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Fußball Randale nach Abstieg: Schwere Zeiten für Bochum
Sport Fußball Randale nach Abstieg: Schwere Zeiten für Bochum
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09:07 09.05.2010
Wütende Bochum-Fans lösten am Sonnabend tumultartige Szenen aus.
Wütende Bochum-Fans lösten am Sonnabend tumultartige Szenen aus. Quelle: dpa
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Bei allem Verständnis für die Enttäuschung der Anhänger nach dem blamablen 0:3 gegen Hannover 96 verurteilte Bochums Sportvorstand Thomas Ernst die Randale. „Gewalt hat im Fußball nichts zu suchen.“

Nur das rasche und beherzte Eingreifen der Sicherheitskräfte verhinderte ähnlich schlimme Jagdszenen wie vor Wochen in Berlin. So war die Lage schnell unter Kontrolle. „Es war nicht so dramatisch. Ich kann verstehen, dass einige ihren Frust abreagieren mussten“, befand Kapitän Marcel Maltritz, der das Scheitern der Elf offen eingestand. Auch die vielen Trainer-Wechsel ließ er als Alibi nicht gelten. „Wir Spieler tragen allein die Schuld. Wenn man zwölf Spiele in Serie nicht gewinnt, hat man den Klassenverbleib nicht verdient.“

Auch „Galionsfigur“ Dariusz Wosz - nach Marcel Koller, Frank Heinemann und Heiko Herrlich schon der vierte VfL-Coach in dieser Spielzeit - schaffte es in den letzten beiden Spielen nicht mehr, der Mannschaft Leben einzuhauchen. „Das war Angsthasenfußball. So kann man in der Bundesliga nicht bestehen“, kritisierte der 40-Jährige. Ihm war der schwache Auftritt fast peinlich: „Ich möchte mich bei den Fans entschuldigen, dass es mir nicht gelungen ist, den Abstieg abzuwenden“, sagte Wosz traurig.

Schonungslos deckten die Niedersachsen die Schwächen des Revierclubs im Abstiegsfinale auf und feierten nach Treffern von Arnold Bruggink (9.), Mike Hanke (23.) und Sergio Pinto (45.) ihre Rettung überschwänglich mit den 10.000 mitgereisten Fans. Danach ging die Party mit Musik und Bier in der Kabine und am Abend in der heimischen AWD-Arena weiter. Alle Last der Achterbahn-Saison mit dem tragischen Tod von Robert Enke im November fiel von den Profis ab. „Viele hatten nach dem Abpfiff Tränen in den Augen“, verriet Bruggink. Und Enke-Nachfolger Florian Fromlowitz gestand: „Das waren Emotionen pur. Wir haben heute auch für Robert gewonnen.“

Mirko Slomka zeigte „größten Respekt“ vor seinem Team, das sich nach herben Schlappen in München (0:7) und Leverkusen (0:3) im Endspurt mit dem 6:1 gegen Gladbach und dem 3:0 in Bochum noch aus dem Sumpf zog. „Es ist beeindruckend, wie die Mannschaft trotz der Rückschläge immer wieder zurückgekommen ist“, sagte der Coach. Und Sportdirektor Jörg Schmadtke atmete tief durch: „Ich habe schon viele schwere Situationen erlebt. Aber diese Saison hat alles getoppt.“

Während 96 erstklassig bleibt, muss Bochum nach 1993, 1995, 1999, 2001 und 2005 wieder ins Unterhaus. Bislang gelang den längst nicht mehr „Unabsteigbaren“ stets die sofortige Rückkehr. Trotz eines um 16 auf rund 22,5 Millionen Euro reduzierten Etats will der VfL dieses Kunststück zum sechsten Mal schaffen. „Aber das wird verdammt schwer“, prophezeit Maltritz. „Ich hoffe, dass der Verein eine gute Mannschaft zusammenstellen kann.“ Torhüter Philipp Heerwagen forderte nach dem „rabenschwarzen Tag“ eine Truppe, die „das zerschlagene Porzellan wieder kitten“ will: „Wir müssen mit diesem Schmerz und der Wut in die 2. Liga gehen, um wieder hoch zu kommen.“

Mit welchem Personal, ist offen. Die Verträge von Vahid Hashemian und Joel Epalle laufen aus, Torwart Rene Renno und Diego Klimowicz (Karriereende) wurden schon verabschiedet. Bis auf Schalkes Leihspieler Lewis Holtby haben zwar alle Kontrakte für die 2. Liga, doch eine Zäsur ist unabdingbar: „Wir müssen keine Spieler verkaufen. Aber Fakt ist auch, dass wir nicht mit der identischen Truppe in eine Zweitliga-Saison gehen. Die 2. Liga ist ein hartes Brot, da braucht man eine andere Mentalität, eine andere Einstellung“, sagte Ernst, der sich bei der Trainersuche nach dem Flop mit Herrlich keinen Fehlgriff mehr erlauben kann, wenn der von ihm propagierte „kraftvolle Neuanfang“ gelingen soll.

dpa