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Lokalsport Immels besonderes Finale gegen Maradona
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14:00 14.12.2020
3. Mai 1989: Im Hinspiel des Uefa-Pokal-Finales diskutieren Neapels Diego Maradona (links) und Stuttgarts Eike Immel mit Schiedsrichter Gerassimos Germanakos. Quelle: imago
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Stadtallendorf

„Ganz ehrlich: Als ich von Diegos Tod erfahren haben, musste ich kurz weinen“, verrät Eike Immel im Gespräch mit der OP. Am 25. November, zwei Tage vor Immels 60. Geburtstag, verstarb Diego Armando Maradona, 60 Jahre wurde der Ausnahmefußballer alt. Weltweit trauerten Fans, Sportler und ehemalige Weggefährten um den früheren argentinischen Spielmacher und Nationaltrainer, der sich zu seinen Glanzzeiten auch rassige Duelle mit Immel lieferte – nicht nur einmal, mehrmals.

1983 etwa, als der frühere Nationaltorwart mit Borussia Dortmund vor 110 000 Zuschauern im Stadion Camp Nou gegen den FC Barcelona mit Maradona um die Joan-Gamper-Trophäe spielte – und 1:2 verlor. Oder als der gebürtige Erksdorfer mit der deutschen Nationalmannschaft im April 1988 im Berliner Olympiastadion ein Testspiel gegen Argentinien mit 1:0 gewann.

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Am meisten ging es für beide aber 1989, als Immel mit dem VfB Stuttgart im Finale des Uefa-Pokals in Hin- und Rückspiel auf den SSC Neapel traf, der sich im Halbfinale gegen den FC Bayern München durchgesetzt hatte (2:0, 2:2). „Es war eine unvorstellbare Atmosphäre“, erinnert sich Immel an das Auftaktspiel vor 81 000 Zuschauern im Stadion San Paolo. An fanatische Tifosi, Unmengen von Konfetti, Klopapier und Feuerwerkskörper, die durch die Luft flogen, an frenetischen Jubel für Maradona und Co. – und gellende Pfiffe für das Gästeteam. „Als wir aus dem Katakomben rauskamen, dachte ich, dass der Vesuv explodiert“, beschreibt der frühere Spitzenkeeper die Situation.

Zwar bescheinigt Immel dem VfB „ein überragendes Spiel, weil Neapel kein Mittel gegen uns fand“. Dennoch stand am Ende eine 1:2-Niederlage für die Schwaben – wozu auch Maradona beitrug, als er einen strittigen Handelfmeter gegen Immel zum zwischenzeitlichen 1:1 versenkte. „Er lief langsam an und wartete ab, bis ich die erste Bewegung machte“, schildert Immel das Eins-gegen-eins-Duell – und gesteht: „Elfmeter willst du als Torwart immer halten, aber klar wäre es etwas besonderes gewesen, hätte ich den gehabt.“

Ob Pelé, Maradona, Messi oder ein anderer Fußballer der beste aller Zeiten ist, mag Immel nicht beurteilen, „denn die Zeiten sind schwer vergleichbar, weil sich der Fußball fortlaufend verändert“, begründet der Torwarttrainer des TSV Eintracht Stadtallendorf, für den aber feststeht: „Zu meiner aktiven Zeit war Diego der beste Spieler der Welt.“ Und einer, der Massen begeisterte, was der VfB im Rückspiel leidvoll erfahren musste.

„Vor der Partie war die Stimmung explosiv. 14 Tage vorher gab es in der Stadt kein anderes Thema als dieses Spiel, Sitzplatzkarten wurden auf dem Schwarzmarkt für 4 000 D-Mark verkauft“, erinnert sich Immel – und daran, wie Maradona das Publikum im Neckarstadion auf seine Seite zog, als er zum Aufwärmen auf den Platz kam, minutenlang den Ball jonglierte, dafür stehende Ovationen erntete – und wieder in der Kabine verschwand. „Danach war die Stimmung nicht mehr so giftig“, erzählt Immel.

Auch wenn die Partie 3:3 endete, räumt Immel ein: „Wir waren chancenlos.“ Chancenlos gegen ein Team, das für Immel seinerzeit „eine der besten Mannschaften der Welt“ war, mit einem der – oder sogar dem – besten Fußballer der Welt. Maradona sorgte mit den Napolitanern an jenem 17. Mai 1989 für „mit den schlimmsten Abend meines Lebens“, gesteht Immel, denn: „Es gibt nichts schlimmeres, als Endspiele zu verlieren.“

Dass der Argentinier schon zu Lebzeiten von manch Anhängern wie ein Heiliger verehrt wurde, wundert Immel nicht. „Er wird so geliebt, weil er auf der einen Seite den Menschen so viel gegeben hat, andererseits aber auch die Fehler gemacht hat, die jeder Mensch macht“, spielt Immel auf die Eskapaden des Weltmeisters von 1986 an – und gibt exemplarisch einen Einblick, welch Sonderstatus Maradona in seinen Mannschaften hatte. Für ein Länderspiel gastierte die DFB-Elf Anfang der 1980er-Jahre in Buenos Aires, teilte sich mit der argentinischen Auswahl vor der Partie den Trainingsplatz. „Während alle andere Spieler Steigerungsläufe machten, hatte Maradona 20 Bälle um sich liegen und schoss einen nach dem anderen über die Freistoßmauer in den Torwinkel. Man hat seine Genialität eben erkannt“, stellt Immel fest.

Von Marcello Di Cicco

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