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Fußball Ein Blick in die Ultra-Szene im Fußball
Sport Fußball Ein Blick in die Ultra-Szene im Fußball
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00:15 18.02.2013
Von Thorsten Fuchs
„Man kann nicht die Normen der Zivilgesellschaft eins zu eins auf das Stadion übertragen“, sagt der Hamburger Ultra Philipp Markhardt. Quelle: dpa
Hannover

Es könnte Wut sein. Oder auch Stolz. Manchmal ist beides schwer zu unterscheiden, und vielleicht kommt in diesem Moment, in der 65. Minute des Spiels Hannover 96 gegen Hoffenheim, auch einfach beides zusammen. Jedenfalls schweigt der Vorsänger jetzt. Zum ersten Mal. Den Rücken zum Spielfeld, die Kurve vor sich, das Megafon in der Hand, so hatte er die ganze Zeit die Lieder vorgegeben. Auf geht’s Hannover. Olé, oléoléolé. Solche Sachen.

Jetzt hält er inne. Es steht 1:0, das Spiel läuft recht ereignisarm vor sich hin, aber daran liegt es nicht. Der Vorsänger schaut nach links, nach rechts, dorthin, wo die Fans schon länger still sind. „Sind wir denn die Einzigen?“, ruft er dann, verzerrt schnarrt die Stimme aus dem Megafon. Das ist eine Frage, aber wie er klingt, gibt er die Antwort gleich mit.

Wir sind die Einzigen. Die einzigen Lauten. Die einzigen Kreativen. Die einzigen wahren Fans. So klingt es.

Der Vorsänger sitzt im Block N16/17. Das ist der Block der Ultras. Die Ultras, das sind die Extremsten unter den Fans. Vielleicht 300 junge Männer in diesem Block. Die meisten Anfang 20, kurze Haare, schwarze Jacken, Turnschuhe. Markenklamotten. Dem Äußeren, dem Klischee nach: Eher Erstsemester als Hartz-IV-Empfänger.

Aber die Bilder, die darüber hinaus von ihnen existieren, sind voller Widersprüche. Sie sind engagiert. Kritisch gegenüber den kommerziellen Auswüchsen des Fußballs. Aber sie sind auch die, die bengalische Fackeln in Stadien zünden wollen. Die in Zügen randalieren. Die in vielen Städten in Konflikt mit den Vereinen geraten, vor allem auch in Hannover.  Sie sind der Kern jener Fans, an denen sich die Diskussionen um ein neues Sicherheitskonzept in den deutschen Stadien entzündet und der Streit um Stadionverbote und Ganzkörperkontrollen eskaliert.  Sie selbst sehen sich als Hüter der wahren Stadionkultur. Für andere sind sie deren größte Bedrohung.

Und wer sind sie wirklich?

Nur wenige Ultras reden mit Journalisten

Philipp Markhardt wählt als Treffpunkt „Pandora Bierbar“ in Hamburg-Eimsbüttel. Die Wände sind holzvertäfelt, statt Luft atmet man hier reinsten Zigarettenrauch, in der Ecke werfen Männer Münzen in Spielautomaten. Eine Eckkneipe alten Stils. Ohne Latte macchiato, dafür mit umso mehr Bier. Markhardt ist oft hier, nach Heimspielen. „Immer dann, wenn wir keine Lust haben auf Trubel auf Sankt Pauli, sondern unter uns sein wollen.“ Es ist eher ein Ort für die Niederlagen als für die großen Siege.

Markhardt, 32 Jahre alt, kräftige Statur, kurzes Haar und Dreitagebart, ist seit 21 Jahren Fußballfan. Ein HSV-Ultra, Sprecher des Bündnisses „Pro Fans“, und vor allem: einer der wenigen Ultras, die mit Journalisten reden.

Die Medien und die Fans, das ist ein schwieriges Thema. Alle Anfragen in Hannover waren vergeblich. Die Ultras fühlen sich auch von den Medien ungerecht behandelt. Vorfälle wie in den vergangenen Wochen und Monaten in Achim oder Uelzen, als Fans jedenfalls gemäß der Schilderung der Polizei auf Bahnhöfen und in Zügen randalierten, seien übertrieben und einseitig. Markhardt ist selbst kein Freund dieser Haltung. „Du kannst nicht verlangen, dass beide Seiten dargestellt werden, und dann selbst nicht mit den Medien sprechen.“ Aber Markhardt ist eben auch gelernter Werbekaufmann. Die anderen schweigen lieber. Die Unverstandenen zu sein, mit dieser Rolle fühlen sich Ultras offenbar auch ganz wohl.

Als Philipp Markhardt zum ersten Mal ins Stadion geht, da sind es noch nicht die Ultras, die die Stimmung bestimmen. 1991, HSV gegen Wattenscheid im Volksparkstadion. Der HSV verliert 0:1, aber was der Junge aus Tostedt, einem Städtchen zwischen Hamburg und Bremen, hier erlebt, hinterlässt bei ihm dennoch einen mächtigen Eindruck. Aus Versehen hatte der Vater, ein Ingenieur, Karten für den Hooligan-Block erstanden. Rauch weht durch die Reihen, Böller explodieren zu ihren Füßen. „Es war bunt, laut, chaotisch“, sagt Markhardt. „Von da an wollte ich Teil der Kurve sein.“ Es war ganz offenbar nicht nur der Fußball, dessentwegen Philipp Markhardt Fan wurde.

Aber jedenfalls war er von nun an dabei. Machte sich allein mit dem Zug auf den Weg und fuhr Heimspiel für Heimspiel zum Stadion. Ohne Vater. Lernte Englischvokabeln, um seine Noten so zu verbessern, dass seine Mutter, eine Sozialpädagogin, nichts dagegen hatte. Er nähte sich einen „Gegen Nazis“-Sticker auf die Jacke, auch wenn die Hooligans in der Kurve komisch guckten. Sein erstes Auswärtsspiel war 1996 auf Schalke. Später ist er dann bei jedem Auswärtsspiel dabei, selbst in der Ukraine oder im Kosovo. „Allesfahrer“ nennen sie Fans wie ihn.

„Du kannst deinem Verein nicht einfach kündigen“

Da ist er dann einer jener Anhänger, die einem Verein verbunden sind, wie es für Außenstehende tatsächlich nicht nachzuvollziehen ist. Normalerweise würde man ja sagen: Wenn sich ein Verein so verhält, wie du es niemals haben wolltest, wenn er seine Spiele des Fernsehens wegen auf den Sonntag verlegt, wenn er pro Jahr zwei neue Trikots rausbringt, um noch mehr zu verdienen, wenn er VIP-Loungen baut und die Stehplätze abschafft, wenn er also alles tut, was du immer kritisiert hast – dann könnte man ja irgendwann einfach nicht mehr hingehen. Wer so fragt, zeigt einfach nur, dass er kein Fan ist.

„Du kannst deinem Verein nicht einfach kündigen“, sagt Markhardt. Du bist mit dem Verein verbunden, ob du willst oder nicht. Das macht es ja gerade so schwierig. Sein Leben ist dein Leben. „Und seine Niederlage ist auch meine eigene Niederlage.“

Markhardts Freundin ist auch bei den Ultras. „Ultrine“, so nennt er sie. Sie kommt aus Gelsenkirchen und ist Fan von Schalke 04. Markhardt gefällt das nicht. Aber noch schlimmer wäre es, wenn sie kein Fan wäre.

Die Lieder, die die Ultras in Hannover beim Spiel gegen Hoffenheim singen, sind auch Liebeslieder. Jedenfalls auf eine gewisse Art. „Du bist unser Licht im Dunkeln / Du bist unser Lebenssinn“, so beginnt eines von ihnen. „Ob du gewinnst oder verlierst / Wir werden immer bei dir sein.“ Das ist holprig, hölzern und unfassbar kitschig. Quasi-religiöse Überhöhung trifft auf Schlagerromantik. Aber wenn man diese Texte ernst nimmt, kann man sich vorstellen, dass es im Leben dieser Fans nicht viel Wichtigeres als Fußball gibt. Oder genauer: als ihren Verein.

Tatsächlich singen sie die ganze Zeit. Trotz der Kälte. Trotz des grausam langweiligen Spiels. Das wirkt oft einfallsreich, weil sie viele bekannte Lieder einfach mit neuem Text versehen. „Hey Jude“, „Auld Lang Syne“, die Melodie aus „Bonanza“, alles wird so zum Fangesang. Manchmal wirkt es auch ein etwas unfriedlich: Dann, wenn sie im Takt die Fäuste emporrecken. Es ist auch nicht ganz klar, ob sie eher sich selbst inszenieren oder die Spieler anfeuern wollen. Schließlich sitzen ihr Vorsänger und sein dirigierender Helfer mit dem Rücken zum Spiel, sie bekommen nicht mit, was auf dem Platz passiert. Was ihre Lieder dann gern mal leicht unpassend erscheinen lässt.

Und diese Fans sind: eine Bedrohung?

Martin Kind überlegt drastische Maßnahmen gegen die Ultras

Fest steht jedenfalls, dass es hier, an dieser Stelle, ganz andere Szenen gegeben hat. Dass auch 96-Fans bengalische Fackeln gezündet haben. Für das nächste Heimspiel in der Europa League hat der Verein jedenfalls die Eintrittspreise für den Block N16/17 pauschal um 5 Euro erhöht. Der Präsident des Klubs, Martin Kind, erwägt, den Ultras insgesamt für die nächste Saison keine Eintrittskarten mehr zu verkaufen. „Selbst wenn es dann auch die Falschen treffen kann.“ Wenn die Ultras sich nicht von den Gewaltbereiten abgrenzten, müssten sie dies akzeptieren.

Ist das nun alles ein großes Missverständnis?

Es ist spät geworden in der „Pandora Bierbar“ in Hamburg. „Gedeck bitte“, sagt Markhardt, wenn er noch einen Bier und einen Ouzo möchte. Inzwischen war der Wirt schon ein paar Male an seinem Tisch. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass die Grenzen zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen bei ihm im Lauf des Abends immer ein wenig durchlässiger werden. Wobei er und seine Freunde ja an den Spieltagen auch nicht erst nach Abpfiff in die Kneipe gehen – sondern auch schon vorher.

Und so erzählt er, wie er als Jugendlicher in den neunziger Jahren mit der Küchenwaage seiner Mutter das Rauchpulver fürs Stadion in 200-Gramm-Portionen aufteilte. Bengalische Feuer? „Klar ist man da auch mal in die Westkurve gegangen und hat eine Fackel angerissen.“
Und Gewalt? „Eigentlich lehne ich Gewalt ab. Aber ich habe früher auch schon mal einem eine geklatscht.“ In welchen Situationen? „Wenn er sich ungebührlich verhalten hat.“ Es wird dann nicht ganz klar, was ungebührliches Verhalten genau ist. Vielleicht, wenn sich ein Werder-Bremen-Fan den Weg durch eine Gruppe HSV-Ultras bahnen wollte. „Ungebührlich“, das ist ein weites Feld.

Philipp Markhardt hat Jura studiert. Er hat keinen Abschluss darin, aber natürlich kennt er die Grenzen, die er überschreitet, sehr gut. Menschen, die ihn kennen, nennen ihn „gemäßigt“. In „Pandoras Bierbar“ hängt schräg gegenüber der HSV-Flagge eine Fahne des FC St. Pauli, seiner größten Gegner. Markhardt schaut darüber hinweg, wie er sich überhaupt gelassen gibt. Er sagt: „Gewalt ist für die Ultras nicht das Ziel.“ Aber er sagt auch: „Manchmal kann man einer Konfrontation eben nicht aus dem Weg gehen.“ Das oberste Ziel ist für ihn der Zusammenhalt der Gruppe. Wenn der Zusammenhalt bedroht ist, dann gelten für ihn andere Regeln.

Ultras müssen sich distanzieren „von denen, die Probleme machen“

Als Polizisten bei einem Heimspiel vor Kurzem von Hannover 96 einen Fan festnahmen, der eine Flagge mit der Aufschrift „Alle Polizisten sind Mistkerle“ aufgehängt hatte, sahen sich die Beamten auf einmal von 200 Ultras umringt.

„Man kann nicht die Normen der Zivilgesellschaft eins zu eins auf das Stadion übertragen“, sagt Markhardt. „Das funktioniert nicht.“ Eine klare Abgrenzung von Gewalt klingt anders.

Es sind solche Sätze, die es auch jenen schwer machen, die den Ultras eigentlich wohlgesonnen sind, ja die vielleicht sogar Hoffnungen in sie gesetzt haben. Eine Fanbewegung, die sich gegen den Kommerz im Fußball stellt, die erschien auch Gunter Pilz zunächst positiv. „Ich finde auch heute noch, dass das eine lebendig-kreative Jugendkultur ist“, sagt er. Es folgen danach nur ein paar mehr Bedingungen als früher.

Gunter Pilz ist Sportsoziologe und Professor an der Universität Hannover. Die Ultras beobachtet er schon seit den neunziger Jahren, als sie sich von Italien kommend auch in Deutschland ausbreiteten. Er kennt sich wohl besser als jeder andere aus mit Fangruppen, und deshalb ist er gerade wieder ein äußerst gefragter Mann. Gerade kommt er von einer Tagung in Paris, es ging um Gewalt und Fußball, gleich fährt er ins Rathaus von Hannover, wo es um die Konfrontation von Hannover 96 und den Ultras geht. „Jedes Mal, wenn es knallt, will jemand etwas von mir“, sagt er. Deshalb ist er so viel unterwegs. Dazwischen hat er etwas Zeit.

Wer dem 68-Jährigen mit dem weißen Haar und Vollbart in diesen Tagen zuhört, der erlebt einen gewissermaßen zerrissenen Menschen. Man spürt noch immer seine Sympathie für die Ultras, die „ihren Verein mit Herzblut unterstützen“. Zugleich ist jedoch auch seine Unzufriedenheit nicht zu überhören. Gewaltbereit sei nur ein kleiner Prozentsatz unter den Ultras. Seit Jahren jedoch fordert er, dass sich die Ultras distanzieren „von denen, die Probleme machen“. Seit Jahren erlebt er jedoch auch, dass das nicht eindeutig geschieht. „Hooltras“, so hat er die gewaltbereiten Ultras mal genannt, eine Kombination aus „Hooligan“ und „Ultras“. Es gibt sie immer noch.

"In den Stadien geht es friedlicher zu als in den neunziger Jahren"

Auf der anderen Seite jedoch scheint er mit den Vereinspräsidenten eher noch unzufriedener zu sein. Er könne ja Herrn Kinds Ärger verstehen, der nach den Ausschreitungen bei 96-Heimspielen Zehntausende Euro Strafe zahlen muss. Zugleich jedoch macht er ihn für die Eskalation mit verantwortlich. „Drohgebärden und Kollektivstrafen sind der falsche Weg“, sagt Pilz. Am Ende ist seine Botschaft eine ganz simple: Miteinander reden. Den Ultras Freiräume gestatten. Keine Pyrotechnik, aber Platz für Inszenierungen, Banner, Treffpunkte. Repression ist für ihn der falsche Weg.

Ob er optimistisch ist? Da zögert Pilz. Der Streit sei „im Moment sehr hochgekocht“. Da geht dann auch leicht schon mal unter, dass es in den Stadien heute ungleich friedlicher zugeht als noch in den neunziger Jahren.

Das Spiel von Hannover gegen Hoffenheim ist fast vorüber, da kursiert im Block N16/17 ein Gerücht. Die Polizei marschiere vor dem Stadion auf. Die Fans rollen ihre Banner ein. Schwer zu sagen, in welcher Stimmung sie sind. Draußen, beim Hinausgehen, stehen da nur ein paar wenige Polizisten in kleinen Gruppen. Die Helme haben sie an die Gürtel gehängt. Die Fans gehen an ihnen vorbei, man schaut sich an, das ist alles. Die Konfrontation fällt an diesem Tag einfach aus.

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