Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Bei den heimischen Fans überwiegt die Skepsis
Sport Lokalsport Lokalsport Bei den heimischen Fans überwiegt die Skepsis
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:28 07.05.2020
Ein Anblick, an den sich Fußballfans wohl gewöhnen müssen: Wie hier im Europa-League-Spiel Eintracht Frankfurt - FC Basel im März wird es auch in der Bundesliga zunächst nur mit sogenannten Geisterspielen, also ohne Fans in den Arenen, weitergehen. Quelle: Uwe Anspach
Anzeige
Marburg

Die seit Mitte März ausgesetzte Spielzeit wird allerdings mit Geisterspielen, also ohne Zuschauer, fortgesetzt (siehe Seite 14). Die OP hat mit heimischen Trainern, Funktionären, Fans und Spielern gesprochen. Wenngleich die Freude über den geplanten Neustart bei den meisten groß ist, so herrscht zum Teil auch große Skepsis.

„Ich freue mich, dass es wieder losgeht – vorausgesetzt, dass die vereinbarten Hygienevorschriften auch eingehalten werden“, sagt Paul Will . Der gebürtige Breidenbacher spielt seit 2018 für den FC Bayern München II, inzwischen in der 3. Liga. „Fußball ist einfach ein riesiger Teil unserer Gesellschaft. Zu sehen, dass es wieder losgeht, kann Motivation für die restliche Bevölkerung sein. Damit ist ein Stück Normalität zurück, wenn man wieder Fußball in der Sportschau oder bei Sky sehen kann“, sagt der 21-jährige Fußballprofi, der bei Saison-Vorbereitungsturnieren bereits mit Manuel Neuer & Co. für den Deutschen Rekordmeister auf dem Platz stand.

Anzeige

„Gemischte Gefühle“

Ralf Löwer schlägt in dieselbe Kerbe. Zwar blickt der Vorsitzende des Gruppenligisten SG Lahnfels „mit gemischten Gefühlen“ auf die gestrige Entscheidung, „allerdings freue ich mich, dass es mal wieder ein anderes Thema gibt außer Corona und dass man abschalten kann“, sagt Löwer, der auch Vorsitzender des Borussia-Mönchengladbach-Fanclubs „Alte Fohlen“ ist. Angesichts von etwa 100 Jugendlichen und zirka 400 Vereinsmitgliedern findet es Löwer aber schwierig, „dass der große Fußball zelebriert wird, während das Fußballspielen vor der eigenen Haustüre nicht möglich ist“. Die Amateure können ihre Saison im Gegensatz zu den Profis (noch) nicht fortsetzen. „Das ist dann nach außen schwierig zu vermitteln“, meint Löwer.

Auch Andreas Sinkel sieht „zwei Seiten der Medaille“. Der frühere Trainer der Sportfreunde Blau-Gelb Marburg und des SC Gladenbach und jetzige Coach des C-Ligisten SV Dornholzhausen kann die Entscheidung aus wirtschaftlichen Gründen nachvollziehen und findet generelle Lockerungen gut. „Ich glaube aber, dass die Entscheidung in Sachen Bundesliga zu mehr Ärger führen wird“, sagt Sinkel. Hintergrund: die Ungleichbehandlung von Fußballprofis und normalen Bürgern, die durch Auflagen weiter beschränkt seien, könne zu Ungerechtigkeitsempfinden führen, dies wiederum zu „Verdruss und Ärger“, meint der Übungsleiter. „Deshalb könnte ich mir vorstellen, dass sich nun bestimmte Leute an gewisse Einschränkungen auch nicht mehr halten“, befürchtet Sinkel.

„Fader Beigeschmack“

Skeptisch wegen der Testkapazitäten ist hingegen FSV Schröcks Trainer Maurice Jauernick ). „Ich sehe die Wiederaufnahme des Bundesliga-Spielbetriebs sehr kritisch. Denn auf der einen Seite heißt es, dass flächendeckende Tests von Personen nicht möglich sind, auf der anderen Seite werden Profis alle paar Tage getestet“, sagt der Coach. Als Fan freue ihn zwar, dass demnächst wieder in der Bundesliga gespielt wird, es bleibe aber „ein fader Beigeschmack“. Zumindest bei der Elf vom Elisabethbrunnen werde man nun auch angesichts der Lockerungen für den Vereinssport „nicht direkt auf den Platz springen“, so „Momo“ Jauernick. „Wir warten erst einmal ab, was der Hessische Fußball-Verband nun sagt.“ Der will sich am 16. Mai über die weiteren Schritte äußern.

Etwas Bauchschmerzen bereitet Fans wie Funktionären die Tatsache, dass die Partien im deutschen Fußball-Oberhaus vorerst nur unter Zuschauerausschluss stattfinden werden. „Prinzipiell habe ich nichts dagegen, dass Fußballer mit Geisterspielen ihren Beruf ausüben können“, sagt Edmund Euker , Vorsitzender des Verbandsligisten SV Bauerbach. Doch nachdem er sich die Europapokal-Spiele von Borussia Dortmund (gegen Paris Saint-Germain) und Eintracht Frankfurt (gegen FC Basel) vor leeren Rängen im Fernsehen angeschaut hat, kommt Euker zu dem Schluss: „Das ist der absolute Horror.“ Zumal man erkenne, dass die fußballerische Qualität nicht dieselbe sei, als wenn mit Stimmung der Fans gespielt würde.

Werner Fleckna hat wie alle Befragten „vollstes Verständnis“ dafür, dass der Fußball derzeit hinten anstehen muss. „Denn es gibt nun mal viel wichtigere Dinge“, sagt das Vorstandsmitglied des EFC Adlerhorst Stadtallendorf, mit 824 Mitgliedern der größte Fanclub von Eintracht Frankfurt in Deutschland. Doch auch Fleckna, der gewissermaßen Dauergast in der Frankfurter Arena ist, meint: „Geisterspiele sind eben nur das kleinere Übel. Wenn man Fußball sehen will, ist das die Basis, aber wenigstens rollt der Ball.“ Eine Einstellung, mit der sich dieser Tage wohl viele eingefleischte Fans trösten.

Von Marcello Di Cicco

Anzeige