Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Taime Kuttig will im Marburger Trikot und mit dem Nationalteam erfolgreich sein
Sport Lokalsport Lokalsport Taime Kuttig will im Marburger Trikot und mit dem Nationalteam erfolgreich sein
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:00 14.10.2021
Taime Kuttig beim Bundesliga-Spieltag 2019 in Marburg gegen Andrej Tichonov von Borussia Dortmund (gelbes Trikot). Vor zwei Jahren wurde das Blista-Team Meister – und diesem Wochenende kämpft es nun in Hamburg auf die Chance auf den diesjährigen Titel.
Taime Kuttig beim Bundesliga-Spieltag 2019 in Marburg gegen Andrej Tichonov von Borussia Dortmund (gelbes Trikot). Vor zwei Jahren wurde das Blista-Team Meister – und diesem Wochenende kämpft es nun in Hamburg auf die Chance auf den diesjährigen Titel. Quelle: Foto: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Er spricht nicht von „wollen“, er spricht von „müssen“: „Wir müssen gegen St. Pauli gewinnen“, sagt Taime Kuttig vor dem vierten Spieltag der laufenden Blindenfußball-Bundesliga-Saison. „Wir wollen Meister werden, dafür brauchen wir den Sieg.“ Überheblich ist der 29-Jährige nicht. Er weiß, dass die „Kiezkicker“ favorisiert, weil „individuell besser besetzt“ sind. „Aber wir wissen auch um unsere Stärke.“ Das nötige Selbstbewusstsein ist vorhanden.

Es kommt nicht von ungefähr. Vier Bundesliga-Titel hat er mit dem Marburger Team bereits gewonnen, den bislang letzten vor zwei Jahren. Nach der Grundschule war der gebürtige Stuttgarter aus Schwaben nach Marburg gezogen, zog ins Internat der Blindenstudienanstalt, besuchte die Carl-Strehl-Schule, meldete sich für die Blindenfußball-AG an. Er hatte „den Traum, den wahrscheinlich fast jeder als Kind hat“, erzählt Kuttig im Gespräch mit der Oberhessischen Presse: „Ich wollte Profifußballer werden.“ Jetzt, schon seit vielen Jahren, spielt er tatsächlich auf professionellem Niveau.

Leistungsträger

Nicht nur in der Mannschaft der Sportfreunde Blau-Gelb Blista Marburg ist er einer der Leistungsträger, sondern auch im deutschen Nationalteam. Das hat es bislang nicht in die Spitze geschafft, war nicht für die Paralympics in diesem Jahr in Tokio qualifiziert. Zu den nächsten Sommerspielen aber, ist Kuttig überzeugt, könnte es klappen: „Paris 2024 ist definitiv ein Ziel.“ Nach der Heim-EM 2017 sei es gelungen, die Defensive zu stabilisieren. „Wenn wir daran anknüpfen und in der Offensive stärker werden, spielen wir nächstes Jahr bei der EM um den Titel mit“, ist er überzeugt. In diesem November soll ein Testspiel gegen England stattfinden. „Dann wissen wir, wo wir aktuell stehen“, sagt der 29-Jährige.

Die Briten gehören zu den Topteams in Europa, weltweit sind Brasilien, Argentinien, China und der Iran führend, Marokko machte mit dem vierten Platz in Tokio auf sich aufmerksam. Bei einer WM – die nächste soll 2023 stattfinden – unter die Top Drei zu kommen, sei „aktuell noch utopisch“, sagt Kuttig.

Auf die Turniere in den kommenden Jahren freut er sich. Zunächst gilt seine ganze Konzentration aber dem Marburger Team, dem großen Ziel in der Bundesliga. Um sich optimal vorbereiten zu können, ist Kuttig, der von Geburt an sehbehindert ist und als Jugendlicher seine Restsehkraft verloren hatte, nach Abschluss seines Studiums in Köln im Sommer zurück nach Marburg gezogen, wohnt in Cappel, nahe dem Blindenfußballplatz. Seit wenigen Wochen ist er bei der „DFB-Stiftung Sepp Herberger“, die Veranstalter der Bundesliga ist, als Event-Inklusionsmanager angestellt. Einmal pro Woche fährt er nach Hennef zur Geschäftsstelle, an den übrigen Tagen arbeitet er zu Hause. „Ich kann mir die Zeit meist frei einteilen, mich nach dem Training richten“, erklärt er, findet das „optimal“.

Ohne ausreichendes Training, sagt er, würde es nicht gehen. Er erklärt: „Blindenfußball auf diesem Niveau ist Hochleistungssport. Es gibt einige wichtige Komponenten: Kraft, Ausdauer, Koordination, Raumorientierung. Das unterschätzen viele.“ Im Vergleich zum normalen Fußball gehe es in den Zweikämpfen „oft ein bisschen ruppiger“ zu. Kuttig, der vor wenigen Tagen beim Laufen umgeknickt ist und hofft, dass ihn sein dicker Knöchel am Wochenende nicht beeinträchtigt, mag das robuste Spiel, beschreibt sich selbst als zweikampfstark. „Ich finde es gut, wenn es zur Sache geht.“

Wochenendspiele

Am kommenden Wochenende wird es sicherlich zur Sache gehen, vor allem beim Aufeinandertreffen der Meisterschaftsanwärter aus Marburg und vom FC St. Pauli – ausgerechnet in Hamburg. „Wir sind gern diejenigen, die die Gastgeber ärgern.“ Zuletzt gelang das in Stuttgart bedingt: Gegen den MTV, amtierender Meister, spielten die Sportfreunde 0:0. „Wir hatten gute Chancen, leider haben wir sie nicht genutzt.“ Die Stuttgarter sind als drittes Team noch im Titelrennen, wobei Kuttig überzeugt ist: „Wer am Samstag gewinnt, wird Meister.“ Anpfiff ist um 17 Uhr.

Am Sonntag um 12 Uhr steht für die Blau-Gelben noch die Partie gegen Liganeuling BSV Wien auf dem Plan, ein Sieg gegen das noch punktlose Tabellenschlusslicht ist Pflicht. Die Entscheidung fällt am letzten Oktober-Wochenende beim Spieltag in Bonn, bei dem auch St. Pauli und Stuttgart gegeneinander spielen. Marburg trifft dann auf den aktuellen Tabellenvierten Borussia Dortmund.

Von Stefan Weisbrod