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Lokalsport Ex-Bayern-Profi Reiner Künkel wird 70
Sport Lokalsport Ex-Bayern-Profi Reiner Künkel wird 70
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09:00 09.04.2020
Torschütze im Europapokal der Landesmeister: Reiner Künkel erzielt im Februar 1977 den Treffer zum 1:0-Sieg gegen Dynamo Kiew. Quelle: WEREK/imago
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Biedenkopf

„Et kütt wie et kütt.“ Reiner Künkel nimmt die Situation mit rheinischer Gelassenheit. Dabei ist er gar kein Rheinländer. Er ist Hinterländer. Aber er hat Anfang der 1980er, zum Ende seiner Fußballerkarriere, bei Viktoria Köln gespielt. „Aus der Zeit ist ein bisschen was hängengeblieben“, erklärt der seit diesem Donnerstag 70-Jährige im Gespräch mit der OP und lacht. Es kommt, wie es kommt. Und es ist eben, wie es derzeit ist – deshalb gibt es auch keine Feier im Familienkreis, wie sie in einer Gaststätte in Eltville stattfinden sollte. „Natürlich“, sagt er, „ist das schade. Aber wir holen das einfach nach, wenn es wieder geht.“ Er mache sich stattdessen eben einfach Zuhause in Biedenkopf einen schönen Tag mit seiner Frau. „Und ein paar Leute werden bestimmt auch anrufen.“

Gut möglich, dass unter den Gratulanten Weggefährten aus seiner Zeit beim FC Bayern sind. Zweieinhalb Jahre lang kickte Künkel beim Rekordmeister. Der große Durchbruch blieb ihm dort verwehrt, wohl auch weil ihm in seiner Anfangsphase in München hartnäckige Leistenprobleme zu schaffen machten. Auf insgesamt knapp 50 Einsätze und elf Tore für die Münchner in der Bundesliga, im DFB-Pokal und auf internationaler Bühne brachte er es dennoch. Und weiß mehr als 40 Jahre später noch die ein oder andere Anekdote zu erzählen. Zum Beispiel die, wie es überhaupt dazu kam, dass die Bayern ihn verpflichteten ...

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Über Kassel und Darmstadt zum Rekordmeister

Künkel, aufgewachsen in Wiesenbach, war als Jugendlicher zwar schmächtig, hatte aber eine gute Technik, war schnell und abschlussstark. Beim örtlichen Verein fing er an, wechselte dann zum FV Breidenbach, ging mit 20 Jahren zu Hessen Kassel in die Regionalliga und 1974, mit 24, zu Darmstadt 98. „Ich war ein Spätstarter“, sagt er über sich selbst – aber einer, der bei den „Lilien“ voll durchstartete. In seiner ersten Zweitliga-Saison gelangen ihm mehr als ordentliche 13 Tore bei 25 Einsätzen. In den Fokus von Erstligisten brachten ihn aber erst zwei Spiele im Herbst 1975: Anfang Oktober, bei einem 6:2-Sieg gegen Schweinfurt 05, gelangen ihm fünf Tore, darunter war ein lupenreiner Hattrick binnen sechs Minuten. Eine Woche später traf er bei einem weiteren 6:2-Erfolg beim SSV Reutlingen drei Mal.

Vorher hatte er fünf Saisontore auf dem Konto, plötzlich waren es 13. „Dann steht man in der Torjägerliste im Kicker auf einmal ganz oben“, erzählt Künkel, bei dem sich schnell Verantwortliche von Werder Bremen und vom 1. FC Köln meldeten, ihr Interesse bekundeten. Er führte Gespräche, machte sich Gedanken über die Offerten. „Sie wollten mich aber erst für die nächste Saison haben“, berichtet er. Anders die Bayern. Die ließen sich zunächst Zeit, dann aber ging es ganz schnell.

Vertragsdetails auf der Rückseite eines Briefumschlags

Künkel erinnert sich: Es war der 10. Dezember, ein Mittwoch. Er war zu dieser Zeit kein Vollprofi, arbeitete halbtags bei der Firma Merck. Er wurde informiert, dass jemand für ihn angerufen hatte. Er rief zurück, landete im Vorzimmer von Robert Schwan, wurde zum damaligen FC-Bayern-Manager durchgestellt. „Er fragte mich, ob ich Interesse an einem Gespräch hätte“, erzählt Künkel. Hatte er natürlich. Der Verein buchte für den nächsten Tag zwei Tickets für einen Flug von Frankfurt nach München. „Ich habe sofort meine Frau angerufen und ihr gesagt, dass sie sich für zwei Tage Urlaub nehmen muss, weil wir nach München müssen. Sie dachte, ich würde einen Scherz machen.“ Es war kein Scherz.

Ein Foto aus dem Jahr 2017: Reiner Künkel in seinem Haus in Biedenkopf mit Trikots seiner früheren Vereine Darmstadt 98 und Bayern München. Quelle: Stefan Weisbrod

Am nächsten Tag nahm Co-Trainer Werner Kern beide am Flughafen in Empfang. „Auch ein paar Reporter waren da, dabei sollte eigentlich niemand etwas davon wissen“, erinnert sich Künkel. Kern fuhr mit ihm und seiner Frau zu einem Hotel an der Grünwalder Straße. „Da waren die gleichen Reporter schon vor uns angekommen. Mit der Geheimhaltung hat es also nicht so gut geklappt.“ Dem damals 25-Jährigen war’s egal. Er sprach mit Manager Schwan und Chefcoach Dettmar Cramer, alle waren sich schnell über eine Zusammenarbeit einig, die Vertragsdetails wurden auf der Rückseite eines Briefumschlags fixiert.

Hoeneß, Müller und Rummenigge waren gesetzt

Schwan informierte Präsident Wilhelm Neudecker. „Der fragte dann, wo wir das begießen wollen“, erzählt Künkel. Sie landeten schließlich bei Feinkost Käfer. Als die Speisekarte kam, war der Hinterländer zunächst überfordert: „Ich kannte ja nur Jägerschnitzel und solche Sachen, aber nicht das, was da drin stand.“ Er entschied sich „für Täubchen, damit konnte ich wenigstens was anfangen“. Fazit rückblickend: „Geschmeckt hat es, satt geworden bin ich davon aber nicht.“

Ab Januar 1976 war Künkel Spieler des FC Bayern – und musste zunächst feststellen, dass Gerd Müller und Uli Hoeneß nicht verletzt waren, wie es ihm vorher weisgemacht wurde. „Später habe ich dann erfahren, dass ich verpflichtet wurde, um ihnen Druck zu machen.“ Doch Müller, Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge waren im Sturm gesetzt, Rotation war zu dieser Zeit ein Fremdwort. „Wenn sie fit waren, haben sie auch gespielt“, erklärt Künkel, der körperlich mit der Umstellung von zuvor vier auf nun sieben bis acht Trainingseinheiten pro Woche und zunehmenden Beschwerden an der Leiste zu kämpfen hatte, bis er sich im September operieren ließ. „Das hätte ich früher machen lassen sollen.“ Danach ging es ihm deutlich besser.

„Einige tolle Erlebnisse“

Zum Stammspieler beim Rekordmeister reichte es aber auch dann nicht. Ein bisschen bringt ihn das ins Grübeln. Vielleicht, meint er, hätte das eine oder andere anders laufen können. Er hadert aber nicht mit der Vergangenheit, bereut nichts, spricht von „einigen tollen Erlebnissen“. Die Titel im Europapokal der Landesmeister und im Weltpokal 1976 gehören – auch wenn er in den entscheidenden Spielen nicht auf dem Platz stand – dazu, eigene Tore wie der Siegtreffer in einem Europacup-Spiel im Februar 1977 gegen Dynamo Kiew ebenfalls. Er habe als Sportler „vieles erlebt, was für die allermeisten unerreichbar ist“, sagt Reiner Künkel. Dafür ist er dankbar.

Zur Person

Reiner Künkel stammt aus Wiesenbach, wuchs im heutigen Breidenbacher Ortsteil auf. Für den Fußball verließ er das Hinterland zunächst. Nach seiner Zeit beim FC Bayern kickte er ab 1978 zwei Jahre für den 1. FC Saarbrücken in der 2. Bundesliga, anschließend noch bei Viktoria Köln. Später war er als Spielertrainer bei mehreren Vereinen aus der Region tätig und arbeitete als Privatkundenbetreuer bei einer Bank. Der Vater einer Tochter und zweifache Großvater lebt mit seiner Frau in Biedenkopf. Beim örtlichen VfL engagiert er sich, koordiniert etwa aktuell gemeinsam mit dem Vorsitzenden Karsten Plitt einen Bringdienst für nicht mobile Menschen, die sich während der Corona-Krise Lebensmittel und andere Artikel des täglichen Bedarfs liefern lassen können. Seit mehreren Jahren coacht der begeisterte Hobbygolfer das Team der Hinterländer Werkstätten, in dem Menschen mit geistiger Behinderung Fußball spielen.

Von Stefan Weisbrod

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