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Fußball Schaumparty!
Sport Fußball Schaumparty!
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09:10 18.10.2014
Von Patrick Hoffmann
Ab heute wird auch in der 1. Bundesliga gesprüht... Quelle: dpa
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Hannover

Wozu dient das Freistoßspray? Mit dem weißen Schaum markiert der Schiedsrichter bei Freistößen den Abstand der gegnerischen Spieler zum Ball. 9,15 Meter müssen das sein. Endlose Debatten über zu kurze Abstände sollen damit der Vergangenheit angehören.

Wer hat das Spray erfunden? Als Erfinder gilt der Argentinier Pablo Silva. Die Idee dazu kam ihm – na klar – während eines Fußballspiels. Der Hobbykicker soll sich fürchterlich darüber geärgert haben, dass die gegnerische Mauer bei einem Freistoß viel zu nah am Ball stand. Der Schiedsrichter  guckte offenbar nicht so genau hin, Silvas Schuss wurde vom Gegenspieler abgeblockt – und das Spiel endete 0:1. Frustriert zog sich Silva in die Garage zurück und entwickelte eine erste Form des Freistoßsprays. 2006 traf er auf den Brasilianer Heine Allemagne, der ebenfalls an einem Freistoßspray arbeitete. Gemeinsam entwickelten sie „9.15 Fairplay“. 2010 ließ Silva das Patent eintragen. Bei der WM in Brasilien schaffte das Spray den Durchbruch. Seit dieser Saison wird auch in England, Frankreich, Spanien sowie im Europapokal gesprüht.

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Wie funktioniert das Freistoßspray? Der weiße Schaum löst sich nach dem Auftragen auf dem Rasen innerhalb von 45 bis 120 Sekunden wieder auf. Wie das geht? Im Schaum sind viele kleine Seifenblasen, die mit der Zeit zerplatzen und verschwinden. Der Inhalt einer Dose (147 Milliliter) reicht allerdings nur für sechs Anwendungen. Vor jeder Halbzeit nehmen die Unparteiischen eine neue Dose mit auf das Spielfeld. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hat vorsorglich 5000 Dosen zu je 8 Euro geordert.  

Warum kommt das Freistoßspray erst jetzt in der Bundesliga zum Einsatz? Die deutschen Profiklubs hätten das Spray gern schon zu Saisonbeginn eingeführt. Dagegen rebellierten die Schiedsrichter erfolgreich. Ihnen kam die Einführung „zu kurzfristig“. Dass die richtige Anwendung nicht so einfach ist, zeigte das Beispiel des englischen Schiedsrichters Jonathan Moss. Nach diversen Versuchen presste er den Schaum endlich aus der Dose – und sprühte ihn Arsenals Santi Cazorla ins Gesicht. Und dann war da noch der TÜV Rheinland. Die Prüfer kamen in einem Gutachten zum Ergebnis, dass das Freistoßspray in Deutschland nicht zugelassen werden könne. Die skurrile Begründung: Es wirke hormonell – zu gefährlich! Inzwischen sind die Bedenken aber ausgeräumt.    

Was sagt die Liga zum Freistoßspray? Die Meinungen sind gespalten. Bremens Trainer Robin Dutt sagt: „Ich habe bisher gut darauf verzichten können und hatte nicht den Eindruck, dass die Schiedsrichter mangels Autorität die Mauern nicht richtig stellen konnten.“ Dortmunds Trainer Jürgen Klopp habe als Profi hingegen selbst immer versucht, mit der Mauer ein paar Zentimeter zu schinden. „Ich war nicht wahnsinnig unfair. Aber wenn man als Spieler nicht 20 Zentimeter nach vorn rückte, wenn der Schiedsrichter wegguckt, war das dämlich“, sagt Klopp. Trainerkollege Armin Veh vom VfB Stuttgart geht die Sache mit Humor an: „Ich hoffe, es klappt dann auch im Winter, wenn Schnee liegt.“ In der Tat ist das Problem mit dem Schnee noch nicht gelöst. Der Hersteller arbeitet aktuell an bunten Sprays für den Winter.

Was waren die größten Veränderungen im Fußball? Davon gab es einige! Erst nach der von Brutalität gezeichneten WM 1966 erlaubte die Fifa den Verbänden, auf Verletzungen zu reagieren – vorher waren keine Auswechselungen erlaubt. Kein Witz! Ab 1967 durfte dann ein Spieler ausgetauscht werden, allerdings musste „der Tatbestand einer Verletzung von einem Angehörigen des betroffenen Vereins festgestellt werden“. Heute kaum vorstellbar! Der Gummi-Paragraf öffnete Simulanten Tür und Tor, die Bedingung wurde gestrichen. Ab 1968 waren zwei „Joker“ erlaubt, seit 1995 sind es drei – was bis heute gilt. Auch eine Folge der WM 1966: die Einführung von Gelben und Roten Karten. In der Bundesliga gibt es sie erst seit Januar 1971, erster Rot-Sünder war Friedel Lutz (Eintracht Frankfurt). Um das Spiel attraktiver zu machen, gibt es seit der Saison 1992/1993 die Rückpassregel. Der Torwart darf den von einem Mitspieler getretenen Ball nicht mit der Hand aufnehmen. Seit 1995 gibt es für einen Sieg drei statt zuvor zwei Punkte. In jener Spielzeit trugen die Spieler auch erstmals über die ganze Saison hinweg feste Rückennummern, und Trainer erhielten eine Coaching- Zone.

Welche technischen Hilfsmittel für Schiedsrichter und welche besonderen Regeln gibt es in anderen Sportarten? Ziemlich viele. Andere Sportarten haben sich mit der Einführung technischer Hilfsmittel und Regeländerungen deutlich leichter getan als der Fußball. So gibt es etwa im Basketball, Baseball und Eishockey den Videobeweis. Schiedsrichter können sich eine knifflige Szene also – wie der Zuschauer – in der Wiederholung ansehen. Im Tennis gibt es seit einigen Jahren das sogenannte Hawk Eye, das anzeigt, ob der Ball im Aus war oder nicht. Dieses System kam bei der WM in Brasilien als Torlinientechnologie zum Einsatz. Auch nett: Meckert im Handball der Trainer zu sehr, muss ein Spieler für zwei Minuten vom Feld. Zeitstrafen hat Uefa-Präsident Michel Platini nun auch für den Fußball ins Gespräch gebracht. Aber erst einmal heißt es heute ab 15.30 Uhr: Möge die Schaumparty beginnen!

18.10.2014
15.10.2014