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Lokalsport Marco Beyer kämpft im Dunkeln
Sport Lokalsport Lokalsport Marco Beyer kämpft im Dunkeln
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18:00 22.10.2019
Marco Beyer (links) und sein Trainingspartner Bill Herndon demonstrieren verschiedene ­Selbstverteidigungstechniken. Dabei trägt Herndon eine Simulationsbrille.  Quelle: Karin Waldhüter
Kirchhain

Marco Beyer steht hochkonzentriert auf einer Matte im Dojo (Ort des Übens). Sehen kann er seinen Gegner nicht. Aufgrund einer Makula-Degeneration ist er seit 17 Jahren blind, doch das sieht man ihm beim Treffen im Kirchhainer Fitnessclub „Bodyproject“ nicht an. „Wenn der Gegner nicht redet, hab ich erst einmal ein Problem“, beschreibt der Marburger Kampfsportler, während ihm sein Trainingspartner Bill Herndon direkt gegenüber steht.

Denn bei allem, was der Gegner tue, sei der Kontakt wichtig. Bei einem kontaktlosen Angriff versuche er, Stimmen und Geräusche einzuordnen. Seine Bewegungen sind fließend, blitzschnell und mit einem leichten Ausfallschritt hat er den Demonstrationsangriff auf sein Handgelenk abgewehrt. Im Zuge der „Woche des Sehens“ bot Marco Beyer einen Workshop für sehgeschädigte Jugendliche und Erwachsene an.

Für den Fall, dass ein Sehender kommt, hatte er spezielle Brillen mitgebracht, die vermitteln sollten, wie verschiedene Augenkrankheiten zu ganz verschiedenen Auswirkungen führen. Seit Sommer ist Marco Beyer Träger des 1. Dan in Taidô Ryû Jû Jûtsu und unterrichtet seitdem in der Kampfkunst „Blindai Dô“. Sie beschreibt in Bezug auf Menschen mit eine Sehschädigung die Techniken der japanischen Selbstverteidigungskunst Taidô Ryû Jû Jûtsu.

Keine Kraft
notwendig

„Blindai Dô schlägt eine Brücke zu blinden und sehenden Menschen“, beschreibt Beyer. Immer an seiner Seite sind „seine Augen“, sein Blindenführhund „Ringo“. Im Laufe der Zeit habe er in Zusammenarbeit mit anderen Großmeistern, Meistern und Sportkollegen dieses System in Hinblick auf die Anwendbarkeit für Sehgeschädigte Menschen entwickelt.

Zu 80 Prozent ziele das System auf Techniken, bei denen ein direkter Kontakt bestehe. Kernpunkt sei, dass sich ein Unterlegener, der von einem Überlegenen angegriffen werde, zur Wehr setzen könne. „Dazu braucht es keine Kraft“, verdeutlicht Beyer.

Denn die Techniken funktionieren alle über verschiedene Hebel, wie den Fingerhebel oder Handgelenkhebel, der dann einen Schmerz auslösen. „Sport bedeutet für mich ganz viel Lebensqualität, mal abgesehen von der Kunst und dem Training habe ich dadurch ganz viele Menschen kennengelernt“, erzählt er.

Selbstbewusstsein habe er auch dadurch gewonnen, etwas zu tun, was er nicht sehen könne. Marco Beyer ist ein außergewöhnlicher Mensch, der trotz seiner Blindheit viel Lebensfreude ausstrahlt. „Das tolle daran ist, dass ich etwas mit sehenden Menschen machen kann, dies nicht extra in einem speziellen Umfeld tun muss und ich dort ein ganz normaler Mensch bin“, so Beyer, der die Steigerung des Selbstwertgefühls an andere weiter geben will.

Kampfsport betreibt Beyer seit seiner Jugend

Das sei für ihn Motivation, sehbehinderten Menschen den Kampfsport weiterzugeben. Kampfsport betreibt Beyer seit seiner Jugend und er hat von Karate über Judo und Taekwondo einiges ausprobiert. Bei Thomas Jounki trainiert Marco Beyer immer mittwochs. Neben verschiedenen Kursangeboten in Marburg wird er ab dem 26. Oktober im Kirchhainer Fitnessclub Blindai Dô anbieten.

In seiner Autobiographie mit dem Titel „The Blind Jiuka - das Leben des Marco Beyer in der Welt der Sehenden“ gibt der Kampfsportcoach Einblicke in sein Leben. Wie sein Alltag verläuft, welche Rolle sein Hund spielt und wie sich Kampfsport mit einer Sehbehinderung verbinden lässt, gibt er bei Vorträgen und Besuchen an Kindergärten, Schulen und Kampfschulen weiter.

Daneben berät er Firmen im Umgang mit Blinden und gibt seine Erfahrungen im Bereich Blindenführhunde an Interessierte weiter. Die 18. Woche des Sehens stand unter dem Thema „Nach vorne schauen“ und wollte auf die Bedeutung guten Sehens aufmerksam machen.     

von Karin Waldhüter