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Lokalsport Existenzangst? Nein! – Sorgen? Ja
Sport Lokalsport Existenzangst? Nein! – Sorgen? Ja
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18:58 23.03.2020
Kapitän Kevin Vidakovics (links, hier gegen Balingens Stefan Vogler) spielte mit der Stadtallendorfer Eintracht bereits in der Regionalliga. Ob die Herrenwälder noch diese Saison auf sportlichem Weg den Sprung in die Viertklassigkeit schaffen können, ist ungewiss. Quelle: Foto: Michael Hoffsteter
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Stadtallendorf

Damit einhergehend stellen sich zahlreiche Fragen: Wie kann der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine Mitgliedsverbände und Vereine in der Corona-Krise unterstützen? Was ist möglich und was nicht? Welche Rahmenbedingungen sind zu beachten? Welche Maßnahmen sind bereits beschlossen? Worüber wird noch konkret nachgedacht? Welche Erwartungen sind realistisch? Es sind bei weitem nicht die wichtigsten Fragen in der Corona-Krise, doch es sind elementare Fragen für den deutschen Fußball und seine Vereinslandschaft.

Der TSV Eintracht Stadtallendorf ist derzeit der ranghöchste Fußball-Club des Landkreises Marburg-Biedenkopf, steht aktuell auf Platz eins der Hessenliga, hat also berechtige Hoffnung, in die Fußball-Regionalliga Südwest zurückzukehren.

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Was also kann der Amateurfußball im Allgemeinen und die Eintracht im Besonderen an Unterstützung erwarten?

75 Prozent der Rücklagen werden aufgebraucht

Dazu bezog jüngst DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge Stellung: „Die Zuständigkeit für die Regionalligisten und die Amateurvereine liegt bei den jeweiligen Regional- und Landesverbänden. Als DFB müssen wir also sehen, wie wir unsere Mitgliedsverbände unterstützen, damit diese in ihren Regionen zielgerichtet und effektiv helfen können. Leider gilt das selbe Recht, das für den DFB gilt, auch für unsere Verbände. Eine unmittelbare finanzielle Unterstützung einzelner Amateurvereine ist dem Deutschen Fußball-Bund definitiv nicht möglich. Übrigens auch wirtschaftlich nicht: Wir haben 25 000 Vereine in Deutschland. Würde man jedem Verein 3 000 Euro Unterstützung in der Krise geben, wären die Rücklagen des DFB aufgebraucht. Angesichts der Prognose, dass wir alleine dieses Jahr etwa 75 Prozent der verfügbaren Rücklagen zum eigenen Überleben brauchen werden, ist das ausgeschlossen. Zudem würden 3 000 Euro pro Klub auch auf Vereinsebene nicht nachhaltig weiterhelfen. Der DFB muss als Verband sicherstellen, dass das Verbundsystem Fußball funktioniert. Und genau das tun wir.“

Stellt sich die Frage, ob diese Aussage aus Sicht der Stadtallendorfer Eintracht verständlich ist: „Zuletzt wollte die DFL einen Geisterspieltag in der Bundesliga durchdrücken, weil es dabei um zirka 90 Millionen Einnahmen ging. An der Basis wissen viele Vereine nicht, wie sie die Schiedsrichterkosten bezahlen sollen. Die Schere beim Fußball klafft zu weit auseinander. Eventuell können die Verbände damit helfen, dass die Verbandsabgaben in dieser Phase verringert werden“, sagt dazu Reiner Bremer, Präsident der Fußball-Abteilung des TSV. „Aber ganz ehrlich und ohne Emotionen: Was hätten wir vom DFB erwarten sollen? Wenn man weiterkommen will, muss man sich doch eh selbst kümmern. Ich hoffe, dass unsere Unterstützer, die jetzt ganz andere Probleme haben, an unserer Seite bleiben. Wir müssen schauen, was wir nach Besserung der jetzigen Corona-Phase für unsere Sponsoren tun können und sei das noch so gering. Solidarität geht nicht nur von einer Seite aus“, ergänzt er.

Alle müssen zusammenhalten

Bestehen also gar Existenzängste? „Existenzängste würde ich es nicht nennen, weil man in vielen Krisen auch Lösungen gefunden hat, auch im Sport. Allerdings ist auch klar, sowas hat es noch nicht gegeben. Unternehmer, Selbstständige, Arbeitnehmer haben die größten Sorgen, die es zu lösen gilt. Da geht es um Existenzen. Auch wenn der Fußball wichtige Aufgaben in unserem gesellschaftlichen Leben erfüllt, kommt er zurzeit weit hinten dran. Das muss und wird jedem klar sein. Aus diesem Grund müssen alle zusammenhalten. Im Vorstand überlegen wir, wie wir diese schwierige Zeit überstehen können.“

Unabhängig davon beschäftigt sich der TSV selbstverständlich auch mit der Frage der sportlichen Zukunft. Kreisfußballwart Peter Schmidt hatte jüngst im Gespräch mit der OP gefordert, die Saison von der Hessenliga abwärts ab sofort für beendet zu erklären, den jeweiligen Tabellenführer aufsteigen und keine Mannschaften absteigen zu lassen. „Keine schlechte Idee, die Tabelle lügt nicht!“, sagt Bremer: „Aber ernsthaft, die Verbands-Verantwortlichen werden auch hier eine Antwort für den Fall der Fälle finden. Wann überhaupt ein Spielbetrieb wieder möglich ist, weiß kein Mensch. Man verfolgt täglich das Szenario Corona. Wie soll denn ein Spielbetrieb in den Monaten Mai und Juni stattfinden? Wird es in dieser Zeit keine Quarantäne mehr geben?“, fragt Bremer und gibt zu bedenken: „Die Vorstände und damit die Macher der Vereine sowie viele Spieler sind dann in ihren täglichen Jobs gefordert, wenn die wirtschaftliche Krise des Landes hoffentlich langsam wieder aufgearbeitet werden kann. In dieser Zeit sollte alle drei Tage gespielt werden? Obwohl vorher sowieso kaum trainiert werden konnte? Das funktioniert nicht.“

Schließlich werde man irgendwann wieder die schönste Nebensache der Welt spielen können, „darauf können wir uns freuen. Bis dahin müssen wir Geduld haben.“ Möglicherweise wird die Eintracht dann ohne weitere Spiele in der kommenden Saison wieder in der Regionalliga spielen, denn die Regionalliga Südwest GbR hat von den Vereinen, die vorne stehen, inzwischen die Unterlagen zur Beantragung der Lizenz angefordert. Danach wird auch sie entscheiden.

Doch das ist für Bremer derzeit zweitrangig. Vielmehr geht es für ihn um „zu Hause bleiben und Geduld haben. Wir Eintrachtler inklusive unserer Fanclubs wünschen allen von Herzen viel Gesundheit, damit wir alle gemeinsam dieses Monster Corona überstehen. Weiterhin zollen wir allen Menschen höchsten Respekt, die ihren Dienst für die Allgemeinheit in dieser Krisensituation verrichten“, sagt Bremer.

Von Michael E. Schmidt

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