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Lokalsport Als Charly Tripp zum Pokalhelden wurde
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12:58 27.12.2020
Kam als 20-Jähriger nach Mainz: Charly Tripp. Quelle: Privatfoto
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Marburg

TSV 1860 gegen FSV 05 – heute wäre der Drittligist aus München Außenseiter gegen das Bundesliga-Team aus Mainz. Die Zeiten haben sich geändert. In den 1960ern gehörten die „Löwen“ zur absoluten Spitze des deutschen Fußballs. Als die Bundesliga 1963 in ihre erste Spielzeit ging, waren sie als Münchner Vertreter dabei – nicht der FC Bayern. 1964 gewannen sie den DFB-Pokal, 1965 erreichten sie das Endspiel des Europapokals der Pokalsieger, 1966 wurden sie Deutscher Meister.

Und die Mainzer? Bewegten sich mal weiter oben, mal weiter unten in der Tabelle der damals zweitklassigen Regionalliga Südwest. Entsprechend klar waren die Vorzeichen vor dem Achtelfinal-Duell beider Clubs im Pokalwettbewerb der Saison 1964/1965. Doch es kam anders als erwartet – sehr zur Freude von Charly Tripp. Und nicht zuletzt dank Charly Tripp.

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Bereits in Runde eins gab es ein unerwartetes Ergebnis

1964 hatte es den damals 20-Jährigen aus seiner Marburger Heimat nach Mainz gezogen. Den Vertrag, den ihm der Club vorlegte, musste seine Mutter unterschreiben – volljährig war er nach damaligen Gesetzen noch nicht.

Auf dem Platz musste er es allein richten: Der junge Karl August, wie Charly Tripp eigentlich mit Vornamen heißt, überzeugte mit guten Leistungen und Toren. Er hatte seinen Stammplatz sicher, war im Januar auch beim Erstrunden-Pokalspiel gegen Werder Bremen dabei. Mit 1:0 gewann der Zweitligist gegen den späteren Meister – eine erste Überraschung. Sie hätte den „Sechzgern“ eigentlich eine erste Warnung sein müssen. Eine zweite folgte am 6. Februar, als die Mainzer den Münchnern zu Hause ein 2:2 abtrotzten. Verlängerung sah der damalige Modus nicht vor.

Elf Tage später sollte es daher zum Entscheidungsspiel im Münchner Stadion an der Grünwalder Straße kommen. 1860-Trainer Max Merkel, bekannt für seine markigen Sprüche, hatte in einem Interview mit einer Münchner Zeitung getönt, man werde den Mainzern den Karneval verderben. Er lag daneben. Tatsächlich wurden die 05er einige Tage später beim großen Umzug gar mit einem Motivwagen gefeiert – als „Pokalschreck“!

Der Platz war hart gefroren und mit Schnee bedeckt

Charly Tripp blickt gern auf die Begegnung zurück. Er erinnert sich etwa an die Bedingungen, die alles andere als optimal für ein Fußballspiel waren: „Der Platz war hart gefroren, mit einer kleinen Schneedecke darüber.“ Ganz früh im Spiel profitierte der Außenseiter von diesen Bodenverhältnissen.

In Radi Radenkovic stand einer der besten Torhüter seiner Zeit, nach eigener Auffassung gar der weltbeste Schlussmann, bei den Gastgebern im Kasten. Doch der Jugoslawe hatte seine kleinen Macken, überschätzte sich hin und wieder. „Er lief mit dem Ball am Fuß aus dem Sechzehner und rutschte dann auf dem glatten Boden aus“, erzählt Tripp. Der Mainzer Linksaußen Vincenz Fuchs schnappte sich den Ball, schoss ihn ins leere Tor – die Gästeführung nach gerade einmal fünf Spielminuten.

Die „Löwen“ lagen zurück, waren aber spielbestimmend. Nationalstürmer Rudi Brunnenmeier glich nach einer knappen halben Stunde aus. „Sie berannten danach ununterbrochen unser Tor“, erinnert sich Tripp. Der Führungstreffer des haushohen Favoriten aus der Bundesliga schien nur eine Frage der Zeit zu sein. Doch die Mainzer Abwehr und Torhüter Kurt Planitzer hielten dem Druck stand.

Ein früherer VfL-Spieler bereitete vor, ein anderer traf

Nur hin und wieder kamen die Gäste zu Entlastungsangriffen. Gut fünf Minuten waren regulär noch zu spielen, da drangen sie noch einmal in den Strafraum ein, der Ball wurde jedoch abgewehrt. Es gab Ecke. „Heute spricht man von sogenannten Standardsituationen, diesen Ausdruck kannte man früher noch nicht“, erzählt Tripp. „Rückblickend war es aber genau so eine Standardsituation, die wir im Training immer wieder geübt hatten.“

Für Eckbälle – wie auch für Freistöße – war bei den Mainzern in Kurt Sauer ein weiterer Spieler zuständig, der aus der „Talentschmiede“ VfL Marburg stammte. Beide, Tripp und Sauer, wurden in der Jugend von Rudi Sielaff gefördert und weiterentwickelt; der Trainer hatte großen Anteil daran, dass sie richtig gute Fußballer wurden.

Und so machten sie es nun im Pokal-Achtelfinale, wie sie es in Trainingseinheiten, aber auch in anderen Spielen so oft gemacht hatten: Der kopfballstarke Tripp positionierte sich im Strafraum, stellte sich zunächst hinter seinen Bewacher. Sauer brachte den Ball präzise herein. Tripp machte zwei, drei Schritte nach vorn, hatte damit den entscheidenden Vorsprung vor seinem Gegenspieler. Kopfball. Tor. „Ich habe sofort die Arme hochgerissen, alle sind auf mich zugelaufen“, hat der heute 76-Jährige den Moment genau vor Augen. „Es war ein ganz starkes Gefühl.“

Als Charly Tripp seine Mutter anrief, wusste die es bereits

Die letzten Spielminuten überstanden die Mainzer, feierten ihren kaum für möglich gehaltenen Erfolg. Charly Tripp dachte an seine Eltern, wollte Mutter Gerda und Vater Karl vom Sieg erzählen, rief deshalb am Abend in Marburg an. „Meine Mutter war am Telefon. Sie hat mich sofort unterbrochen und mir gesagt, dass sie es schon in den Nachrichten gesehen haben.“

Zum ganz großen Pokalmärchen reichte es letztlich nicht. Im Viertelfinale war der 1. FC Nürnberg zu stark, die 05er unterlagen mit 0:3. Die Freude über die Überraschungen gegen Werder, noch mehr gegen 1860 wird dadurch nicht getrübt, auch mehr als 50 Jahre später nicht. Mehrfach haben sich Spieler der damaligen Mainzer Mannschaft in den vergangenen Jahren getroffen. „Es ist immer wieder schön, die alten Kameraden zu sehen“, sagt Charly Tripp. „Es sind tolle Erinnerungen, die uns verbinden.“

Wechsel zum FC Bayern scheitert an Ablöse

Für insgesamt nur vier verschiedene Vereine ist Charly Tripp als Fußballer aktiv gewesen: Beim VfL Marburg, beim FSV Mainz 05, ab 1968 für den VfL Osnabrück in der Nordstaffel der damals zweitklassigen Regionalliga und schließlich ab 1974 zum Abschluss seiner Karriere beim VfL Kloster Oesede, wo der heute 76-Jährige vier Jahre lang als Spielertrainer tätig war. Für den FC Bayern spielte er nicht. Dabei hätten die Münchner den Torjäger 1967 gern verpflichtet.

Tripp war 23 Jahre jung, hatte in der abgelaufenen und in der vorherigen Spielzeit zusammengenommen 40 Tore geschossen. Er wurde nach München eingeladen, bestritt unter falschem Namen sogar ein Freundschaftsspiel, schoss ein Tor, überzeugte die Vereinsverantwortlichen und war sich mit ihnen einig. Der Stürmer bekam einen Vertrag vorgelegt, unterschrieb ihn. Er ging davon aus, bald seine Sachen zu packen, in die bayerische Landeshauptstadt zu ziehen, mit Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier beim amtierenden Europapokalsieger der Pokalsieger zu spielen. Doch auf ein von Vereinsmanager Robert Schwan signiertes Exemplar seines Vertrags wartete er vergebens. Einige Zeit später erfuhr er, woran es gelegen hatte: Die 75 000 Mark, die die Mainzer als Ablöse aufgerufen hatten, waren den Bayern zu viel.

Rückblickend macht es Tripp, der heute in Hasbergen bei Osnabrück lebt, nicht traurig, dass aus einem Engagement beim FC Bayern nichts wurde: „Es wäre schön gewesen, wenn’s geklappt hätte“, sagt er zwar, „aber mir fehlt dadurch nichts.“

Von Stefan Weisbrod