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Auf der Suche nach der EM-Euphorie
Auf der Suche nach der EM-Euphorie
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07:58 17.06.2021
EM im Kaufhaus Ahrens in Marburg – Julian Gronow und Diane May mit Deutschlandfahne und -trikot
EM im Kaufhaus Ahrens in Marburg – Julian Gronow und Diane May mit Deutschlandfahne und -trikot Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Hier im Supermarkt ist die Fußball-Europameisterschaft überall präsent. Überall? Na ja, jedenfalls in manchen Regalen. Da sind die Kaubonbons in schwarz-rot-goldener Folie. Da sind die Stapelchips in mit Fußbällen bedruckter Verpackung. Da ist das Bier, das uns verrät, wie wir in den Landessprachen der Teilnehmer-Nationen „Prost“ sagen. Und dann sind da noch, kurz vor dem Ausgang, drei Aufsteller: „Fan-Shop“ steht an einem, das „Euro 2020“-Logo prangt am zweiten und „Alles für echte Fans“ ist auf dem dritten zu lesen. Hier gibt’s Shirts, Schals, Mützen, Bälle, Wimpel, Fahnen und allerhand mehr. An Kundinnen an Kunden mangelt es nicht, innerhalb weniger Minuten kommen viele vorbei, schieben ihre Wagen Richtung Kasse. Alles keine „echten Fans“? Für die EM-Artikel interessiert sich zumindest niemand von ihnen.

Händler: Geringe Nachfrage nach Fanartikeln

Draußen, vor dem Markt, stehen Autos auf dem Parkplatz. Täuscht die Erinnerung? Waren nicht bei der Weltmeisterschaft 2006 mindestens die Hälfte der Fahrzeuge mit Fähnchen bestückt? Gab’s die nicht seitdem immer bei großen Fußballturnieren, alternativ diese „Überzieher“ für die Seitenspiegel? Bei einem schnellen Blick fallen allein drei Eintracht-Frankfurt-Aufkleber an Pkw auf, in einem liegt hinten ein Borussia-Mönchengladbach-Schal drin, in einem anderen klebt ein Saugnapf-Minitrikot der Dortmunder Borussia von innen an einer Scheibe. Aber eine Fahne? Irgendwas anderes in Schwarz, Rot und Gold? Nirgends. Gibt’s diesmal sowas wie eine EM-Euphorie einfach nicht?

Zumindest im Fachhandel ist von einer solchen wenig spürbar. „Die Nachfrage nach EM-Artikeln ist verhalten, mit jener aus den Vorjahren nicht zu vergleichen“, stellt Michael Krämer, Verkäufer in der Sportabteilung im Kaufhaus Ahrens in Marburg, fest. Wie gut sich Trikots, Fahnen und sonstige Fanartikel verkaufen lassen, hänge immer mit dem Erfolg der DFB-Elf zusammen, gibt Krämer zu bedenken. Und jener Erfolg blieb nicht nur am Dienstag bei der 0:1-Auftaktniederlage gegen Weltmeister Frankreich aus, er war schon zuvor ausgeblieben – „bei der WM 2018 in Russland und auch in der EM-Vorbereitung“, zählt Krämer auf. Überdies fehlten pandemiebedingt Veranstaltungen wie Public Viewings, für die sich Fußballfans in der Regel eindecken. „Die Fankultur muss erst wieder anlaufen“, sagt Krämer, der sich aber durchaus vorstellen kann, dass noch so etwas wie EM-Euphorie aufkommt – nämlich dann, wenn Manuel Neuer und Co. in die Erfolgsspur finden.

Weit mehr als 20 Millionen sehen deutsches Auftaktspiel

Auch Filialleiter Jens Hausmann vom Sporttreff Kirchhain hat einen „zähen Beginn“ beobachtet, was den Verkauf von Fanartikeln angeht. „Seit Montag hat die Nachfrage nach Trikots zumindest etwas angezogen – wobei der Trend eher zum schwarzen Auswärtstrikot geht“, erzählt Hausmann. Trikots anderer Nationalteams führe man in diesem Jahr nicht, die Nachfrage danach sei schon bei der letzten WM nicht so groß gewesen. „Allerdings gab es zuletzt eine große Nachfrage nach Trikots der türkischen Nationalmannschaft. Die haben wir allerdings nicht geordert“, bedauert Hausmann etwas – umso größer ist seine Hoffnung, dass mit dem Erfolg der deutschen Nationalelf auch die Absatzzahlen steigen. Einen Zusammenhang zwischen sportlichem Erfolg und Verkaufszahlen gibt es also auch in Kirchhain? „Ja“, unterstreicht Hausmann, „das merken wir sofort.“

Egal ist die EM den Menschen, jedenfalls solchen, die sich mehr oder weniger für Fußball interessieren, also ganz sicher nicht. Das Auftaktspiel von Joachim Löws Mannschaft gegen Frankreich sahen 22,55 Millionen Personen allein im ZDF vorm Fernseher. Zuschauerinnen und Zuschauer, die es anders verfolgten, etwa übers Internet oder auch in Biergärten, sind dabei nicht mit einberechnet. Das Interesse ist also fraglos vorhanden.

Und vielleicht kommt etwas mehr Euphorie auf, wenn es am Samstag im zweiten Vorrundenspiel gegen Portugal besser läuft ...

Von Marcello Di Dicco und Stefan Weisbrod