Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Angesagt ist größerer Abstand
Sport Lokalsport Lokalsport Angesagt ist größerer Abstand
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:58 10.02.2021
Joggen im Schnee an der Lahn ist eine Möglichkeit, um sich fit zu halten.
Themenfoto: Joggen im Schnee an der Lahn ist eine Möglichkeit, um sich fit zu halten. Quelle: Thorsten Richter
Anzeige
Marburg

Die OP sprach mit den Sportwissenschaftlern der Philipps-Universität Marburg, Ralph Beneke und Dr. Renate Leithäuser, über Training im Winter: Wie können sich Sportlerinnen und Sportler ohne Vereinstraining fit halten? “

Vielen Hobbysportlern ist angesichts der Corona-Pandemie die Lust am Sporttreiben vergangen. Sollten sie dennoch Lust haben, sich zu bewegen? Was wäre zu beachten?

Prof. Dr. Ralph Beneke: Grundsätzlich gilt für die Sporttreibenden, alles das zu beachten, was vor Corona-Zeiten auch zu beachten war. Alles, was einen sonst vom Sporttreiben abhalten würde, wäre hier genauso. Corona-spezifisch neu wären die speziellen Abstandsregeln. Es ging ja bereits durch die Presse, dass sich zum Beispiel auf einer beliebten Laufstrecke in Hamburg die Menschen an der Alster absolut knubbelten und dann auch noch andere mit den Fahrrädern dazwischen herumturnten. Beim Sport atmet man eben ein bisschen mehr, als wenn man nur auf dem Stuhl sitzt und hat eine größere Aerosolentwicklung. Also ist dementsprechend ein größerer Abstand angesagt.

Dr. Renate Leithäuser: Wenn man Laufen geht, sollte man entsprechend der aktuellen Regularien sowieso nicht mit vielen Menschen unterwegs sein und sich gerade auch im Sport daran halten und beachten, was die Vorgaben sind, und mit fester Laufpartnerin bzw. -partner und nicht in großen Rudeln unterwegs sein.

Beneke: Dann ist die Frage, was man jetzt gerne machen möchte. Manche Sportarten kann man durchaus auch mit Mund-Nase-Bedeckung ausüben – nicht unbedingt mit einer FFP2-Maske, die das Atmen beim Sport behindert. Solche Abdeckungen, etwa ein Schal oder eine normale Stoffmaske, die beim Sport angenehmer sind als eine medizinische Maske, sind nicht falsch und vermindern auch die Kontaminierung von anderen mit eigener Ausatemluft und entsprechenden Tröpfchen.

Beneke: Das Nächste, was man beachten sollte, ist, in Abhängigkeit davon, ob man zu der Gruppe derer gehört, die nachweislich Corona-infiziert waren. Es ist nicht 100-prozentig klar, wie lange man abwarten sollte, bis man wieder Sport treibt, und ob man unter Umständen noch etwas im Körper mit sich herumträgt, was man eigentlich für den Sport nicht haben wollte, und dementsprechend mittel- oder langfristig da nicht nur Gutes tut mit dem Sport. Doch das kann man nicht mit Bestimmtheit wissen. Aber es liegt vielleicht nahe, dass man noch genauer auf sein Körpergefühl achten sollte, wie man sich vor, bei und nach dem Sport im Vergleich zu sonst fühlt.

Leithäuser: Man sollte natürlich auch nicht gleich volle Pulle anfangen. So sollte man auch nach einer stärkeren Erkältung erst wieder moderat beginnen.

Die Immunabwehr soll gesteigert werden

Welche Auswirkungen hat die berühmte „frische Luft“ auf das körperliche und sonstige Befinden?

Beneke: Ich glaube, die Luft ist es gar nicht mal so. Es ist vielmehr das Sonnenlicht, die Helligkeit, die auch bei bedecktem Himmel deutlich stärker ist als bei der besten Beleuchtung innen. Licht ist schon ein Faktor, der für das Wohlempfinden extrem wichtig und stimmungsaufheiternd ist und in Zusammenhang mit Sonnenlichttherapie bei manchen Erkrankungen genutzt und dabei auch als Mittel zur Medikamentenreduktion eingesetzt wird. Das sehe ich zunächst mal als wichtigstes Umweltkriterium. Als Zweites: Die Luft wird sehr wichtig, wenn man unter den jetzigen Bedingungen Indoor-Sport betreibt – auch wenn man allein ist und auf einem Ergometer im Wohnzimmer vor sich hin schwitzt. Wie schon gesagt: Sport heißt viel atmen und bedeutet viel Aerosolentwicklung. Das reichert man in Räumen dann an. Also ist Belüftung sehr wichtig, auch bei eingehaltenem Abstand. Wenn man sich bewegt, ist sie noch viel wichtiger. Und man muss bedenken: Auch bei medizinischer Bewegungstherapie sind jetzt andere Abstandsregeln einzuhalten.

Leithäuser: Vom Sporttreiben draußen an der frischen Luft weiß man, dass dadurch die Immunabwehr gesteigert wird. Wenn man nur zu Hause im beheizten Zimmer hockt, ist das etwas anderes, als wenn sich der Organismus mit einer anderen Umgebung und vielfältigen Umweltreizen auseinandersetzen muss.

Keinen Sportunterricht in den Schulen

Wie wirkt sich auf Dauer der sportliche Stillstand auf die Schülerschaft aus?

Beneke: Die typischen sportmotorischen Fertigkeiten sind in der Schule jetzt schwer zu vermitteln. Es kommt nun darauf an, ob jemand bewegungsaffine Eltern hat oder nicht. Corona bringt mit sich, dass die Familien mehr aufeinander hocken Das ist bei bewegungsaffinen Eltern und deren Kindern weniger ein Problem. Die Kinder werden mit ihren Eltern mehr Dinge ausprobieren und vielleicht sogar ein paar Vorteile davon haben. Anders sieht es aus bei denen, die selbst und ihr soziales Umfeld nicht so sportaffin sind. Bei denen ist das natürlich ein Totalausfall.

Leithäuser: Es gibt ja so viele Kinder, die brennen für eine oder mehrere Sportarten. Nun ist es so, dass in der Schule der Sportunterricht nicht stattfindet und auch die Vereine weniger Angebote machen können. Da fällt für viele Kinder einiges weg.

Das kann auch psychische Probleme auslösen, wenn dies nicht durch anderweitige Aktivitäten aufgefangen werden kann. Oftmals reicht die Zeit in den Familien dafür nicht. Wenn man bedenkt, dass für viele Kinder der Schulsport die einzige Sportaktivität ist und der nun wegfällt, wird der Bewegungsmangel weiter zunehmen. Und da dauerhaft wieder herauszukommen, ist eine besondere Herausforderung.

Beneke: Ein Aspekt wird häufig übersehen, und das ist das Miteinander in der Schule, die soziale Interaktion in unterschiedlichen Gruppierungen und Organisationsformen. Der Sport als Ort der Interaktion ist da für die Schule eigentlich ein recht atypischer Raum. Dass man also tatsächlich körperlich miteinander umgeht, dass es andere Regeln gibt, dass dort auf einmal andere Ziele verfolgt werden als im normalen Unterricht, das gibt dem Leben von Kindern ein anderes Gesicht. Da fehlt nun was!

Ausdünnung der Sportangebote

Welche langfristigen Folgen befürchten Sie als Sportmediziner generell bei Fortdauer der Einschränkungen im Sportbetrieb?

Beneke: Einmal besteht die Gefahr, dass Sportangebote auf Vereinsbasis ausdünnen. Ich befürchte, dass in ganz bestimmten Finanzierungs- und Organisationskonzepten etwa Schwimmbäder schließen müssen, Vereine auch ihre Infrastruktur verlieren, weil über einen langen Zeitraum kein Vereinssport möglich war und damit sich auch neue Gewohnheiten und Präferenzen ausbilden, die erst wieder durchbrochen werden müssen. Da sehe ich die Gefahr für den Hobby- und Amateursport. Ich befürchte: Infrastruktur wird da wegbrechen. Die ist schwer wieder aufzubauen. In den leistungsorientierten Bereichen könnte ich mir vorstellen, dass einzelne Kohorten als Jahrgänge tatsächlich wegbrechen und somit Lücken entstehen im Bereich des Nachwuchses. Das ist jetzt nicht das Hauptaugenmerk aus gesundheitlicher Sicht, aber mit Sicherheit ein Punkt, der Einfluss auf die Sportaffinität ganzer Bevölkerungsgruppen hat.

Wie lange noch?

Wie lange werden wir im Sport noch unter Corona leiden müssen?

Beneke: Solange sich die Infektionszahlen in vergleichbarer Höhe halten, wird sich die Situation nicht nennenswert ändern können. In Abhängigkeit davon, in welchem Umfang die Infektionszahlen abnehmen, könnte es sein, dass das Leben wieder ein bisschen normaler wird auch bevor eine Durchimpfung erfolgt ist. Das hängt so ein bisschen davon ab, welche Organisationsformen tatsächlich tragbar sind und wie die Wettergegebenheiten im Frühjahr und Sommer werden, sodass der Totalausfall des Breitensports nicht so 100-prozentig zum Tragen kommt, wie er jetzt zum Tragen kommen muss. Aber das ist nicht absehbar. Man muss auch sagen: Je schneller eine Durchimpfung der Bevölkerung tatsächlich umgesetzt werden kann, umso eher kann man die negativen Begleiterscheinungen einer solchen Pandemie dann auch wieder ad acta legen.

Von Bodo Ganswindt