Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Fußball Das nette neue Deutschland
Sport Fußball Das nette neue Deutschland
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 12.07.2014
Von Matthias Koch
Schon 2006 bei der WM im eigenen Land sammelten zwei Deutsche kräftig Punkte im In- und Ausland: der Bundestrainer, damals Jürgen Klinsmann, und die Kanzlerin, damals wie heute Angela Merkel. Quelle: dpa/HAZ
Anzeige
Berlin

Unverkrampft schlug am 7. Juli 1985 in Wimbledon ein 17-Jähriger aus Deutschland, rothaarig und mit Sommersprossen, seine Bälle übers Netz: locker, selbstbewusst, ideenreich. Es war das Finale des berühmtesten Tennisturniers der Welt. Der deutsche Teenager gewann überraschend gegen einen zehn Jahre älteren Profi aus Südafrika namens Kevin Curren - und ein neuer Star war geboren: Boris Becker. Rund um den Globus flogen dem Deutschen Sympathien zu. Die „Washington Post“ hauchte voll Zuneigung: „Vielleicht war er zu jung, um zu wissen, dass er zu jung war, um Wimbledon zu gewinnen.“

Wenig später saß Becker bei einer Pressekonferenz in Washington. Er war ein bisschen aufgeregt und sagte oft „äh ...“. Doch das machte nichts. Der damalige deutsche Diplomat Günther van Well hatte den Mann aus Leimen in seine Botschaft gelotst, nachdem Hans-Dietrich Genschers Außenamt mitbekommen hatte, was gerade passiert war: Becker hatte die auch Jahrzehnte nach dem Krieg noch vorherrschenden Vorurteile vieler Amerikaner über Deutschland geknackt. Viele US-Bürger dachten damals bei Deutschland immer noch an stupide Stahlhelmträger in Wehrmachtsuniform. Becker dagegen wirkte nett und modern und bot neben „Bier“ und „BMW“ nun eine dritte positive Deutschland-Assoziation mit B. „Ein solcher Dreh im öffentlichen Bewusstsein“, hieß es damals in der deutschen Botschaft, „erfordert normalerweise jahrzehntelange Bemühungen und Kampagnen.“

Anzeige

Im Sport, das haben die Regierenden aus dem Fall Becker gelernt, kann so etwas sehr viel schneller gehen. Derzeit ist es der Fußball, der der deutschen Diplomatie mehr denn je in die Hände spielt.

Schon bei der WM 2006 in Deutschland zeigten sich Land und Leute sechs Wochen lang im Dauersonnenschein als gelassene Gastgeber, fröhlich und weltoffen wie noch nie. Organisationschef Franz Beckenbauer ließ sich damals per Hubschrauber von Spiel zu Spiel fliegen und hielt vor Journalisten zum Mitschreiben fest: „Wer es sich leisten kann, unser Land vom Hubschrauber aus anzusehen, wird schnell feststellen: Wir leben in einem Paradies. Deutschland ist ein wunderschönes Land.“

Der Clou war: Keiner mochte widersprechen. Heute wie damals lief es wirtschaftlich rund. Nennenswerten politischen Streit gab es nicht. Gut gelaunt verfolgten die Deutschen den Weg ihrer Elf auf den dritten Platz. Schon damals sammelten zwei Deutsche kräftig Punkte im In- und Ausland: der Bundestrainer, damals Jürgen Klinsmann, und die Kanzlerin, damals wie heute Angela Merkel.

Die WM 2006 war ein wichtiger Baustein dafür, dass Deutschland im Jahr 2013 in einer BBC-Umfrage unter 20 000 Menschen weltweit zum beliebtesten Land der Erde gewählt wurde, vor Kanada und Australien.

Eine Steigerung des Sommermärchens 2006 schien lange undenkbar - bis zum 8. Juli 2014. Da liefen die deutschen Jungs im Halbfinale der WM so unverkrampft auf den Platz wie einst Becker in Wimbledon: locker, selbstbewusst, ideenreich. Und sie schossen dem entsetzten Gastgeber Brasilien, einer der besten Mannschaften der Welt, mal eben sieben Bälle in den Kasten.

Auf der Suche nach Erklärungen musste niemand lange forschen. Einen ersten Eindruck von den sehr unterschiedlichen Mentalitäten in diesem Halbfinalspiel lieferten brasilianische Spieler, die tränenreich um Entschuldigung baten „beim brasilianischen Volk, das ja ohnehin schon so viel Leid ertragen muss“.

In der Tat lastete politisch eine untragbar große Erwartung auf der brasilianischen Elf. Es ging nicht nur um die Fans. Allzu deutlich hatte auch die brasilianische Regierung erkennen lassen, dass sie sich den fußballerischen Erfolg als Kitt für ihre unter Spannung stehende Gesellschaft wünscht.

Allzu weit auch ging der landläufige Hype um brasilianische Stars, ihre Macht und ihre Möglichkeiten. Die deutsche Elf dagegen bestach weniger durch Einzelleistungen als durch ihren Teamgeist. „Unselfish“ - uneigennützig - nannte ein BBC-Reporter in der Nacht zum Mittwoch etwa die Art und Weise, wie Sami Khedira gespielt habe.

Das amerikanische Publikum war diesmal, erstmals in der Geschichte des früher so fußballfernen Landes, massenhaft zum Public Viewing angetreten. Und es fand im Spiel der deutschen Mannschaft Grundzüge wieder, wie sie der in die USA gewechselte Trainer Klinsmann auch der amerikanischen Mannschaft gepredigt hatte: Auf das intelligente Zusammenspiel kommt es an. Die Herkunft übrigens ist nicht wichtig. Ob jemand polnische Vorfahren hat, ghanaische oder tunesische - egal: Entscheidend war schon für Klinsmann und ist jetzt für Löw die Teamleistung auf dem Platz.

Ganz nebenbei veränderte dies die weltweite Wahrnehmung Deutschlands. Letzte Vorurteile in Richtung deutscher Pickelhaubenmentalität oder ethnischer Verkniffenheit wurden von Khedira, Klose und Co. soeben vor den Augen der Weltöffentlichkeit endgültig weggekickt.

Das Spiel blieb aus deutscher Sicht stets ein Spiel

Wichtig war aber auch: Das Spiel blieb aus deutscher Sicht stets ein Spiel. Es wurde nicht aufgepustet zu einem Beweis nationaler Größe. Bei Brasilien lief es umgekehrt - und als das erste Tor fiel, war es, als sei eine Blase geplatzt.

Für die Deutschen gab es nur wunderbare Chancen, keine gefährliche Fallhöhe. Das hat auch mit einer Philosophie zu tun, der Joachim Löw ebenso folgt wie Angela Merkel. Beide wecken lieber keine falschen Erwartungen. Beide ziehen, wenn sie nicht wissen, wie sie gucken sollen, im Zweifelsfall die Mundwinkel nach unten. Sie machen einen Bogen um Dinge, die sie als unecht empfinden. Und sie vermeiden Pathos.

Löw und Merkel sind deshalb nicht die besseren Menschen. Sie sind aber klügere Strategen als jene, die vorab gern die große Trommel rühren. Wer rhetorisch den Ball flach hält, enttäuscht am Ende die Leute nicht - sondern überrascht sie allenfalls positiv. Merkel regiert auf diese Art seit 2005. Eine Mitarbeiterin, die ihr hoch erfreut günstige Umfragedaten vorlegte, grantelte sie an: „Das wird auch wieder schlechter.“ Jahr für Jahr legt Merkel in ihrer Neujahrsansprache die Platte auf, die Krise sei noch nicht bewältigt; letztes Mal beschwerten sich Industriechefs im Kanzleramt über den aus ihrer Sicht allzu pessimistischen Ton. Doch Merkel ist da stur. Und Löw ist da ähnlich. Nach dem 7:1-Erfolg gegen Brasilien brachte er es fertig zu sagen, man solle das Ergebnis „auch nicht überbewerten“.

Fußball 4:2 n.E. gegen die Niederlande - Argentinien steht im Finale!
10.07.2014
Fußball DFB-Elf in der Einzelkritik - Wunderbar!
 Wahnsinn!
 Weltklasse!
09.07.2014