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„Man fühlt sich wie ein anderer Mensch“
„Man fühlt sich wie ein anderer Mensch“
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10:58 09.07.2021
Ingrid Kroll übt an einem der Geräte der Stadtallendorfer Fitness-Einrichtung „Clever Fit“.
Ingrid Kroll übt an einem der Geräte der Stadtallendorfer Fitness-Einrichtung „Clever Fit“. Quelle: Bodo Ganswindt
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Stadtallendorf

Gegen 12 Uhr herrscht nur wenig Betrieb im lichtdurchfluteten Fitnessstudio „Clever Fit“ in der Niederkleiner Straße. Die meisten der zig Übungsgeräte sind verwaist. Corona lässt grüßen! Erst seit Kurzem darf unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsbestimmungen wieder getrimmt werden.

Ein paar Besucher sind allerdings schon tapfer bei der Sache, absolvieren die ihnen aufgegebenen Einheiten an diversen Instrumenten. Zu ihnen zählt auch – fast ein wenig versteckt im großen Raum – Ingrid Kroll.

Bein- und Rückenmuskulatur stärken

Eben hat sie eine Serie beendet, die dazu dient, ihre Bein- und Rückenmuskulatur zu stärken, und gleich wird sie sich den Aufgaben an einem weiteren Gerät widmen, an dem sie andere Muskelpartien ihres Körpers beansprucht. So geht es eben zu in einer Fitnesseinrichtung.

Das Besondere an Ingrid Kroll aber ist, dass sie nicht so ganz dem Altersdurchschnitt derer entspricht, die sich an diesem Ort mehrfach wöchentlich, sogar täglich aufhalten, um sich fit zu halten oder es mindestens zu werden. Die gut gelaunte Frau vollendet nämlich in diesem Jahr noch ihr 82. Lebensjahr.

Ganz allmählich stellt sich Erfolg ein

So leicht sei es ihr nicht gefallen, sich in den Übungsbetrieb zu integrieren. „Ich hatte so eine Vorstellung, dass dort nur junge Dinger und Jungs mit Waschbrettbäuchen am Start seien“, räumt sie ein, habe jedoch festgestellt, dass dem nicht so sei.

Und überhaupt gibt es zwingende Gründe für ihr außergewöhnliches Engagement. Sie hat intensive Schmerzen in der angeblich verkürzten Muskulatur ihrer Beine – vor allem der Oberschenkel – und im Rücken. Die werden bald so gravierend, dass sie davon nachts wach wird und bald ohne starke Schmerzmittel nicht mehr schlafen kann.

Die Ursachenforschung

Nach umfangreicher Ursachenforschung und Physiotherapie mit 50 Sitzungen pro Halbjahr rät ihr die Therapeutin dazu, es doch einmal im Fitnessstudio zu probieren. „Arnika ging mit mir dorthin, erklärte mir die Geräte und war anfangs auch mit dabei, bis ich dann – zunächst unter Anleitung – ab Anfang 2020 alleine übte“, sagt die Seniorin.

Ganz allmählich stellt sich der Erfolg ein. Zumindest lassen die Scherzen erheblich nach. Inzwischen ist sie so weit, dass sie keine Tabletten mehr einnehmen muss. „Man fühlt sich wie ein anderer Mensch, wie neu geboren“, sagt sie.

Sich durchbeißen

Doch dann kommt der Lockdown wegen der Corona-Pandemie. „Es fiel mir natürlich nicht leicht, nach vier- bis fünfmonatiger Pause wieder von vorne anzufangen.“ Doch sie beißt sich durch und bereut es keineswegs: „Ich empfinde das Training als Bereicherung meines Lebens. Ich hätte früher damit beginnen sollen.“

Bis jetzt habe sie nur wenigen etwas davon erzählt. „Ich lebe noch gerne und habe keine Depressionen.“ Nur dass sie nicht mehr ihrer großen Leidenschaft, dem Tanzen, nachgehen kann, bedauert sie.

Gesellschaftstanz als „Sport für Ehepaare“

Früher habe sie mit ihrem Mann regelmäßig Veranstaltungen besucht und den Gesellschaftstanz als „Sport für Ehepaare“ gepflegt. Nach einer Knieoperation sei dies nicht mehr möglich.

Also werde sie weiterhin zweimal pro Woche für je eine Dreiviertelstunde ihrem neuen Hobby frönen.

Von Bodo Ganswindt