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Fußball Joachim Löw sucht den Wettkampf
Sport Fußball Joachim Löw sucht den Wettkampf
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20:29 07.06.2012
Von Heiko Rehberg
Joachim Löw scheint mit jeder Minute gelassener und aufgeräumter zu werden: Herausforderungen wie eine EM machen dem Bundestrainer besonders viel Spaß. Quelle: imago sportfotodienst
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Danzig

Wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann schnappt sich Joachim Löw zum Anfang eines Trainings der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Danzig am liebsten einen Ball, hält ihn mit dem Fuß ein wenig hoch, dribbelt ein paar Meter nach links und ein paar Meter nach rechts. Wer ihn dabei beobachten kann, sieht einen Bundestrainer, der für ein paar Minuten in seiner eigenen Welt zu verschwinden scheint. Die Kameraleute sind für jede Ballberührung dankbar, weil ein Bundestrainer in Aktion mehr hergibt als ein paar Muskeln dehnende Nationalspieler. Und Löw interessiert es nicht, wenn dabei Bilder herauskommen, auf denen zu sehen ist, wie ihm auch mal ein Ball wegspringt. Löw genießt diese Augenblicke, in denen er kurz mal wieder Spieler sein darf.

Überhaupt scheint er in diesen Tagen in Polen alles zu genießen. Um ihn herum werden alle mit jeder Minute, mit der das deutsche EM-Auftaktspiel gegen Portugal in Lwiw (morgen, 20.45 Uhr, live in der ARD) näherrückt, aufgeregter. Löw scheint mit jeder Minute gelassener und aufgeräumter zu werden. „Je näher das Turnier rückt“, verriet er gestern, „umso ruhiger werde ich und umso klarer werden meine Gedanken.“

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Auf dem Podium im deutschen Medienzentrum saß ein Bundestrainer, dessen Fußballwelt in ihren Grundfesten ruht und der sich noch nicht einmal von Fragen aus der Fassung bringen lässt, die er sonst ungefähr so schätzt wie lange Bälle aus der Abwehr. Und so begegnete er auch dem Mann vom Boulevardfernsehen mit einem Lächeln, der allen Ernstes wissen wollte, ob Löw morgens nach dem Aufstehen auch 436 sogenannte Sit-ups schaffe wie Portugals Superstar Cristiano Ronaldo und ob er auf dessen „Sixpack“ neidisch sei. Fußball-Deutschland weiß jetzt: Löw macht überhaupt keine Sit-ups, er geht morgens lieber laufen – oder schnappt sich auf dem Platz einen Ball.

Löw ist der Erfinder von Wortschöpfungen wie „Ballkontaktzeiten“ und „Seriensprintsportart“, mit denen Menschen, die Fußball hauptsächlich schauen, um sich zu unterhalten, nicht viel anfangen können. Wenn ihm dann jemand einen dieser Begriffe noch einmal zuwirft wie einen Ball, dann lehnt er sich zufrieden zurück und hält auch gerne mal ein kleines Referat über modernen Fußball, wie er ihn begreift.

Am Donnerstag hat Löw verblüfft mit der Feststellung, er sei ein „Wettkampftrainer“, und zumindest in der Schweiz und in Israel werden sie mit der Begründung nicht ganz glücklich sein. Schweiz (3:5) und Israel (2:0) waren die letzten deutschen Testspielgegner vor der EM, vieles lief nicht besonders rund, aber Löw erzählte, dass er mit solchen Spielen ohnehin nicht viel anfangen könne. Der Wettkampftrainer Löw braucht Spiele wie gegen Portugal und am kommenden Mittwoch gegen die Niederlande. Turnierspiele, keine Freundschaftsspiele, große Gegner, dann ist ihm wohler. Würde morgen beispielsweise Irland der deutsche Gegner heißen und nicht Portugal, vielleicht wäre der 52-Jährige dann weniger gelassen.

Bei Turnieren, sagt Löw, entwickele er immer einen „Tunnelblick“. Und weil es im Tunnel dunkel ist, schaut er derzeit nur ein paar Meter nach vorn. „Es geht nur Schritt für Schritt“, sagte er, „sonst stolpert man.“ Damit dieses Missgeschick nicht gleich zum Auftakt passiert, hat er allen in der Nationalmannschaft verboten, über etwas anderes zu reden als Portugal. Schon gar nicht über ein Halbfinale oder ein Finale oder sogar über den Titel. Er nimmt sich da selbst nicht aus.

Noch vor ein paar Wochen hat Löw erzählt, dass ihm „der Titel unendlich viel bedeuten“ würde. Der Gewinn der Europameisterschaft wäre die Krönung seiner sechsjährigen Amtszeit, in der er die Nationalmannschaft revolutioniert hat mit einem der Schönheit des Spiels verpflichteten Fußball, den man in Deutschland bereits für ausgestorben gehalten hatte. Er würde das natürlich nie so formulieren, aber es wäre tatsächlich eine böse Finte des Spiels, wenn weniger akribische, weniger leidenschaftliche, weniger kompetente Bundestrainer wie Jupp Derwall oder Berti Vogts in der Geschichtsgalerie mit einem EM-Titel dastehen – und Löw mit leeren Händen.

Löw hat alle seine Wunschspieler zusammen, er hat einen Kader zusammengestellt, mit dem er Löw-Fußball spielen lassen kann. Er weiß um kleinere Unebenheiten im hinteren Mannschaftsteil, aber er vertraut auf ein gewaltiges Offensivpotenzial und ist überzeugt, für jeden Gegner, jede Taktik, jede Spielsituation Trümpfe in der Hand zu haben. Er muss sie im jeweiligen Augenblick nur ausspielen, das ist seine letzte große Herausforderung als Bundestrainer. Alles andere hat er längst erledigt. Und Löw, dem gelassenen Genussmenschen, macht diese Herausforderung erst richtig Spaß.

Heiko Rehberg 07.06.2012
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