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Lokalsport Der, der fast überall gepfiffen hat
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20:28 01.04.2020
Schiedsrichter Hans-Jakob Geissler aus Sterzhausen. Quelle: Thorsten Richter
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Sterzhausen

Vor Wochen – noch vor Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie – kam es bei der Begegnung in der Fußball-Bundesliga zwischen RB Leipzig und Borussia Mönchengladbach zu einem Aufreger, über den tagelang diskutiert wurde. Schiedsrichter Tobias Stieler zeigte Mönchengladbachs Alassane Pléa innerhalb weniger Sekunden zweimal die gelbe Karte – die zweite kassierte Pléa für eine abfällige Geste gegenüber Stieler – und verwies ihn aufgrund neuer Regeländerungen somit des Platzes.

Auch dem ehemaligen Schiedsrichter Hans-Jakob Geißler sind die Veränderungen bekannt, beteiligt er sich doch noch immer wenn möglich an den Schiedsrichtersitzungen in Bauerbach. „Ich bin der Meinung, dass Stieler in diesem Moment das Fingerspitzengefühl fehlte. Er hat damit die Kontrolle über das Spiel verloren“, spricht sich Geißler eher widersprüchlich zu der Regel aus.

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Der Sterzhäuser ist dem Fußball also nach wie vor sehr aktiv verbunden. „Leider findet ja derzeit nichts statt – weder Spiele noch Schiedsrichter-Versammlungen. Das ist traurig genug. Aber es geht im Moment einzig und allein um die Gesundheit. Und die ist viel, viel wichtiger als der Fußball und alles andere“, sagt Geißler. Er befürworte die zahlreichen Absagen, die zahlreichen Verlegungen und mahnt: „Man sollte nicht zu früh wieder anfangen, stattdessen lieber etwas länger warten.“

In diesem Jahr wurde Hans-Jakob Geißler bei dem Kreisschiedsrichtertag 2020 in Bauerbach für 60 Jahre Schiedsrichtertätigkeit geehrt. „Ich habe 1959 meinen Schiedsrichterschein gemacht und bis Ende der 1980er-Jahre gepfiffen und auch andere Schiedsrichter beobachtet. Dann fingen leider meine Rheuma-Probleme an“, schildert der 78-Jährige. Eingesetzt wurde er damals in der B-Klasse, der A-Klasse und in der Bezirksklasse. „Es wäre auch möglich gewesen, in der Gruppenliga zu pfeifen, aber dafür fehlte mir das Gespann“, erinnert sich Geißler.

Auf seine aktive Schiedsrichterkarriere schaut er immer noch gerne zurück. „Es hat mir immer Spaß gemacht zu pfeifen. Ich habe mit Sicherheit an die 900 Spiele geleitet und weiß gar nicht, wo ich nicht gepfiffen habe“, schwelgt der Fußballfanatiker in Erinnerungen.

Dabei war es nicht unbedingt vorhersehbar, dass er solch eine lange Schiedsrichterkarriere hinlegen würde. „Ich habe auch ein paar Jahre selbst in der Jugend beim FSV Sterzhausen gespielt. Im Januar 1951 bin ich mit einem Bekannten spontan nach Marburg gefahren, um meine Schiedsrichterprüfung zu machen. Wir wollten einfach mal sehen, wie wir das machen“, blickt Geißler zurück.

In diesen knapp 30 Jahren erlebte Hans-Jakob Geißler Geschichten, die heutzutage nicht mehr vorstellbar sind. „Ich musste zum Beispiel einmal als Linienrichter mit zwei Kollegen nach Niederrodenbach und wollte den Schiedsrichter vorher abholen. Der war aber nicht zu Hause, sondern in einer Kneipe und hat dort Bundesliga geschaut. Ich muss aber ehrlich sagen, dass er dann das Spiel seines Lebens gepfiffen hat. Trotzdem habe ich mir gesagt: Einmal und nicht wieder“, erzählt er schmunzelnd.

Auf der anderen Seite erlebte Geißler auch die Schattenseite des Sports. „Vor einem B-Klasse-Spiel kam auch schon einmal ein Vereinsmitglied zu mir und wollte mir etwas zustecken, damit ich das Spiel manipuliere. Ich habe ihm noch die Möglichkeit gegeben, sofort wieder zu gehen, bevor ich etwas melde.“ Diese Art zeichnete Geißler über seine gesamte Karriere aus. „Er war immer ein sehr korrekter und konsequenter Schiedsrichter, der von den Spielern respektiert wurde“, beschreibt sein Sohn Matthias Geißler. Hans-Jakob Geißler ergänzt: „Ich habe großen Wert auf Kommunikation gelegt und musste sehr selten die Rote Karte benutzen.“

Nach dem Ende seiner aktiven Schiedsrichterkarriere zog Geißler sich jedoch noch nicht zurück. „Ich habe mich danach weiter beteiligt und an allen Versammlungen teilgenommen, aber keinen direkten Posten eingenommen. Dafür hatten wir genug Leute.“

Somit kann sich Geißler nach wie vor aktiv an den Diskussionen rund um Schiedsrichter und ihre Entscheidungen beteiligen. Aus seiner Meinung macht er dabei keinen Hehl. „Ich bin zum Beispiel kein großer Freund vom Videoassistenten. Ich finde, dass der Vierte Offizielle mehr Entscheidungsgewalt bekommen sollte“, schlägt Geißler vor. Der Assistent, der sich sonst um die Ordnung in den Coaching-Zonen der Vereine kümmert, könne demnach mit einem Monitor ausgestattet und mehr in das Spiel eingebunden werden.

Drastischere Maßnahmen fordert das Vereinsmitglied des FSV Sterzhausen im Bezug auf Gewalt und Rassismus, vor allem, da die Vorfälle sich häufen. „Denjenigen, die Spieler rassistisch beleidigen, sollte man ein lebenslängliches Stadionverbot geben. Die Betroffenen sind genauso Menschen wie wir auch.“ Fassungslos zeigt sich Geißler auch hinsichtlich Attacken auf die Unparteiischen. „Das ist das Allerletzte. Da fehlt den Leuten der Respekt und die Erziehung“, beurteilt er die jüngsten Entwicklungen mit Sorgenfalten.

Nichtsdestotrotz halten diese Vorfälle den Sterzhäuser nicht von seiner Leidenschaft ab. „Der Fußball ist nach der Familie einer der schönsten Sachen im Leben. Ich freue mich, dass ich immer noch fit bin und daran teilnehmen kann“, sagt Geißler.

Stellt sich die Frage, wann das wieder der Fall sein wird. Wann Hans-Jakob Geißler also wieder mal wieder auf den Sportplatz gehen kann, um seinen FSV Sterzhausen anzufeuern und wann er wieder einmal an den Schiedsrichterversammlungen teilnehmen kann.

Alles hängt nun davon ab, wie sich die aktuelle Lage rund um die Coronavirus-Pandemie entwickelt. „Hoffen wir das Beste“, sagt Geißler.

Von Michael E. Schmidt

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