötig, um Meister zu werden.

Im Interview mit der OP blickt Wysocki zurück und voraus – und richtet eine Liebeserklärung an seine Spielerinnen ...

Wysocki: Noch eine lange Reise

Was wäre, wenn eine Spielerin sagen würde, „jetzt werden wir Deutscher Meister“?

Also, ich will das nicht in den Mund nehmen. Aber ich sage es so: Es kann noch eine lange Reise werden. Wir sind gefestigt. Wir sind mental unheimlich stark.

Wir lassen uns auch von zehn Punkten Rückstand zur Halbzeit nicht beeinflussen, sondern spielen unseren Basketball weiter. Und irgendwann können die Gegner nicht mehr, wir können aber noch mal eine Schippe drauflegen.

Wysocki entschuldigt sich bei Spielerinnen

Dabei liegt die Hauptlast auf nur sieben Spielerinnen, im Spiel gegen Nördlingen kam Mali Sola als achte Spielerin für wenige Minuten, vier andere Spielerinnen gar nicht zum Einsatz.

Ich habe mit den Mädels gesprochen und habe mich bei den jungen Spielerinnen entschuldigt. Das Spiel war knapp, es ging um die Platzierung, da habe ich auf die Spielerinnen mit mehr Erfahrung gesetzt, dafür müssen alle Verständnis haben.

Wir haben eine kleine Rotation, aber darin haben wir Spielerinnen, die über ihre Grenzen hinausgehen können, die es schaffen, so zu verteidigen, wie es keine andere Mannschaft in der Liga kann. Wir haben in nur wenigen Wochen gelernt, Männerbasketball in der Defense zu spielen.

Wysocki: Offense muss noch besser werden

Männerbasketball? Was verstehen Sie darunter?

Frauenbasketball ist eher lieber Basketball. Es geht für uns darum, clever zu spielen, aber auch hart. Und meine Spielerinnen haben absolut keine Angst. Sie treffen die richtigen Entscheidungen.

In der Offensive ist das noch nicht immer so, aber in der Verteidigung wird es besser und besser. Man könnte sagen, die Offense müssen wir verbessern. Aber wenn wir nur 60 Punkte zulassen, dann reichen uns 61. So können wir erfolgreich sein. Und wenn möglich, wollen wir das durchziehen bis zum ...

Wysocki: Vorteil der Reparatur durch zwei weitere Partien

… bis zum Meistertitel?

Lasst uns erst mal die erste Runde spielen. Wir können weiter nach vorn schauen, wenn wir die überstehen. Aber ich gehe davon aus, dass wir das schaffen.

Wir haben in der Hauptrunde gegen Göttingen zu Hause stark gespielt und gewonnen (89:62; Anmerkung der Redaktion). Auswärts haben wir verloren, weil wir uns blöd angestellt haben (59:64 nach Verlängerung). Der Vorteil ist jetzt, auch wenn etwas passieren sollte, haben wir noch zwei andere Spiele, um das zu reparieren.

Vom Abstiegskampf in die Playoffs

Als Sie zunächst interimsmäßig Cheftrainer geworden sind, steckte das Team im Abstiegskampf. Hätten Sie es damals für möglich gehalten, dass nach der Hauptrunde darüber gesprochen würde, wie weit es in den Playoffs gehen kann?

Wir waren noch vor sieben Wochen ganz weit unten. Jetzt sind wir Vierter hinter den drei Großen. Nein, das hätte keiner gedacht. Das ist fast schon Hollywood-reif, fast wie ein Märchen. Es hat einfach alles gut gepasst.

Anderes Training durch mehr Zeit zwischen Spielen

Die Playoffs sollen am letzten März-Wochenende beginnen, bis dahin sind es fast zwei komplette Wochen. Das gab es, seit Sie Cheftrainer beim BC sind, nur während der Länderspielpause Anfang Februar, wo aber die Nationalspielerinnen weg waren. Wie wird die Zeit jetzt genutzt?

Schon die vergangene Woche war anders, weil wir nur das Spiel gegen Nördlingen gehabt haben. Vorher hatten wir immer zwei Spiele, weil wir so viel nachholen mussten. Die Woche konnten wir mal anders trainieren. Die Mädels haben geheult (lacht).

Es geht um die „Regeneration“

Vor Freude?

Nein, sie mussten viel laufen. Ist wirklich so. Wenn man mittwochs und dann wieder samstags spielt, dann muss man dosieren, dann geht es um die Regeneration. In dieser Woche haben wir komplett trainiert, dabei ist viel gelaufen worden.

Eine gute Kondition ist eine Grundlage, um aggressiv verteidigen zu können. Jetzt kommt noch eine längere Pause, die wir auch gut nutzen wollen. Wir wollen uns weiter verbessern, das müssen wir auch. Mit den Playoffs beginnt die Saison sozusagen neu. Da wollen wir unseren besten Basketball zeigen.

Wysocki: Alles bestens

Sie sind jemand, der an der Seitenlinie voll mitgeht. Wie ist es um Ihre Kondition bestellt?

Also ich habe in den zwei Monaten, seit ich das mache, schon sechs Kilo verloren – und das ist auch gut so (lacht). Es ist schon richtig anstrengend. Aber alles bestens.

Liebeserklärung an das Team

Der Vorstand hat sich entschieden, mit Ihnen über die laufende Saison hinaus als Cheftrainer des Erstliga-Teams weiterzumachen. Sie haben sich auch dafür entschieden. Mussten Sie darüber länger nachdenken?

Ich musste schon überlegen, denn es geht ja auch um ein enormes Pensum an Arbeit. Aber am Ende hat es mir die Mannschaft leicht gemacht: Die Mädels, die sind toll. Ich liebe sie.

Ja, das ist eine Liebeserklärung und ich freue mich sehr, weiter mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ich weiß, dass es sportlich nicht immer so gut laufen wird wie aktuell, das ist im Sport so. Ich bin schon lange im Geschäft, ich kann auch damit umgehen. Aber jetzt kommen erst mal die Playoffs und ich hoffe, dass wir dort weiter sehr erfolgreich sind.

Von Stefan Weisbrod