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Lokalsport Viele Fragezeichen vor dem Saisonstart
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17:04 21.10.2020
Arbeitet nach Kreuzband-Verletzung daran, bald wieder auf dem Parkett zu stehen: Marie Bertholdt (links; hier gegen Nadjeschda Ilmberger von den Royals Saarlouis). Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Am Samstag soll der BC Pharmaserv Marburg gegen die Inexio Royals Saarlouis in die Bundesliga-Saison starten – so ist der Plan. Doch gewiss ist aktuell in Anbetracht hoher Corona-Infektionszahlen im Landkreis Marburg-Biedenkopf nichts.

Am vergangenen Samstag hätten die Blue Dolphins bereits im Pokal bei Zweitligist Capitol Bascats Düsseldorf antreten sollen, die Absage kam einen Tag zuvor. Und so sagt Trainer Julian Martinez: „Wir trainieren und bereiten uns auf unsere Spiele vor. Wir hoffen, dass wir spielen, nicht nur am Anfang, sondern die gesamte Saison.“ Was bleibt ihm und seinen Spielerinnen auch anderes übrig, als davon auszugehen?

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Sportliches Saisonziel: Playoffs souverän erreichen

Aus den Köpfen ist das Thema Corona, sind die möglichen Auswirkungen aber nicht zu bekommen. Die erste Antwort auf die Frage nach dem Saisonziel klingt ähnlich, egal ob Vorstand oder Aktive gefragt werden: „Erst mal geht’s darum, die Saison wirklich zu spielen“, sagt Spielmacherin Alex Wilke, von Martinez zur Co-Kapitänin und damit zur Stellvertreterin der durchs Team gewählten Marie Bertholdt ernannt. „Wir wünschen uns, dass wir eine möglichst reguläre Saison spielen können“, sagt Präsident Oliver Pohland. Das sportliche Saisonziel schiebt er hinterher: die Qualifikation für die Playoffs „ohne Hängen und Würgen, am liebsten unter den besten Vier, um im Viertelfinale das Heimrecht zu haben“. Dieses Ziel sei mit dem neuen Coach abgestimmt; Martinez bestätigt.

Dabei gehen die Blue Dolphins gehandicapt in die Spielzeit. Nicht nur, dass – davon ausgehend, dass die Partie ausgetragen werden kann – mindestens beim ersten Heimspiel am Samstag keine Fans dabei sein dürfen (die OP berichtete), auch personell sieht es nicht gut aus: Kapitänin Bertholdt arbeitet nach ihrem Kreuzbandriss im November vergangenen Jahres an ihrem Comeback, will möglichst schnell wieder eingreifen. Steffi Wagner wurde am Knie operiert, trainiert wieder, allerdings noch nicht mit Kontakt. Theresa Simon brach sich vergangene Woche im Training einen Finger, muss daher etwa anderthalb Monate passen.

Immerhin: Auf Megan Mullings und Jordan Stotler kann aller Voraussicht nach gesetzt werden. Die beiden US-Amerikanerinnen brauchen eine Arbeitserlaubnis. Morgen gibt es einen gemeinsamen Termin bei der Ausländerbehörde, anschließend sollten alle Formalitäten geklärt sein, erwartet Vorstand Stefan Gnau. Tonisha Baker geht bereits in ihre achte Saison beim BC, für sie liegen alle Genehmigungen vor. Bertholdt und Rachel Arthur sind zwar auch US-Amerikanerinnen, besitzen aber zudem einen deutschen Pass und fallen daher auch nicht unter die Regelung, nach dem nur drei sogenannte A-Ausländerinnen pro Partie eingesetzt werden dürfen.

Trainer mit Spielerinnen „auf einer Wellenlänge“

Er habe ein „gutes Gefühl“ bei der Arbeit mit der Mannschaft, sagt Martinez, der beim BC in große Fußstapfen tritt: Vorgänger Patrick Unger war mehr als sieben Jahre Cheftrainer der Blue Dolphins, führte sie mehrfach ins Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft und ins Top Four des nationalen Pokals, dazu einmal in ein europäisches Endspiel. In Dana Beszczynski hatte der Verein im Frühsommer bereits einen neuen Trainer gefunden, der Vertrag wurde aber auf Bitten des in Österreich lebenden US-Amerikaners aus persönlichen Gründen wieder aufgelöst.

Die Spielerinnen, so Martinez, „sind willig und wollen erfolgreich sein“. Sein Eindruck: „Wir sind auf einer Wellenlänge.“ Aufbauspielerin Wilke bestätigt das: „Es passt mit dem neuen Trainer.“ Wenngleich es einige Unterschiede zu Unger gebe: „Natürlich ist da noch nicht die Vertrautheit wie mit Patti.“ Auch taktisch ändere sich etwas: „Die Art, wie wir verteidigen, ist eine andere“, erklärt sie, will nicht zu sehr ins Detail gehen. „Ich habe den Eindruck, dass er schnell ein gutes Bild von uns bekommen hat und weiß, wo unsere Stärken liegen.“

Die Neuen beim BC im Kurzporträt

Konstanz wird beim BC seit vielen Jahren groß geschrieben. Auch in diesem Jahr sind die meisten Spielerinnen geblieben, dennoch fällt der Umbruch für Marburger Verhältnisse gewaltig aus – nicht zuletzt, weil nach dem Abgang von Patrick Unger (jetzt Jugendkoordinator bei den Gießen 46ers) in Julian Martinez ein neuer Trainer dabei ist.

Julian Martinez: Nachdem Dana Beszczynski das Traineramt aus persönlichen Gründen nach wenigen Wochen niedergelegt hatte, wurde im 50-jährigen Spanier ein Chefcoach verpflichtet. Er war bereits international erfolgreich, führte etwa 2013 Namur Capitale zur Meisterschaft in Belgien. Als Co-Trainer hatte er ein Jahr zuvor mit Fenerbahce Istanbul die Meisterschaft in der Türkei errungen. Auch für die Frauen-Nationalmannschaft von Mosambik war er bereits verantwortlich. Zuletzt ist er beim spanischen Erstligisten Campus Promete Logroño tätig gewesen.

Rachel Arthur: Die Flügelspielerin ist nach drei Jahren in Heidelberg zu den Blue Dolphins gewechselt. Sie sei in der Vergangenheit als Spielerin des Auswärtsteams von der Atmosphäre in der Georg-Gaßmann-Halle beeindruckt gewesen, berichtet sie – und hofft entsprechend, dass bald wieder Heimspiele mit Fans stattfinden können. Die 25-Jährige besitzt neben der US-amerikanischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft.

Megan Mullings: Die US-Amerikanerin kennt Deutschland bereits, in der vergangenen Saison stand sie in Göttingen unter Vertrag. Sie wolle „eine Führungsrolle auf und neben dem Feld übernehmen und ein Beispiel an Professionalität sein, aber auch Spaß mit den Mädels haben“, sagt die 27-Jährige, die meist auf der Power-Forward-Position eingesetzt wird.

Jordan Stotler: Die 1,93-Meter-Frau schließt die Lücke, die auf den „großen Positionen“ geherrscht hatte. Die US-Amerikanerin kommt direkt vom College, für die „Vikings“ der Portland State University kam sie in ihrer letzten Saison durchschnittlich auf 10,4 Punkte, 7,6 Rebounds und die beachtliche Marke von 3,1 Blocks pro Spiel. Sie wolle in Marburg „das Beste aus mir rausholen. Ich möchte mit meinen defensiven Fähigkeiten helfen, Würfe blocken und Rebounds holen“, sagt die 22-Jährige, die erst seit ergangenem Freitag in Marburg ist.

Von Stefan Weisbrod

20.10.2020
19.10.2020