Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Besonderer Erfolg feiert runden Geburtstag
Sport Lokalsport Lokalsport Besonderer Erfolg feiert runden Geburtstag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:58 31.05.2020
Die Meistermannschaft des TSV Kirchhain aus dem Jahr 1960 mit Trainer Werner Laue (hinten von links), dem Vorsitzenden Karl Marcus, Hans Feyh, Norbert Dobios, Karl-Heinz Köster, Helmut Thielemann, Fritz „Itze“ Vestweber, Betreuer Walter Baumann, Fußball-Abteilungsleiter Heinrich Hertel, Kurt Kraft (vorne von links), Richard Maciossek, Heinrich Weber, Heino Matyba, Eberhard Scheidig und Erwin Zahn. Quelle: Privatfoto
Anzeige
Kirchhain

Am 22. Mai 1960 schafften die Fußballer des TSV Kirchhain durch einen 2:0-Sieg gegen Germania Wiesbaden vor 5 500 Zuschauern den Aufstieg in die 1. Amateurliga Hessen, was der heutigen Hessenliga entspricht. „Für den TSV Kirchhain war das der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte“, sagt der 82-jährige Horst Halba, der seinerzeit als Spieler zum Team gehörte, im Gespräch mit der OP stolz. Das Hinspiel eine Woche zuvor in Kirchhain hatte vor 4 000 Zuschauern mit 1:1 geendet, zum zweiten Kräftemessen fuhr der TSV als krasser Außenseiter in die hessische Landeshauptstadt.

Der damalige Kirchhainer Doppeltorschütze Hans Feyh erinnert sich noch gut an beide Partien. „Damals hat man nach dem Spiel noch zusammen den Sportgruß ,Hip, Hip, Hurra!‘ gemacht“, erzählt der gebürtige Kirchhainer, der heute 82 Jahre alt ist und damals als Spielmacher auf dem Feld stand.

Anzeige

„Eines werde ich nie vergessen: Nach dem ersten Spiel sagten die Wiesbadener Spieler zu uns: ,Wenn ihr zu uns kommt, kriegt ihr sechs Stück.‘ Dem haben wir entgegnet: ,Das wollen wir doch erstmal sehen‘“, erinnert sich der Doppeltorschütze – und daran, dass die Tische im Vereinsheim der Germanen vor dem Rückspiel bereits „weiß gedeckt“ (Feyh) waren für die große Aufstiegsfeier. Statt Feierlaune herrschte nach der Partie allerdings Tristesse aufseiten der Gastgeber.

Dass die Ohm-städter keine sechs Gegentore, sondern überhaupt keines kassierten, lag nicht nur an den etwa 300 mitgereisten Kirchhainer Anhängern, die ihr Team unterstützten, sondern auch an Helmut Thielemann, der als Manndecker dafür zuständig sein sollte, dass der Wiesbadener Mittelstürmer seine Qualitäten nicht entfalten konnte. „Trainer Werner Laue hat vor dem Rückspiel zu mir gesagt: ,Ihrem Gegenspieler folgen Sie überall hin. Wenn er auf die Toilette geht, gehen Sie mit‘“, erzählt Thielemann.

Der gemeinsame Gang aufs stille Örtchen war nicht nötig, stattdessen biss sich der Germania-Torjäger an Thielemann und Co. die Zähne aus. „Irgendwann hat er aufgegeben“, erinnert sich der 84-jährige Kirchhainer schmunzelnd, „nachher sind wir noch Freunde geworden.“

Gar nicht beliebt beim Gegner machte sich zunächst auch Hans Feyh, der wegen eines vorherigen Zerwürfnisses mit dem hiesigen Busunternehmer privat nach Wiesbaden gefahren war und wegen einer bei der Hessenauswahl zugezogenen Leistenverletzung schon knapp ein Jahr später bereits seine aktive Karriere beenden musste. Nachdem sich Karl-Heinz Köster gegen zwei Gegenspieler durchgesetzt und anschließend die Latte getroffen hatte, versenkte Hans Feyh den Abpraller noch vor der Pause zur 1:0-Führung. Nach einem über die linke Seite von Fritz „Itze“ Vestweber vorgetragenen Angriff vollendete Feyh nach dem Kabinengang zum 2:0-Endstand. Der Aufstieg war damit perfekt.

„Als wir nach dem Spiel nach Hause kamen, hatte man für uns schon die Vereinsfahne gehisst“, erinnert sich Feyh wie Thielemann an große Jubelarien in der Ohmstadt. Ausschlaggebend war für Hans Feyh, dass die TSV-Mannschaft zu einem guten halben Dutzend aus jungen Spielern bestand, die bereits vorher eine eingeschworene Einheit waren. „Das war unsere Stärke“, sagt der 82-Jährige. Für den damals mit 19 Jahren jüngsten Spieler der Aufstiegsmannschaft und späteren TSV-Trainer Karl-Heinz Köster erwies sich zudem als „großes Glück, dass wir in Kurt Kraft, Spielführer Richard Maciossek und Norbert Dobius ganz erfahrene Leute hatten“, sagt Köster in einem Video, das der TSV Kirchhain anlässlich des Aufstiegsjubiläums auf seiner Facebook-Seite gepostet hat (siehe QR-Code).

Mitaufsteiger der Rotschwarzen aus Kirchhain waren seinerzeit Eintracht Wetzlar, bei der Peter Kunter (späterer Torwart von Eintracht Frankfurt) zwischen den Pfosten stand, sowie Kickers Obertshausen und der KSV Urberach. In der folgenden Premierensaison im hessischen Oberhaus traf der TSV unter anderem auf Derbygegner VfL Marburg. 5 000 Zuschauer sahen am 4. März 1961 den 1:0-Auswärtssieg der „Schimmelreiter“ durch ein Tor von „Schorsch“ Tripp. In jener Saison schaffte der TSV in der aus 18 Mannschaften bestehenden 1. Amateurliga als Tabellenzwölfter den Klassenerhalt: 13 Siege, 15 Niederlagen und 6 Unentschieden standen für die Ohmstädter am Ende zu Buche. Nach der zweiten Spielzeit in Folge stiegen die Rotschwarzen wieder in die 2. Amateurliga ab.

Für die TSVer bleibt der Aufstieg ins hessische Fußball-Oberhaus vor 60 Jahren der bislang größte sportliche Erfolg in der 134-jährigen Vereinsgeschichte und damit auch seit der Gründung der Fußballabteilung vor 101 Jahren.

Von Marcello Di Cicco

Anzeige