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Fußball Kaum Gewalt gegen Ausländer nach der Fußball-WM
Sport Fußball Kaum Gewalt gegen Ausländer nach der Fußball-WM
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09:01 06.08.2010
Quelle: dpa
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David L. und seine schwangere Frau müssen nun doch nicht in die Garage ziehen. Vor vier Wochen noch hatte der Gärtner aus Simbabwe vorsorglich sein bescheidenes Hab und Gut aus seiner kärglichen Hütte im Township Gugulethu in zwei Koffern zu seinem Arbeitgeber gebracht, einem vermögenden Mann in Constantia bei Kapstadt. Zu groß war die Angst des 38-jährigen Simbabwers vor einem Gewaltausbruch gegen Ausländer nach dem Ende der Fußball-WM. Vier Wochen danach herrscht Erleichterung in Südafrika.

Die Polizei registrierte zwar ausländerfeindliche Übergriffe - aber längst nicht in dem Ausmaß wie befürchtet. 2008 waren 62 Menschen getötet und Hunderte verletzt worden. Damals attackierten Südafrikaner in den Elendsvierteln Flüchtlinge und Emigranten aus anderen afrikanischen Ländern. „Sie nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ und sie erschlichen sich Sozialleistungen vom Staat, lauteten die gängigen Parolen gegen die geschätzt vier bis sechs Millionen Ausländer in Südafrika - angesichts der hohen Zahl der Illegalen weiß das niemand so genau.

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Auch wenn Umfragen zeigen, dass viele Südafrikaner auch heute noch diese Sicht teilen, hat es keine sozialen Unruhen gegeben. Auch sind bisher keine Toten zu beklagen. In Western Cape, einer der Provinzen mit großen sozialen Spannungen, wurden den Behörden zufolge seit Mai 40 Menschen wegen ausländerfeindlicher Aktionen festgenommen. Insgesamt habe es 55 Vorfälle dieser Art gegeben. Ausländer wurden bedroht, manche angegriffen und verletzt. Kleine Läden ausländischer Händler waren Ziele vereinzelter Brandanschläge oder Plünderungen.

David L. erklärt sich das Ausbleiben massiver Übergriffe vor allem mit der starken Präsenz von Polizei und Militär in den Townships: „Die vielen Polizisten und Soldaten haben viel verhindert, jetzt hoffen wir, dass sie auch bleiben“, sagt er. Auch Kirchen und Bürgerechtsorganisationen sind erleichtert. Sie hatten zum Teil dramatisch vor einer drohenden Gewaltwelle gewarnt. Tausende Menschen aus Somalia, Simbabwe oder Mosambik verließen aus Furcht Südafrika.

Nun darf die Regierung von Präsident Jacob Zuma hoffen, nach der geglückten WM einen weiteren Erfolg verbuchen zu können. Es gibt schon jetzt viel Lob: „Erstmals möchten wir der Regierung für die rasche Reaktion beim Ersticken ausländerfeindlicher Angriffe gratulieren“, sagte der Direktor der simbabwischen Exilorganisation ZEF, Gabriel Shumba.

Die Regierung hatte vor allem die Lehre aus der WM-Zeit gezogen, dass massive Polizeipräsenz die Sicherheit deutlich erhöht. Also stationierten Polizei und Militär starke Kräfte in der Nähe gefährdeter Orten. Zudem startete die Regierung eine breit angelegte Kampagne. „Wir Südafrikaner sind nicht ausländerfeindlich“ und „Sag Nein zu Fremdenfeindlichkeit!“, lauteten die Slogans in Radio- und TV-Spots.

Dass Südafrika noch ein gutes Stück entfernt ist von innerem Frieden und funktionierendem Rechtsstaat, belegt nicht nur die anhaltend hohe Kriminalität. Anfang der Woche wurden fünf Menschen vom wütenden Mob gelyncht: Drei mutmaßliche Diebe von Elektrokabeln verbrannten in ihrem Geländewagen in Lenasia South bei Johannesburg, nachdem aufgebrachte Anwohner das Auto angezündet hatten. Zwei Jugendliche, die in Mthatha (Provinz Eastern Cape) angeblich Kleider gestohlen hatten, wurden von Bewohnern der Armensiedlung totgeschlagen.

Vielfach geht es um bittere Armut und Perspektivlosigkeit. Allerdings entlädt sich nach einer Analyse des Instituts für Sicherheitsstudien ISS (Pretoria) der Alltagsfrust nicht in erster Linie an Ausländern. In der Regel seien Frauen, Alte und Kinder das Ziel - „die relativ Schwächsten der (südafrikanischen) Gesellschaft“.

dpa