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Fußball Vergeben und vergessen
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22:27 22.10.2014
FC-Bayern-Chef Karl-Heinz Rummenigge überreicht Papst Franziskus gemeinsam mit den Spielern Manuel Neuer und Philipp Lahm ein Präsent. Quelle: dpa
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Rom

Natürlich kann der Papst verzeihen. Als Mario Götze, der deutsche Finaltorschütze von Rio, gestern Morgen im Vatikan den berühmtesten Argentinier seit Diego Maradona traf, hatte Franziskus ein Lächeln für ihn übrig. „Wir sind nicht gekommen, um mit dem Papst darüber zu sprechen“, sagte der 22-jährige Bayern-Profi, der mit dem 1:0 in der Verlängerung den Argentiniern den Traum vom WM-Triumph in Brasilien genommen hatte. Nun schüttelte Götze die Hand Gottes. Die „Sünde“ ist vergeben.

Ergriffen, still und leise verhielten sich die Bayern-Profis bei der Privataudienz im Vatikan. Ehrfürchtig lauschten die Delegationsmitglieder den Worten des Oberhaupts der katholischen Kirche. „Wir sind froh, dass wir das erleben durften“, sagte Kapitän Philipp Lahm. Und David Alaba, tief gläubig, meinte: „Ich bin unheimlich beeindruckt von einem der größten Erlebnisse in meinem Leben.“ Die Delegation der bayerischen Himmelsstürmer überbrachte dem Papst zwei Geschenke: ein von allen Spielern unterschriebenes Originaltrikot des FC Bayern mit der Rückennummer 1 samt Aufdruck „Franziskus“ und das Versprechen, dem Heiligen Vater eine Million Euro aus einem Freundschaftsspiel für karitative Zwecke zur Verfügung zu stellen.

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Franziskus, selbst fußballbegeistert, lobte die Bayern für ihr 7:1 vom Vorabend beim AS Rom: „Sie haben ein wunderschönes Fußballspiel abgeliefert.“ Der zweite wundersame und beeindruckende Siebenerpack dieses Jahres nach dem 7:1 im WM-Halbfinale gegen Brasilien, an dem eine deutsche Mannschaft beteiligt war. Vier Bayern-Profis standen bei beiden Partien auf dem Platz: Manuel Neuer, Philipp Lahm, Jérôme Boateng und Thomas Müller. Mario Götze saß am 8. Juli 2014 in Belo Horizonte auf der Bank. Am Dienstagabend in Rom fehlten der verletzte Bastian Schweinsteiger und der zu Real Madrid gewechselte Toni Kroos. Das 7:1 in der Ewigen Stadt war der höchste Auswärtssieg der Münchener Europapokalhistorie. „Ich würde das Spiel fast geschichtsträchtig nennen. Wenn wir uns in zehn Jahren wieder treffen, werden wir uns an diesen Abend erinnern“, prognostizierte Karl-Heinz Rummenigge kurz nach Mitternacht bei seiner Bankett-Ansprache im Hotel.

Geschichte wird gemacht, der FC Bayern überrollt derzeit seine Gegner mit der Kraft der vier Offensivherzen Arjen Robben (Doppelpack), Mario Götze, Thomas Müller und Robert Lewandowski, die jeweils einen Treffer erzielten. Die eingewechselten Franck Ribéry und Xherdan Shaqiri erhöhten auf 7:1.

Zweimal glorreiche sieben Treffer, dennoch waren es zwei ganz unterschiedliche Partien. Die Magie von Belo Horizonte und der Glanz von Rom. Ein Vergleich. Der Spielverlauf: Kurios. Damals wie am Dienstag stand es zur Pause 5:0. Die deutsche Elf führte gegen die Brasilianer nach 29 Minuten mit 5:0 (Müller, Miroslav Klose, zweimal Kroos und Sami Khedira trafen), die Bayern brauchten 36 Minuten. Nach der Pause legten beide Teams ein paar Minuten der Demut ein. Während der Ehrentreffer für die Brasilianer erst nach einem Doppelpack von André Schürrle ganz zum Schluss durch Oscar fiel, ließ Bayern die Römer auf 1:5 rankommen – eine kurze Auszeit, die Guardiola, der Perfektionist, kritisierte. „In den ersten 25 Minuten der zweiten Halbzeit haben wir nichts gut gemacht.“

Die Taktik: Die Italiener schwärmten vom „totalen Fußball der Bayern“.  Gleich acht Spieler der Münchener Startelf hielten sich einer Statistik nach während der Partie überwiegend jenseits der Mittellinie auf – nur Torwart Neuer, Boateng und Mehdi Benatia nicht. Fast schon ein waghalsiges 2-4-4-System, mit dem Guardiola überraschte. Bei der WM hatte Bundestrainer Joachim Löw ähnlich hoch angreifen lassen, jedoch mit Viererkette sowie Doppelsechs Schweinsteiger und Khedira. Davor wirbelten Kroos, Mesut Özil, Müller, Klose.

Die Emotionen: Die Brasilianer verstummten vor Erstaunen ob der historischen Schmach, berühmt wurde das Bild eines traurigen Fans, der einer blonden deutschen Anhängerin schon mal symbolisch einen nachgebauten WM-Pokal überreichte. In Rom applaudierten sogar die heißblütigen Rom-Fans den Überirdischen aus Bayern. Als Zeichen der Anerkennung tauschten die Ultras über Zäune hinweg Schals aus.
Nach Brasilien kam für die deutsche Elf die Finalschlacht gegen Argentinien. Auch für den FC Bayern München steht ein Topduell an: Sonntag bei Verfolger Borussia Mönchengladbach. Wird es eine echte Herausforderung?

Von Patrick Strasser

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