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Eine besondere Beziehung zu Ungarn
Eine besondere Beziehung zu Ungarn
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10:58 23.06.2021
Alfred Hausburg und sein „Goldstück“: das Sammelalbum zur Fußball-WM 1954.
Alfred Hausburg und sein „Goldstück“: das Sammelalbum zur Fußball-WM 1954. Quelle: Thorsten Richter
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Friedensdorf

So brisant wie im Juli 1954 wird es nicht, wenn die deutsche und die ungarische Fußball-Nationalmannschaft morgen (21 Uhr/ZDF) in ihrem jeweils letzten Gruppenspiel bei der Europameisterschaft aufeinandertreffen. Zwar winkt der Einzug ins Achtelfinale. Doch vor 67 Jahren kämpften die Auswahlen beider Länder im direkten Duell um nicht weniger als den WM-Titel.

Als die Mannschaft des damaligen Bundestrainers Sepp Herberger im Wankdorfstadion zu Bern das favorisierte Ungarn forderte, war der heute 74-jährige Alfred Hausburg gerade sieben Jahre alt – und wurde Augenzeuge vom „Wunder von Bern“, als Deutschland überraschend mit 3:2 gewann. Der gebürtige Friedensdorfer erinnert sich: daran, dass er mit seinem Vater und insgesamt wohl etwas mehr als 100 Personen im Gasthaus Balzer in Friedensdorf das Spiel schaute; auf dem wohl einzigen Schwarz-Weiß-Fernseher im Dorf, dessen Bildschirm gerade einmal die Maße eines DIN-A4-Blattes hatte und der auf einem Blumenhocker stand, um die Sichtverhältnisse zumindest etwas zu verbessern.

Während die Erwachsenen dicht gedrängt auf den Holzstühlen saßen, „lagen wir Kinder auf dem Fußboden und spürten, dass gerade etwas Großes passiert“, erinnert sich Hausburg an jenen 4. Juli, an einen Tag für die Ewigkeit. Denn es war nicht nur der erste Weltmeistertitel für Deutschland, sondern auch ein Ereignis, das viele Menschen nach den Wirren des Krieges und der Nachkriegsjahre ein Selbstwertgefühl, eine Identität wiedergab.

„Kein anderes Land in Europa ist Deutschland nach 1945 mit so viel Sympathie so nahegekommen wie Ungarn. Wir Deutsche sollten das nie vergessen“, betont Hausburg und meint damit nicht nur, mit welch großem Sportsgeist die Ungarn die damalige Finalniederlage genommen hätten. Der Pensionär erinnert auch an die politisch-emotionale Dimension, daran, dass „Ungarn 35 Jahre später mit der Grenzöffnung den Weg zur lange ersehnten Wiedervereinigung Deutschlands ebnete“.

Der 74-Jährige will nicht verhehlen, dass seine Beziehung zu dem knapp 10 Millionen Einwohner zählenden Land eine besondere ist. Seit 1998 ist die Gemeinde Dautphetal mit der ungarischen Gemeinde Cikó partnerschaftlich verbunden, Hausburg ist seit 2000 Vorsitzender des Partnerschaftsvereins. „Ein katholischer Geistlicher aus Mainz, der aus der ungarischen Gemeinde stammte und Verwandtschaft in Dautphetal hatte, nahm damals mit dem früheren Bürgermeister Hans Hauswith Kontakt auf“, erzählt Hausburg über den Ursprung der Partnerschaft, zu deren Mit-Initiatoren der Friedensdorfer gehörte.

„Die Partnerschaft ist sehr lebendig“, erzählt Hausburg. Alle zwei Jahre zieht es die Dautphetaler in die südungarische Gemeinde in der Nähe der Grenzen zu Serbien und Kroatien, er selbst war schon zwölfmal dort – und er stellt fest: „Zu Beginn war es dort sehr ursprünglich, regional, eine sympathische ungarische Welt.“ Inzwischen habe der Kapitalismus dafür gesorgt, dass auch dort ein Verlust an kulturellem Ursprung festzustellen sei. „Außer der Sprache ist viel verlorengegangen, das ist sehr schade“, bedauert Hausburg.

Manche Dinge haben sich jedoch bis heute nicht geändert – zumindest was die Begeisterung für Fußball betrifft. Sammeln Kinder und Fans dieser Tage fleißig Aufkleber ihrer Stars fürs Stickeralbum, herrschte schon 1954 ein Sammelfieber. Hausburg zeigt stolz sein Sammelheft von der WM 1954 mit Texten und knapp 100 Fotos – sein Exemplar ist komplett.

„Für einen Groschen gab es damals im Tante-Emma-Laden ein Blatt Kaugummi, dazu einen kleinen Umschlag, in dem sich ein Bild befand“, erzählt Hausburg. Sind es heute Spieler wie Cristiano Ronaldo oder Kylian Mbappé, die heiß begehrt sind, hießen die Finalhelden damals Fritz Walter und Helmut Rahn oder Ferenc Puskás auf ungarischer Seite.

Mit Blick auf das morgige Duell schlagen beim Anhänger von Bundesligist Eintracht Frankfurt zwei Herzen in einer Brust, räumt er ein. Doch er tippt auf einen Sieg der deutschen Mannschaft. Auf ein 3:2. So wie 1954. „Daran denke ich immer, wenn ich Spiele gegen Ungarn sehe“, verrät Hausburg.

Von Marcello Di Cicco