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12:58 10.03.2021
Ist nur noch bis zum Sommer Fußball-Bundestrainer: Joachim Löw.
Ist nur noch bis zum Sommer Fußball-Bundestrainer: Joachim Löw. Quelle: Christian Charisius/dpa
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Marburg

Eine Ära geht zu Ende: Nach 15 Jahren wird Joachim Löw nach der Fußball-EM in diesem Sommer das Amt des Trainers der deutschen Nationalmannschaft abgeben, der 61-Jährige wird seinen bis nach der WM 2022 laufenden Vertrag beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) nicht verlängern. Für viele heimische Experten ist die Nachricht über den angekündigten Rückzug des Bundestrainers keine allzu überraschende – vielmehr eine notwendige.

Weidenhausen und Drescher verstehen Löw

„Löw hat super Arbeit geleistet, aber dieser Schritt war überfällig“, sagt etwa Christoph Weidenhausen, Trainer des Verbandsligisten TSV Michelbach. In die gleiche Kerbe schlägt Clemens Drescher, Trainer von Gruppenligist VfB Wetter, der Löws Abgang als „verständlich, konsequent und clever“ bezeichnet, denn: „Wenn es bei der EM nicht gut läuft, wäre es für ihn noch unangenehmer geworden.

So hat er das Heft des Handelns wenigstens selbst in der Hand.“ Ohne Zweifel habe Löw in seiner Amtszeit „gute Arbeit geleistet“, lobt Drescher und erinnert an „viele Halbfinalteilnahmen schon vor dem WM-Titel 2014“. In letzter Zeit sei aber deutlich geworden, „dass die Luft raus ist, dass er keine Impulse mehr setzen kann“, findet Drescher.

Immel: Löw hat guten Job gemacht

Der frühere 19-fache Nationaltorhüter Eike Immel hat 2000 zusammen mit Löw und Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann den Lehrgang zur Fußballlehrerlizenz gemacht, nennt Löw „den Baumeister einer sehr guten WM 2006“ und bescheinigt dem Bundestrainer, „einen fantastischen Job gemacht“ zu haben – allerdings: „Nach der WM 2014 ging es immer weiter bergab.“

Zuletzt seien „sehr viele unglückliche Entscheidungen“ getroffen worden, sodass das Ansehen der Nationalmannschaft in der Öffentlichkeit stark gelitten habe. „Die Nationalmannschaft braucht jetzt ein neues Gesicht, jemanden, der die Fans mitreißt“, fordert Immel.

Stefan Kuntz, Jürgen Klopp oder Lothar Matthäus?

Weidenhausen bringt U-21-Nationaltrainer Stefan Kuntz ins Spiel, Drescher Liverpool-Coach Jürgen Klopp, „weil er mal eine andere Art mitbringen würde“. Für Immel ist klar: „Der Trainer muss unumstritten sein. Es braucht jemanden, der vorangeht.“ Wer dies sein könnte? An erster Stelle Klopp – sofern er trotz gestrigen Abwinkens verfügbar werden sollte –, aber auch Ralf Rangnick.

Oder der zuletzt von Ex-Profi Mehmet Scholl ins Spiel gebrachte Rekordnationalspieler Lothar Matthäus: „Ich finde diese Idee gar nicht schlecht, Lothar könnte das“, traut Immel seinem ehemaligen Mitspieler den Job zu, wenngleich Immel meint: „Diese Personalie würde wohl zu viele Diskussionen hervorrufen, deshalb ist es eher unrealistisch.“

Wilke hofft auf „frischen Wind“

Für Alex Wilke, Bundesliga-Basketballerin beim BC Marburg und großer Fußballfan, wäre Matthäus als Bundestrainer hingegen „absolut unvorstellbar“. Einen Favoriten hat sie nicht, hofft, dass es jemand wird, „der frischen Wind bringt“.

Das sei nach 15 Jahren mit Löw nötig, meint sie, begrüßt daher den bevorstehenden Abtritt des 61-Jährigen. „Wir sind über viele Jahre verwöhnt gewesen, was auch ein Verdienst von Jogi Löw war. Aber in den vergangenen Jahren ging es bergab, was auch an unglücklichen Entscheidungen von ihm lag.“

Schmidt ist erleichtert über Rücktritt

Peter Schmidt ist froh über Löws Rücktrittsankündigung. Eigentlich, sagt der Marburger Kreisfußballwart, hätte es bereits 2018 personelle Veränderungen geben müssen: „Das desolate Abschneiden bei der WM haben die Verantwortlichen viel zu leicht genommen, nicht nur Joachim Löw.“

Kritisch sieht er auch das Bemühen seitdem: „Es wurde immer von einem Neuaufbau gesprochen. Aber dafür braucht man auch erfahrene Leute wie Thomas Müller.“ Als Nachfolger rechnet Schmidt „eher nicht mit einem Promi“, sagt aber andererseits auch: „Falls es doch noch die Möglichkeit gibt, dass es Jürgen Klopp machen könnte, sollte man sie nutzen.“

Von Marcello Di Cicco und Stefan Weisbrod

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