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Fußball Mindestlohn bedroht Hannovers Vereine
Sport Fußball Mindestlohn bedroht Hannovers Vereine
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00:18 09.01.2015
Von Sabrina Mazzola
Bei Vereinen wie dem Landesligisten OSV Hannover – hier mit Michael Kielek (links) im Einsatz – gibt es mehrere Vertragsspieler. Die Verunsicherung, was die neue Mindestlohnregelung für sie bedeutet, ist bei den Clubverantwortlichen im Amateurfußball groß.
Bei Vereinen wie dem Landesligisten OSV Hannover – hier mit Michael Kielek (links) im Einsatz – gibt es mehrere Vertragsspieler. Die Verunsicherung, was die neue Mindestlohnregelung für sie bedeutet, ist bei den Clubverantwortlichen im Amateurfußball groß. Quelle: Ulrich zur Nieden
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Hannover

Punktspiele, die ausfallen, weil die Vereine nicht mehr genügend Spieler haben. Trainingsplätze in schlechtem Zustand, weil der Platzwart nicht kommt. Und Trainer, die ihre Vorstände vors Arbeitsgericht zerren - es sind düstere Szenen, die im niedersächsischen Amateurfußball bald Realität werden könnten. Der Grund: Die Einführung des Mindestlohns stellt die Vereine von der 4. bis zur 7. Liga vor finanzielle Probleme in noch unbekanntem Ausmaß. Denn seit dem 1. Januar haben viele Spieler sowie Übungsleiter, Platzwarte und andere in Sportvereinen Aktive Anspruch auf den Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro pro Stunde, wenn ihre Tätigkeit vor allem dem Gelderwerb dient.

Das Ausmaß der drohenden Auseinandersetzungen und die finanziellen Folgen für den Amateurfußball sind dabei noch nicht abzusehen. Das Problem beginnt bei den sogenannten Vertragsspielern. Sie erhalten pro Monat mindestens 250 Euro - doch dafür können sie bei einem Stundenlohn von 8,50 nur 29 Stunden im Monat spielen. Und das entspricht im gehobenen Amateurfußball nicht ansatzweise dem realen Arbeitsaufwand, zumal außer Trainingszeiten und Spielen auch Trainingslager und Besprechungen als Arbeitszeit gelten.

Ende vom Regionalligafußball in Havelse?

Die Etats vieler Vereine würde das sprengen - zum Beispiel beim TSV Havelse. „Wir sind kein finanzstarker Verein, unsere Geschäftsstelle lebt von den Praktikanten, und unsere ganze erste Mannschaft besteht aus Vertragsspielern. Im schlechtesten Fall wird es nach dem neuen Gesetz beim TSV keinen Regionalligafußball mehr geben“, sagt Havelses Geschäftsführer Stefan Pralle.

In Niedersachsen gibt es laut Niedersächsischem Fußballverband (NFV) rund 1000 solcher Vertragsspieler, die jetzt den Mindestlohn fordern können. Nach Ansicht des Justiziars der Spielergewerkschaft, der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV), haben diese ein Recht auf den Mindestlohn. „Da gibt es keine zwei Meinungen“, sagt VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky. Die VDV, die rund 1300 der Bundesliga- und Vertragsspieler vertritt, rät den Betroffenen deshalb, genau über ihren Arbeitsaufwand Protokoll zu führen und sich dies gegebenenfalls vom Trainer bestätigen zu lassen.

Der Mindestlohn kommt nach Auffassung von Baranowsky in Einzelfällen auch für sogenannte Amateure in Betracht. Amateure sind zwar laut Definition Spieler, die nicht mit einem Arbeitsvertrag bei den Landesverbänden registriert sind. Dennoch kann in Einzelfällen ein faktisches Arbeitsverhältnis bestehen, wenn ein Amateur für seine Leistung Geld erhält, dass über eine nachweisbare Aufwandsentschädigung hinausgeht. „Solche Spieler können vor dem Arbeitsgericht klagen. Dieses wird dann im Einzelfall entscheiden, ob ein Arbeitsverhältnis besteht, dass nach dem Mindestlohngesetz bezahlt werden muss“, sagt Baranowsky. Problematisch ist es allerdings, wenn der Klub die Zahlungen an den Amateur bisher nicht dem Finanzamt und der Krankenkasse gemeldet hat. „Das sind dann in der Regel Schwarzgeldzahlungen.“

Die Verunsicherung beim NFV ist groß

Maßstab dafür, ob ein Arbeitsverhältnis besteht oder nur ein Ehrenamt, ist einerseits der „Wille sich für das Gemeinwohl einzusetzen“ (Ehrenamt) oder aber das „vorrangige Ziel der Gewinnerzielung“ (Arbeitsverhältnis). Wann jemand jedoch nur ehrenamtlich und wann vorrangig gegen Bezahlung arbeitet, lässt sich in der Praxis kaum auseinanderhalten. In dieser Grauzone bewegen sich derzeit nicht nur die Sportamateure, sondern Übungsleiter, Platzwarte oder Aushilfen.

Die Verunsicherung beim NFV ist groß. „Wir sind da selbst noch in der Entscheidungsphase, weil es noch keine rechtsverbindlichen Regelungen für den Fußball gibt“, sagt NFV-Verbandsjustiziar Steffen Heyerhorst, der 2600 Fußballvereine in Niedersachsen vertritt. Bislang hätten sich vier bis fünf Vereine bei ihm gemeldet, „aber eine volle rechtsumfängliche Beratung konnten wir noch nicht leisten, weil die Lage noch unklar ist. Wir stehen in Kontakt mit dem DFB und werden in den nächsten zwei bis drei Wochen Handlungsempfehlungen an unsere Mitgliedsvereine herausgeben. Da werden wir sicher einige wachrütteln“, sagt Heyerhorst. „Ich denke, dass das eher ein Problem ab der Regionalliga ist.“

Vereinen drohen Geldbußen

Wachgerüttelt ist deshalb auch der SV Ramlingen/Ehlershausen (RSE), der in der Landesliga spielt. „Wir setzen uns in zehn Tagen mit unserem Steuerberater zusammen. Dann überlegen wir, wie wir vorgehen“, sagt Clubchef Jürgen Stern. Derzeit habe der RSE acht Vertragsspieler. Ähnlich sieht es beim OSV Hannover aus: „Wir kennen die Problematik, haben uns aber noch nicht damit befasst“, sagt der Vorsitzende Martin Mader. „Wir haben fünf bis sechs Vertragsamateure und werden die künftigen Kosten dann mal durchrechnen. Allen anderen zahlen wir Pauschalen.“ Dass auch diese jetzt Anspruch auf Mindestlohn haben könnten, ist Mader bewusst.

„Viele der Fälle werden Einzelentscheidungen sein“, sagt NFV-Justiziar Heyerhorst. „Die betroffenen Vereine müssen sich in Zukunft überlegen: Binde ich den einen Spieler oder nicht?“ In Zukunft werde die umfangreiche Vertragsbindung höherklassiger Amateurspieler vermutlich nicht mehr im bisherigen Umfang möglich sein. Ob und wie viele Spieler oder Trainer, die Anspruch auf den Mindestlohn haben, diesen auch tatsächlich versuchen durchzusetzen, ist ungewiss. Sollte aber ein Verein einen Spieler, für den Mindestlohn infrage kommt, nicht in voller Höhe oder verspätet bezahlen, kann er dafür mit einer Geldbuße von bis zu 500.000 Euro bestraft werden.

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