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Fußball Ohne Pass, ohne warme Mahlzeit
Sport Fußball Ohne Pass, ohne warme Mahlzeit
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08:03 19.11.2013
Von Carsten Schmidt
Wohnt man da noch? In solchen Sammelunterkünften in Katar werden die Gastarbeiter aus Süd- und Südostasien zusammengepfercht. Quelle: dpa
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Amnesty International prangert die Arbeitsbedingungen auf den Baustellen in Katar an

In Katar herrscht Ausbeutung bis hin zu Zwangsarbeit. Zu diesem Schluss kommt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Deren Mitarbeiter haben im Oktober 2012 und März 2013 210 Gastarbeiter in dem arabischen Emirat befragt, das 2022 die Fußball-Weltmeisterschaft ausrichten wird. In dem daraus entstandenen Bericht, der jetzt in Katars Hauptstadt Doha vorgestellt wurde, werden Menschenrechtsverletzungen gegenüber den geschätzt 1,5 Millionen Wanderarbeitern angeprangert, insbesondere die folgenden Verstöße:

  • Täuschung der Arbeiter: Die angeworbenen Migranten – vorwiegend aus Südund Südostasien (Indien, Nepal, Sri Lanka, Bangladesch, Indonesien und Philippinen) – finden ihren Angaben zufolge andere Arbeitsbedingungen vor, als ihnen zuvor versprochen wurden. Das reicht von weniger Gehalt bis hin zu gar keiner Bezahlung über Monate. Zudem werden offenbar Standards bei der Zeitregelung nicht eingehalten. Arbeiter berichteten davon, dass sie zwölf Stunden lang selbst in den Sommermonaten bei Temperaturen von mehr als 40 Gard schuften mussten, und das sieben Tage in der Woche.
  • Sponsorengesetz: Gastarbeiter dürfen das Emirat nur dann verlassen oder ihren Arbeitgeber wechseln, wenn der vorherige Chef seine Zustimmung erteilt. Das ist seit 2009 in einem entsprechenden Gesetz geregelt und betrifft nicht nur die Migranten aus den armen asiatischen Ländern, sondern auch Fußballprofis und -trainer aus Europa, die wegen eines Streites mit Klubs aus Katar am Persischen Golf festsitzen. Arbeitgeber behalten zuweilen auch die Pässe der Beschäftigten ein, berichteten die Befragten, um somit eine Ausreise zu verhindern. Daraus folgt auch eine Rechtelosigkeit, weil ein Beitritt zu einer Gewerkschaft ohne gültige Papiere unmöglich ist.
  • Arbeitssicherheit:  Verstöße gegen Gesundheitsvorschriften werden auf den Baustellen nur selten geahndet, heißt es in dem Amnesty-Bericht. Es gibt dort weder ausreichend Schutzhelme noch Trinkwasser. Zudem wird ein  Krankenhausvertreter aus Doha zitiert, der von mehr als 1000 Patienten mit Verletzungen spricht, die im Jahr 2012 nach Stürzen behandelt wurden. Davon seien zehn Prozent mit einer dauerhaften Behinderung zurückgeblieben. Die britische Zeitung „Guardian“ hatte schon Ende September berichtet, dass 44 nepalesische Arbeiter in Katar nach Arbeitsunfällen oder infolge eines Herzinfarkts gestorben seien.
  • Unterbringung: Die Gastarbeiter hausen mehr, als dass sie wohnen. Die Sammelunterkünfte verfügen ihren Berichten nach weder über sanitäre Anlagen noch über Strom, sodass die Zubereitung von Kaffee oder Tee oder gar einer warmen Mahlzeit kaum möglich ist.
  • Missachtung der Menschenwürde: Die Migranten fühlen sich selbst wie „Vieh“ behandelt, ein katarischer Manager soll seine Arbeiter als „Tiere“ tituliert haben.

Die Regierung des Emirats verspricht Besserung und betont, dass im Oktober internationale Rechtsanwälte von den Behörden des Landes beauftragt worden seien, einen unabhängigen Bericht über die Situation zu verfassen. Allerdings braucht Katar kaum zu fürchten, dass die WM-Vergabe wegen Menschenrechtsverstößen oder eines unzumutbaren Klimas für Sportler entzogen wird. Das Emirat beruft sich auf rechtsgültige Verträge mit dem Fußball-Weltverband FIFA, deren Kündigung die FIFA teuer zu stehen käme. Nur wenn bewiesen werden sollte, dass die WM-Vergabe 2022 durch Bestechung zustande gekommen ist, dann würde die FIFA aussteigen. Auch dem Fußball-Weltverband sind gute Beziehungen zu den reichen Monarchien am Persischen Golf offenbar wichtiger als die hehren Ziele der Olympischen Charta, von denen sich die FIFA als Mitglied der Olympischen Bewegung eigentlich geleitet sieht. Dort wird als grundlegendes Prinzip auch jede Form der Diskriminierung „einer Person aufgrund von Rasse, Religion, Politik, Geschlecht oder sonstigen Gründen“ abgelehnt und als unvereinbar mit der Zugehörigkeit zur Olympischen Bewegung eingestuft.

„Noch keine WM-Baustelle"

Ausgesprochen ausweichend reagierte der Fußball-Weltverband FIFA auf die Vorwürfe von Amnesty International. Die FIFA erwartet vom Emirat Katar zwar eine Verbesserung der Bedingungen für Gastarbeiter, ein zeitliches Limit für Reformen will der Fußball-Weltverband dem WM-Gastgeber 2022 aber nicht vorgeben. Man sei in „ständigem Kontakt mit den Verantwortlichen in Katar“, hieß es. „Wir werden den Druck aufrechthalten.“ Außerdem sei man der Überzeugung, dass die Vergabe der Endrunde 2022 den Menschen im Land und in der ganzen Region nütze. „Ohne die WM würde kaum jemand über Katar sprechen. Dank der WM nimmt die Weltöffentlichkeit das Problem wahr“, sagte ein Sprecher. Darüber hinaus betonte die FIFA, dass die Verbindung von Arbeitsbedingungen und Fußball-Weltmeisterschaften nicht korrekt sei. Bis heute gebe es noch keine WM-Baustelle in Katar, da noch nicht einmal die Stadien endgültig bestimmt seien.

dpa

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