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Lokalsport Olympischer Geist weht durch Marburg
Sport Lokalsport Lokalsport Olympischer Geist weht durch Marburg
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11:00 21.07.2019
Keine Regattastrecke, dafür Wildwasser: In den 1950er-Jahren befuhr man die Strecke am Pfaffenwehr meist in Faltbooten. Während im Jahr 1951 noch eine Deutsche Slalom-Meisterschaft ausgerichtet wurde entspricht die Anlage heute nicht mehr den Bestimmungen für Wettkämpfe. Quelle: Marburger Kanu-Club
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Marburg

„Kommilitonen! Unsere Zeit verlangt Menschen der Kraft, Menschen des Willens und der Tat. Dringender als je ist es daher unsere Aufgabe, uns körperlich und seelisch zu ertüchtigen, um für alle Dienste, die das Vaterland von uns verlangt, wohl vorbereitet zu sein. Zur Anregung und Aneiferung der ganzen Studentenschaft in dieser Vorbereitung dienen unsere akademischen Wettkämpfe.“

Mit diesen Worten forderte das Deutsche Hochschulamt für Leibesübungen im Jahr 1924 die deutschsprachige Studentenschaft auf, vom 18. bis zum 20. Juli in Marburg am achten Akademischen Olympia teilzunehmen. Mit dem Wettstreit der knapp 1.700 Teilnehmer, darunter auch etwa 50 Frauen, fiel an den Universitäten der Startschuss für ein breiteres Sportangebot außerhalb des traditionellen Fechtens oder Ruderns und auch Marburg erlebte einen Aufschwung für das heutige vielfältige Sportangebot.

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Exkursion über damalige Sportstätten

Besonders war, dass die Spiele eine Mischung aus Disziplinen der Turner, die bei all ihren Wettkämpfen viel Wert auf Ästhetik legten, sowie der rein leistungsorientierten Sportler darstellten. Das hieß neben Turnen, Leichtathletik, Schwimmen und der Turnspiele Schlagball, Faustball und Handball wurde auch Fußball in das Programm aufgenommen.

„Auch der zweite Tag des deutschen akademischen Olympia nahm trotz zeitweiligen Regenwetters einen programmäßigen Verlauf. In den Nachmittagsstunden hielt sich das Wetter so, daß die vorgesehenen Kämpfe stattfinden konnten.
An Teilnehmern fehlte es nicht, denn überall, im Stadion, auf dem Kämpfrasen oder aber bei dem Schwimmen am Wehrdaerweg, fanden sich nicht nur hunderte, sondern tausende Zuschauer ein, welche mit Interesse die Kämpfe verfolgten“, beschrieb die Oberhessische Zeitung am 21. Juli 1924 das Treiben in der Stadt.

Auf den Spuren der damaligen Sportstätten führte nun eine Exkursion des Landessportbundes Hessen vom Universitätsstadion bis zum ehemaligen Universitätsschwimmbad im Norden der Stadt. An Bord der „Elisabeth II“ berichtete Dr. Alexander Priebe vom Marburger Institut für Sportwissenschaft und Motologie unter anderem über die Geschichte des Wassersports entlang der Lahn.

Hintergrund

Deutschland will Universiade 2025 ausrichten

Beschränkte sich das Akademische Olympia 1924 auf deutsche Teilnehmer, soll es knapp 100 Jahre später international zugehen.
Deutschland plant im Jahr 2025 Gastgeber der Universiade zu werden und so beim größten Multisportevent nach den Olympischen Spielen rund 10.000 Sportlerinnen und Sportler aus über 150 Nationen zu begrüßen. Interesse an einer Universiade-Ausrichtung haben Berlin, Leipzig, Frankfurt und die Metropolregion Rhein-Ruhr bekundet.
Vertreter des Bundesministeriums des Innern (BMI), des Bundestagsportausschusses und des Deutschen Olympischen Sportbunds haben sich in den vergangenen zwei Wochen bei der Universiade in Neapel ein Bild von der Veranstaltung gemacht und zeigten sich vom besonderen Charakter der Veranstaltung überzeugt. „Nach zahlreichen positiven Gesprächen in Neapel gehen wir nun in enger Abstimmung mit unseren Partnern die weiteren Schritte an. Gemeinsam mit dem Bundestagssportausschuss und dem BMI wird der ADH-Vorstand Gespräche mit den Kandidaten führen, die in die Auswahl eines Standorts münden sollen“, sagt Jörg Förster, Vorsitzender des Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverbandes (ADH).
Mitte Oktober soll dann der Bundestagssportausschuss über eine mögliche Ausrichtung der Sommer-Universiade diskutieren. Abschließend steht die Abstimmung der Delegierten der rund 200 Mitgliedshochschulen ADH bei dessen Vollversammlung im November in Hamburg an.

Die erste Station: Das ehemalige Luisabad. Erbaut zwischen 1927 und 1929 war die Badeanstalt am Rudolphsplatz Marburgs erstes Hallenschwimmbad. „Zu der Zeit war dieses Bad eine große Errungenschaft für eine Stadt wie Marburg“, erzählt Alexander Priebe über das Gebäude, das in den 1990er-Jahren einem Neubau der Volksbank weichen musste.

Für Olympia kam das Luisabad allerdings zu spät und so erwarb die Universität das Florabad am Wehrdaer Weg, um dort das Schwimmen und Wasserspringen sowie den akademischen Mehrkampf auszurichten. Das Flussbad sei so baufällig gewesen, dass die Uni lediglich „ein Schwein und einen Sack Kartoffeln bezahlt habe“ erzählt Priebe.

Nach den Olympiawettkämpfen wurde das Schwimmbad erweitert und die Universität baute nebenan ein stattliches Bootshaus. Dessen ursprünglicher Bau ist zwar nicht mehr vorhanden, doch Universität und der Marburger Kanu-Club sind auch heute noch in der Nähe mit ihren Bootshäusern vertreten. Auch ein Schwimmbad existiert daneben nicht mehr, die Staustufe wird jedoch trotzdem von zahlreichen Marburgern gern zum Schwimmen genutzt.

Mehrkampf-Sieger durfte das große Feuer entzünden

Ein Baustein des akademischen Sports kam allerdings in Marburg sowohl 1924 wie auch heute eher kurz: Das Rudern. Mangels einer für Wettkämpfe geeigneten Regattastrecke auf der schmalen, kurvigen Lahn orientierte sich die Uni daher später in Richtung Edersee, unterhielt allerdings für das Training auch lange Jahre ein Winter-Ruderbecken im Keller des Instituts für Leibesübungen.

Beste Bedingungen für Leichtathletik, Turnen und Mannschaftssportarten wie Fuß- und Faustball bot hingegen schon 1924 das Uni-Stadion, das bereits im Jahr vorher gebaut wurde. Anlässlich der Spiele wurde es dann noch einmal erweitert und mit Tribünen versehen.

Und so jubelten dort tausende Zuschauer zum Beispiel dem später mehrfachen Weltrekordhalter auf den Mitteldistanzen Otto Peltzer zu. Wichtig für die Spiele war 1924 auch nationale Symbolik und deren Präsentation. So wurde dem Sieger der Königsdisziplin, des akademischen Mehrkampfes (bestehend aus mehreren Disziplinen des Turnens, Schwimmens und der Leichtathletik) eine besondere Ehre zu teil. Bei den Feierlichkeiten am Bismarckturm auf den Lahnbergen durfte der Mehrkampf-Sieger am letzten Tag der Spiele das große Feuer entzünden.

von Philipp Pawlik