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Fußball In den Spielorten sind Vorboten der Frauenfußball-WM nicht zu übersehen
Sport Fußball In den Spielorten sind Vorboten der Frauenfußball-WM nicht zu übersehen
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20:00 01.11.2010
Von Tatjana Riegler
Das WM-Maskottchen Karla Kick (Mitte), Franz Beckenbauer und Steffi Jones, die Chefin des Organisationskomitees, werben bei jeder Gelegenheit für das Turnier im kommenden Sommer.
Das WM-Maskottchen Karla Kick (Mitte), Franz Beckenbauer und Steffi Jones, die Chefin des Organisationskomitees, werben für die WM 2011. Quelle: dpa
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Fußball interessiert ihn nicht. Michael Dymny schaufelt Broschüren und Schlüsselanhänger in fremde Hände, als müsse er den Nachteil mit Körpereinsatz wettmachen. Es geht um nichts weniger als die WM-Qualifikation, 2011 möchte der 27-jährige Wolfsburger als Volunteer dabei sein, wenn die Welt zu Gast bei Freundinnen ist. Im Pavillon des WM-Organisationskomitees (OK) verteilt er Artikel aller Art, die auf das große Ereignis hinweisen: Zeitpläne, Ticketpreise, Poster. Nach dem Länderspiel der deutschen Frauen gegen Australien dürften Dymnys Chancen gestiegen sein, aber die Konkurrenz ist groß: Schon 10.000 Freiwillige aus aller Welt haben sich um einen Volunteer-Job beworben.

Es ist nicht allein dieser Name für die Helfer, der an den Sommer 2006 erinnert. „2011 – Wiedersehen bei Freunden“ lautet das Motto der Frauenfußball-Weltmeisterschaft, das anknüpfen soll an die Wochen, in denen „Die Welt zu Gast bei Freunden“ war. Ein hoher Anspruch ist dies, an Größe, an Gemeinschaft, an Gefühl. Die Männer-WM im eigenen Land hat Maßstäbe gesetzt; wer sich auch nur zehn Sekunden dem Spaß der Erinnerung hingibt, hat sofort die schönsten Bilder vor Augen. Ob die Frauen-WM im eigenen Land Ähnliches erreichen kann?

In Wolfsburg erlebten 7229 Zuschauer die WM-Generalprobe live. Die Zahl war enttäuschend und ein Signal dafür, dass das Interesse für Frauenfußball nicht so selbstverständlich vorhanden ist wie für Männerfußball. Selbst bei Auftritten der Nationalelf nicht. Anmerken ließ sich das beim zweifachen Weltmeister aber niemand. „Vielleicht lag es an der Früh- und Spätschicht bei VW“, mutmaßte Bundestrainerin Silvia Neid ironisch, und ihre Spielerinnen schlossen sich der Erklärung der Wolfsburgerin Martina Müller an: „Ich hätte mir mehr Zuschauer gewünscht – aber die, die da waren, haben uns toll unterstützt.“

Dem war kaum zu widersprechen. Und doch setzte die Choreografie des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die Akzente mit spannungsvoller Einlaufmusik und großem Flaggenschwenken. Die Begeisterung für die WM zu schüren, wird die größte Aufgabe bis zum Eröffnungsspiel am 26. Juni in Berlin, dafür lassen sich die Frauen gern von DFB und OK einspannen. „Wir spüren eine große Motivation“, sagt DFB-Sprecher Niels Barnhofer. Zuletzt in Wolfsburg besuchten die Spielerinnen Schulen und ließen sich nach dem Training so lange Zeit fürs Autogrammeschreiben und gemeinsame Fotografieren, bis jeder Fan glücklich von dannen zog. Sie plaudern auf Sponsorentreffs, machen bei Fotoshootings mit, und sie lassen sogar die männlichen Nationalmannschaftskollegen wie Manuel Neuer in Kurzspots für ihre Sache werben.

Weil ihre Sache weit größer ist als die sportliche Mission Titelverteidigung. Mehr als 300.000 Eintrittskarten für die 32 WM-Spiele sind verkauft, insgesamt 700.000 Tickets stehen zur Verfügung. Die Gruppenauslosung am 29. November dürfte die Nachfrage noch einmal steigern. Der Tag wird in den neun WM-Austragungsorten mit Spannung erwartet. „Dann können wir endlich konkreter planen“, sagt Nina Domann, Mitarbeiterin im WM-Projekt der Stadt Wolfsburg. Sie ist sicher, die deutschen Frauen im Viertelfinale am 9. Juli in Wolfsburg wiederzusehen, es wäre die vierte und letzte WM-Partie im Stadion, das dann „Arena im Allerpark“ heißen wird.

Diesen Achtungserfolg haben die Wolfsburger dem Weltverband FIFA abgetrotzt: Aufgrund von Werberechten müssen die meisten WM-Arenen umbenannt werden; aus der Volkswagen-Arena sollte ursprünglich ein „FIFA Frauen-WM Stadion“ wie in Leverkusen oder Mönchengladbach werden. Nun hat man ein Alleinstellungsmerkmal: „In allen Broschüren wird künftig für unsere Erlebnislandschaft Allerpark geworben“, sagt Domann. Zweiter Vorteil: Die vorhandene Beschilderung entlang der Anfahrtswege kann genutzt werden.

Nicht nur in der Stadt, auch im Stadion übernimmt die FIFA die Regie. „Exclusive Zone“ heißt der Raum, in dem Werbefreiheit gewährt werden muss, damit die WM-Sponsoren des Weltverbandes werben können. In Wolfsburg hängt dann das Hyundai-Logo, und aus den 8000 Stehplätzen werden dank arretierter Sitzflächen innerhalb eines Tages die bei internationalen Spielen vorgeschriebenen Sitzplätze. Der Umbau soll nach dem letzten Saisonspiel der VfL-Männer Mitte Mai beginnen. Wenn die bloß den Rasen schonen: Ist er in „sehr gutem Zustand“, darf er liegen bleiben – eine pragmatische und vor allem preisgünstige Lösung. „Man hat viel gelernt aus 2006“, sagt Thomas Franke, beim VfL für die Organisation verantwortlich und derzeit Leiter der OK-Außenstelle. Zum Lernprozess gehört auch die Erkenntnis, dass eine Frauen-WM andere wirtschaftliche Dimensionen hat.

Die WM-Städte sind dennoch bereit. Im Wolfsburger Rathaus ist seit September 2009 das Projektbüro mit vier Mitarbeitern eingerichtet, in der Innenstadt sind Fahnen und Plakate mit WM-Logo zu sehen, ein WM-Bus fährt im Linienverkehr. Das Büro koordiniert Kunst- und Kulturprogramme, schickt Werbeteams in andere niedersächsische Städte. Eine Fanmeile wird es ebenfalls geben. Kinder- und familienorientiert gestaltet sich dort das Programm, weil die meisten Fans beim Frauenfußball eben Kinder und Familien sind. Auch Public Viewing fehlt nicht, wenngleich „der Andrang sicher anders wird als bei der Männer-WM“, sagt Domann. Schwer sei einzuschätzen, wie viele Fans aus aller Welt anreisen werden – wo unklar ist, wie viele Fans in Deutschland sich für die Frauen-WM begeistern lassen.

Beim Testspiel am 25. November in Leverkusen gegen Nigeria hat die Nationalelf ihren nächsten Werbeauftritt, im Frühjahr folgen drei, vier Vorbereitungsspiele. Und die Wolfsburger, da ist die frühere Nationalspielerin Britta Carlson sicher, „die werden da sein, wenn es ernst wird.“ Carlson ist Wolfsburgs WM-Botschafterin und als solche zum Optimismus verpflichtet.

Vielleicht braucht es einfach nur mehr Optimisten im Land. Die offizielle Seite der Frauen-Nationalelf auf Facebook heißt „Sommermärchen reloaded“, mehr geht nicht.