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Fußball Lell: "In Hannover immer schwer getan"
Sport Fußball Lell: "In Hannover immer schwer getan"
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22:09 01.10.2012
Von Jörg Grußendorf
 Christian Lell (r)  ist Verteidiger bei UD Levante. Am Donnerstag wartet bereits das Spiel gegen Hannover 96. Quelle: dpa
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Hannover

Herr Lell, sind Sie überhaupt ansprechbar – oder ist Ihre Laune zu schlecht?

Sie können sicher sein, dass ich stinksauer bin. 0:4 beim Tabellenletzten (CA Osasuna, d. Red.), das geht gar nicht. Man kann verlieren, aber das ist schon bitter. Zum Glück geht es am Donnerstag schon weiter.

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Aber solch eine Klatsche ist vor dem schweren Spiel bei Hannover 96 sicherlich alles andere als förderlich.

Klar, aber das ist Fußball. Zu sehr darf man sich mit dem 0:4 auch nicht aufhalten. Die spanische Liga ist zwar breit aufgestellt, aber außer den ersten vier spielen alle anderen hier gegen den Abstieg; und da ist vieles möglich. Außerdem: Das kann gegen Hannover doch schon wieder ganz anders aussehen.

Was macht Sie optimistisch? Sind es die Erfahrungen mit Ihrem früheren Klub Hertha BSC Berlin, mit dem Sie im vergangenen Jahr trotz des Abstiegs gegen 96 gepunktet haben?

Nein, in Hannover haben wir uns, egal, wo ich gespielt habe, immer schwergetan. Und 96, das ist hinlänglich bekannt, hat einen Riesenschritt gemacht, die Mannschaft hat eine super Qualität. 

Was ist es dann, was Sie zuversichtlich stimmt?

Wir haben eine familiäre Mannschaft; wir funktionieren als Team, es gibt keine Stars. Wenn wir uns auf unsere Stärken besinnen, weiß ich, dass wir eine Chance haben zu gewinnen. Aber: Wir haben natürlich Respekt. Ich weiß, was uns erwartet, und kenne schließlich alle Spieler – zusammengespielt habe ich aber nur mit dem Jan Schlaudraff bei den Bayern. 

Hat sich Ihr Trainer Juan Ignacio Martinez schon nach den „Roten“ bei Ihnen erkundigt?

Natürlich kam schon die eine oder andere Frage nach dem System oder nach den Spielern. Unser Trainer weiß aber auch ohne mich sehr, sehr viel über Hannover 96 und die Stärke der Bundesliga.

Ihr persönlicher Abschied aus der Bundesliga kam im Sommer nach dem Abstieg der Hertha sehr plötzlich. Wie sehr beschäftigt Sie das Ganze noch?

Gar nicht mehr. Ich bin kein Mensch, der großartig zurückblickt.

Aber Sie hatten doch gerade erst Ihren Vertrag in Berlin um vier Jahre bis 2016 verlängert – und dann wollte Sie der neue Trainer Jos Luhukay nicht mehr? Das muss Sie doch wurmen.

Was heißt, er wollte mich nicht mehr? Mein Vertrag galt ausschließlich für die 1. Liga, also war ich ablösefrei. Berlin hat sich also nicht von mir getrennt, ich musste nicht gehen. Natürlich muss man hinterfragen, warum es mit mir sportlich plötzlich nicht mehr passen sollte.

Das unrühmliche Relegationsspiel in Düsseldorf, nach dem Sie und einige Ihrer Berliner Mitspieler gesperrt worden, spielte also keine Rolle beim Wechsel?

Nein, überhaupt nicht. Andere, die länger als ich (fünf Spiele, d. Red.) gesperrt wurden, sind doch bei Hertha geblieben. Das war nicht der Faktor.

Und wie kommt man dann auf Levante, ein in Deutschland nahezu komplett unbeschriebenes Blatt?

Die Mannschaft hat eine sensationelle Saison gespielt und sich für die Europa League qualifiziert; ich spiele also international.

Aber Levante ist doch eher ein typischer Zweitligist, hat schon 37 Saisons in der 2. Liga hinter sich, absolviert erst das insgesamt siebte Spieljahr in der Primera Division.

Mag sein, aber es entsteht etwas. Das Umfeld mit Geschäftsführung und Präsident macht einen guten Eindruck. Das große Ziel ist es, den Klub in der 1. Liga zu etablieren.

Haben Sie sich schon eingelebt in Valencia?

Ja, ganz schnell. Valencia ist eine phantastische Stadt. Meine Lebensgefährtin, meine Tochter und ich fühlen uns pudelwohl. Aber der erste Sprung ins Ausland war schon sehr groß. Von Köln oder Berlin war man schnell daheim in München bei der Familie. Jetzt ist es schon etwas anders. Aber es gefällt mir wirklich super hier.

Wie ist es um Ihr Spanisch bestellt?

Noch schlecht, aber nächste Woche geht es los mit einem Sprachlehrer. Es bringt doch nichts, wenn man hier ständig mit einem Übersetzer arbeiten muss. Ich will mich hier integrieren, die Sprache verstehen und mich selbst weiterentwickeln.

Und wie läuft es beim Einkaufen?

Mit ein wenig Englisch und Zeichensprache kriegt man alles.

Christian Lell wurde am 29. August 1984 in München geboren. 1998 schloss er sich als 13-Jähriger der Juniorenfußballabteilung des FC Bayern München an. Der Abwehrspieler schaffte den Sprung zu den Profis – sein Debüt feierte Lell im Oktober 2003, als er in der Partie gegen Hertha BSC Berlin für Michael Ballack eingewechselt wurde. Weitere Stationen waren der Zweitligist 1. FC Köln (2004/2005, ausgeliehen) und Hertha BSC Berlin (2010 bis 2012). Lell verlängerte seinen Vertrag bei den Hauptstädtern im Januar 2012 bis 2016 – aber nur für die 1. Liga; Hertha stieg ab, Lell war ablösefrei. Der inzwischen 28-Jährige wurde nach Entgleisungen im Relegationsspiel gegen Fortuna Düsseldorf für fünf Bundesligaspiele gesperrt. Seit dem Sommer spielt er für UD Levante, einen Stadtteilklub von Valencia, in Spanien. Abseits des Platzes machte Lell im Februar 2007 Schlagzeilen, als er wegen eines Streits mit seiner Freundin vorläufig festgenommen wurde. Die Ermittlungen wurden später allerdings eingestellt. Aufgrund der Erkrankung seiner Schwester an Mukoviszidose (eine Stoffwechselstörung) hat der Fußballer 2009 die Christian-Lell-Stiftung gegründet.