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Lokalsport Centerspielerin mit gutem Händchen
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00:16 27.12.2018
Alexandria Kiss-Rusk (rechts, gegen Hannovers Ivana Brajkovic) kann nicht nur in Korbnähe punkten. Die Centerspielerin verfügt auch über einen guten Wurf aus der Distanz. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

„Ein bisschen“, sagt Alexandria Kiss-Rusk auf Deutsch. Ein bisschen könne sie Deutsch sprechen und verstehen. Die Kanadierin, die auch über einen ungarischen Pass verfügt, ist seit dem Sommer in Marburg und spielt für die Blue Dolphins. Und mit ihrer amerikanischen Teamkollegin Paige Bradley lernt sie an der Uni Deutsch. Was durchaus etwas über die Einstellung der 24-Jährigen verrät.

Alex Kiss-Rusk ist nicht hier, um einfach nur eine schöne Zeit zu verbringen und ein bisschen Basketball zu spielen. Alex Kiss-Rusk will. Sich einbringen zum Beispiel, sich verbessern, dazulernen. „Man hört ja viel von Leuten, die im ersten Jahr auf professioneller Ebene spielen“, sagt die Centerspielerin. Darunter seien dann auch viele Horror-Storys. Insbesondere die Spielerinnen von Übersee würden sich mehr um ihre eigenen Statistiken kümmern als darum, ob ihre Mannschaft gewinnt oder verliert.

Der Trainer sorgt für gute Stimmung

In Marburg sei das anders. „Die drei Importspielerinnen sind schon seit Jahren hier“, sagt Kiss-Rusk über Tonisha Baker, Katie Yohn und Paige Bradley. „Das spricht ja für den Team-Spirit. Diese Kameradschaft ist einzigartig für dieses hohe Level an Professionalität. Das war eine angenehme Überraschung für mich.“ Vom ersten Tag an habe sie sich wohlgefühlt.

Der famose Saisonstart - die erste Niederlage gab es erst zum Start der Rückrunde am Freitag (21. Dezember) - tat sein übriges: „Es macht immer mehr Spaß, wenn du gewinnst“, sagt Kiss-Rusk. Ein weiterer Grund für die gute Stimmung ist für sie Trainer Patrick Unger: „So sehr er sich um die Sachen kümmert, die auf dem Feld passieren, so sehr denkt er auch über die Dinge außerhalb des Feldes nach“, sagt die 1,93 Meter große Centerspielerin, die sich auch wegen Unger dem BC Pharmaserv Marburg angeschlossen hat.

Er sei einer der wenigen Trainer gewesen, der sie während ihrer Phase der Entscheidungsfindung tatsächlich angerufen habe. „Er wollte wissen, was ich an meinem Spiel verbessern will“, verrät Kiss-Rusk. Das sei ein wichtiger Aspekt für sie gewesen. „Ich hatte den Eindruck, dass er sich wirklich für meine persönliche Entwicklung interessiert – was nicht unbedingt üblich ist bei Trainern von Profi-Teams.“

Gutes Bauchgefühl
 nach dem Telefonat

Auch Patrick Unger wusste nach dem Telefonat, dass es passen könnte. „Ich hatte einen guten Eindruck. Und mein Bauchgefühl hat sich bestätigt“, sagt der BC-Coach nach der Hälfte der Saison. Den Tipp, sich Kiss-Rusk anzuschauen, hatte er vom früheren Bundesliga-Trainer René Spandauw bekommen, der inzwischen als Cheftrainer am Basketball-Internat in Grünberg tätig ist.

Vor ihrer Zeit in Marburg spielte Kiss-Rusk für die McGill Universität im kanadischen Montreal, wo sie auch geboren und aufgewachsen ist. Im Jahr 2017 gewann sie die nationale College-Meisterschaft und wurde zur wertvollsten Spielerin des Finalturniers gewählt. „Ich komme aus einer kleineren Liga
 mit weniger Teams“, ordnet sie das Niveau im Vergleich zur Bundesliga ein. Hier habe sie es mit einer größeren Vielfalt von Spielertypen und unter dem Korb auch teilweise mit größeren Gegnerinnen zu tun als in Kanada. Das stelle sie vor die Herausforderung, physischer zu spielen „und zu lernen, wie ich gegen die verschiedenen Spielertypen punkten kann“.

Bislang hat das in der Bundesliga gut funktioniert. Rund 10 Punkte im Durchschnitt steuert Kiss-Rusk in dieser bisher so erfolgreichen Saison bei, krallt sich außerdem pro Spiel etwa 8 Rebounds. Die Tabellenführung sei das Ergebnis harter Arbeit, ist sie überzeugt. Jede Trainingseinheit sei eine Herausforderung und die Spielerinnen würden gegenseitig versuchen, es besser zu machen.

Körpergröße reicht in Europa nicht immer

Deshalb glaubt die Kanadierin, die aufgrund ihres ungarischen Passes nicht das Ausländerkontingent belastet: „Alles ist möglich. Mit unserem Potenzial, unserer Arbeitseinstellung und unserem Trainerstab können wir uns selbst in die Lage bringen, die Meisterschaft zu gewinnen.“ Das werde aber nicht von selbst passieren. „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“

Die 24-Jährige selbst möchte sich in der Defensive gegen zum Korb ziehende Spielerinnen verbessern und sich in der Offensive gegen größere und physisch stärkere Gegenspielerinnen besser durchsetzen können. „Während meiner Karriere konnte ich mich immer auf meine Körpergröße verlassen – aber hier kann ich das nicht mehr so sehr“, sagt sie.

Für ihre 1,93 Meter hat Kiss-Rusk dafür ein feines Händchen. Sogar von außen stellt sie eine echte Bedrohung dar, was für die Centerposition nicht nur im Frauenbasketball eine Seltenheit ist. „Sie ist sehr selbstbewusst“, sagt BC-Trainer Unger. „Alex kann innen und außen scoren. Defensiv ist sie noch keine fertige Spielerin. Da wollen wir sie besser machen.“

Ort stand Pate für ungewöhnlichen Vornamen

Das Talent hat Kiss-Rusk von ihrem Vater Rick und ihrer Mutter Annette, die wie ihre Großeltern Ungarin ist, in die Wiege gelegt bekommen. Beide spielten wie die Tochter in Montreal für die McGill Universität und lernten sich dort kennen. Ihren ungewöhnlichen Vornamen Alexandria verdankt Kiss-Rusk dem anderen Teil der Verwandtschaft: Der Rufname ihres Großvaters sei Alex gewesen. „Und es gibt tatsächlich eine Stadt mit dem gleichen Namen in Ontario, wo meine Großmutter geboren wurde.“

Den Schritt nach Europa zu wagen, hatte Alex Kiss-Rusk immer im Hinterkopf. Sicher war sie sich nach ihrem vierten von fünf Jahren an der Uni, wo sie soziale Arbeit und Psychologie studiert hat. Zuvor besuchte sie drei Jahre lang die Highschool in Boston, weshalb ihr Herz denn auch ein kleines bisschen für die Celtics in der NBA schlägt. Und für Superstar LeBron James, der mittlerweile für die Los Angeles Lakers aktiv ist. „Es macht Spaß ihm zuzuschauen. Seine Spielweise ist herausragend. Er macht für sein Team alles, was nötig ist.“

Das versucht Alex Kiss-Rusk auch für die Blue Dolphins. Außerdem will sie sich so weit verbessern, dass sie es – wie ihre Mutter – in die Nationalmannschaft schafft. Dem A-Kader, der bei der WM im September im Viertelfinale an Spanien scheiterte, gehörte die BC-Spielerin nicht an. Wohl aber der zweiten, jungen Garde, dem sogenannten „Development Team“. Ihr Ziel ist es, „zu den besten zwölf Spielerinnen zu gehören, um Kanada bei einem internationalen Turnier zu vertreten“. Vielleicht ist Alexandria Kiss-Rusk ja 2020 bei den Olympischen Spielen dabei. Und vielleicht kann sie dann sagen, dass Marburg ein Schritt auf dem Weg nach Tokio war.

von Holger Schmidt