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Lokalsport Carsten Zulauf vermittelt Spieler aus aller Welt
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18:00 25.12.2020
Carsten Zulauf in Aktion. Er tritt nicht nur selbst an die Platte – er hilft als Vermittler auch Spielern, die auf Vereinssuche sind, und Clubs, die Verstärkungen brauchen. Quelle: Michael Hoffsteter (Archiv)
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Stadtallendorf

In der Tischtennis-Regionalliga wird derzeit nicht gespielt. Die Pandemielage zwingt auch den TTV Stadtallendorf zu einer Pause. Der 18-jährige Spitzenspieler Guillermo Gasio, der aus Mexiko stammt, hat dadurch aktuell nicht die Möglichkeit, seine Klasse unter Beweis zu stellen. Der Schwede Johan Hagberg auch nicht, ebenso der Kroate Luka Fucec. Gemein ist allen zum einen, dass sie auf eine Saisonfortsetzung im Frühjahr hoffen – und zum anderen, dass sie dank Carsten Zulauf in Stadtallendorf spielen.

Der 42-Jährige ist selbst seit vielen Jahren beim TTV aktiv, hat lange in der ersten Mannschaft gespielt, gehört jetzt dem Verbandsliga-Team an. Er hat die ausländischen Spieler zu seinem eigenen Verein vermittelt – weil sie gut Tischtennis spielen können, keine Frage, aber auch, weil sie „das Herz am rechten Fleck haben“. Es ist ihm wichtig, dass Spieler und Club zusammenpassen. Das gilt nicht nur, wenn es um den TTV Stadtallendorf geht.

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Viel Geld verdient er mit der Nebentätigkeit nicht

Zulauf ist ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt geworden – und Ansprechpartner sowohl für Aktive aus aller Welt, die in Deutschland eine sportliche Herausforderung finden möchten, als auch für Vereine, die nach Verstärkung suchen. Ein Vereinsmanager habe ihn mal als „Mino Raiola des Tischtennis-Sports bezeichnet“, berichtet Zulauf. Ein großer Unterschied: Der Italiener Raiola, Vermittler von Fußballstars, kassiert für eingefädelte Deals nicht selten Millionen-Beträge. Er habe mal „zum Spaß ausgerechnet, dass ich mehr als 30 000 Tischtennis-Spieler vermitteln müsste, um auf den Betrag zu kommen, der bei einem Wechsel eines durchschnittlichen Bundesliga-Fußballers fällig wird“, erzählt Zulauf.

Reichtümer kann der Stadtallendorfer, der hauptberuflich in der Konzernstrategie der Deutschen Vermögensberatung tätig ist, mit seiner Nebentätigkeit also nicht anhäufen. Auch wenn er insbesondere während der Transferfenster im Frühling sowie im November nicht selten mehrere Stunden täglich vor und nach der eigentlichen Arbeitszeit telefoniert, manches persönliche Treffen hat, Videos schaut und Statistiken wälzt, um Potenziale einschätzen zu können; ihm macht es Spaß, Spielern zu helfen, sich sportlich, aber auch persönlich weiterzuentwickeln.

So war es auch bei einem jungen Indonesier, den er vor einigen Jahren zweimal für jeweils ein paar Monate an deutsche Vereine vermittelte. Als der Spieler wieder in seiner Heimat war, zerstörte ein Tsunami das Haus, in dem er mit seiner Familie lebte. Gemeinsam mit den ehemaligen Vereinen des jungen Mannes initiierte Zulauf eine Spendenaktion, durch deren Erlös die Behandlungskosten für Vater und Schwester des Tischtennisspielers bezahlt und ein Teil des Wiederaufbaus finanziert wurden. Solche Geschichten seien es, sagt Zulauf, „die zählen und in Erinnerung bleiben“.

Los ging es mit einem Freundschaftsdienst

Was er rückblickend als „Geburtsstunde“ seiner Spieleragentur betrachtet, war als Freundschaftsdienst gedacht: Ein ehemaliger tschechischer Mitspieler in Stadtallendorf hatte im Frühjahr 2015 beim TTV keinen Anschlussvertrag mehr bekommen. Zulauf half bei der Vereinssuche – letztlich wollte eine Handvoll Clubs den Spieler verpflichten. Für die, die nicht zum Zug kamen, „habe ich den Spieß einfach umgedreht und bin für sie auf Spielersuche gegangen. Damit habe ich den Stein ins Rollen gebracht.“

Derzeit gehören knapp 200 Spieler, die Zulauf vermittelt hat, deutschen Vereinen vom Bezirksober- bis zum Bundesligisten an. Weitere sollen folgen, zum Beispiel das größte brasilianische Talent: Der 14-jährige Leonardo Kenzo Iizuka, dem eine große Zukunft vorausgesagt wird, soll für Oberligist Eintracht Frankfurt an die Platte gehen, wenn die Saison fortgesetzt wird – für den Stadtallendorfer ein „ganz besonderer Deal“. Am liebsten wäre der Teenager direkt für längere Zeit nach Deutschland gekommen, Zulauf hatte jedoch aufgrund seines Alters Bedenken. „Ich habe mich dann mit den Eltern erst einmal auf ein zweimonatiges Gastspiel geeinigt und zudem angeregt, dass entweder sein Vater oder seine Mutter ihn begleitet.“

von Stefan Weisbrod

24.12.2020
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