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Fußball Die neuen Trends der Bundesliga-Saison 2010/2011
Sport Fußball Die neuen Trends der Bundesliga-Saison 2010/2011
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15:00 17.05.2011
Felix Magath ließ sich beim VfL Wolfsburg als Retter vor dem Abstieg feiern. Quelle: dpa
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Es war die turbulenteste und überraschendste Fußball-Bundesligasaison seit vielen Jahren. Das Spieljahr 2010/2011 wird nicht nur in Hannover in Erinnerung bleiben. Es gab zahlreiche Rekorde, zum Beispiel so viele Zuschauer wie noch nie (42.357 pro Spiel im Durchschnitt), so viele Auswärtssiege wie noch nie (102), so viel Bewegung auf den Trainerbänken wie noch nie. Und es gab spannende Trends, von denen interessant zu beobachten sein wird, welche davon vom 5. August an in der neuen Saison zur Mode werden. Ein Blick auf fünf Trends des Bundesliga-Jahrgangs 2010/2011.

Der Dritt-Trainer

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Im März drehte sich das Trainerkarussell auf einmal so schnell, dass selbst Beobachter, die in der Bundesliga nicht mehr viel erschüttern kann, durcheinanderkamen. Bayern München verkündete das Aus von Louis van Gaal zum Saisonende (so lange schaffte der Niederländer es dann freilich nicht), Armin Veh beim Hamburger SV und Felix Magath bei Schalke 04 wurden sofort entlassen, Magath sprang in Wolfsburg, Ralf Rangnick (vorher in Hoffenheim) „auf Schalke“ wieder ein.

So wechselhaft ging es auf den Trainerbänken jahrelang nicht zu, am Ende waren es 15 Fußballlehrer, die entweder vorzeitig ihren Job verloren oder aber von selbst vor Vertragsende kündigten. Die klugen Köpfe der Liga glauben, dass es in der Zukunft so nicht weitergehen kann. Als „Tollhaus“ bezeichnete Jupp Heynckes zwischenzeitlich die Branche: „Der Fan hat Schwierigkeiten, das zu verstehen.“ Dass Heynckes selbst mitfuhr auf dem Karussell, als er beschloss, Bayer Leverkusen zu verlassen und zu den Bayern zurückzukehren, darf nicht verschwiegen werden, im Vergleich zu vielen anderen Klubs lief diese Personalie aber ohne großes Getöse ab.

Den Anfang machte am 13. Oktober vergangenen Jahres der VfB Stuttgart, als er den Schweizer Christian Gross entließ. Doch Jens Keller, sein Nachfolger, musste ebenfalls gehen, sodass die Schwaben mit Bruno Labbadia einen dritten Trainer holten, um den Klassenerhalt zu schaffen. Wer drei Trainer in einer Saison braucht, der hat vieles falsch gemacht. Doch dem Trend zum Dritt-Trainer folgten andere Klubs. Auch der 1. FC Köln machte mit: Erst erwischte es Zvonimir Soldo, kurz vor Schluss hatte Frank Schaefer die Nase voll, die Saison brachte Volker Finke zu Ende, der eigentlich nur noch Sportdirektor sein wollte. Noch ein Beispiel gefällig? Der VfL Wolfsburg drehte sich wie ein VW-Polo auf einer Eisfläche im Kreis. Trotz einiger Geduld brachen die Klubverantwortlichen in der Rückrunde das Experiment mit dem Engländer Steve McClaren ab, kamen danach auf die verwegene Idee mit Pierre Littbarski, um einen guten Monat später eine letzte, rettende Korrektur vorzunehmen. Und auf wen kamen die Wolfsburger? Auf Felix Magath, den Meistertrainer von 2009.

Alte Liebe

Glücklicherweise hatte Magath noch eine grüne Krawatte im Schrank. So passte wenigstens die Farbpalette, als er nur zwei Tage nach seiner Entlassung bei den „Königsblauen“ vom FC Schalke seine zweite Zeit als Trainer-Manager beim VfL Wolfsburg begann. Magath ist damit ein Vertreter einer derzeit sehr populären Welle in der Bundesliga. Magath wieder in Wolfsburg, Ralf Rangnick zurück bei Schalke 04, Jupp Heynckes zum mittlerweile dritten Mal zum FC Bayern München – immer mehr Trainer legen den Rückwärtsgang ein. Bislang waren vergleichbare Retrowellen vor allem aus der Popmusik bekannt; „Wiedervereinigung in Originalbesetzung“ soll ja meistens verkaufsfördernd an goldenen Zeiten erinnern. Als Wolfsburg die Rückholaktion bestätigte, war die Begeisterung beim Publikum ungefähr so groß wie nach der Rückkehr von Robbie Williams zu Take That: Fünfzehnhundert verzückte VfL-Fans empfingen Magath zur ersten Trainingseinheit. Leider waren die Erwartungen größer als die Erfolge: Für den Klub hieß es Tabellenkeller statt Meisterteller, und auch der Ticketverkauf ließ zu wünschen übrig. Aber die „Wölfe“ spielen ja auch nicht im Wembley-Stadion.

Teamgeist

Um zu verstehen, was in dieser Bundesligasaison passiert ist, muss man eine kleine Zeitreise unternehmen zurück in den Mai 2010 und zum Finale um den englischen FA-Cup. Es war das Spiel, in dem Kevin-Prince Boateng traurige Berühmtheit dadurch erlangte, dass er einen gewissen Michael Ballack brutal umtrat. Boateng zertrampelte an diesem Nachmittag nicht nur Ballacks Traum von der Weltmeisterschaft und vom großen internationalen Titel; wie sich im Rückblick erkennen lässt, veränderte Boateng mit seinem Tritt sogar den deutschen Fußball. Die deutsche Nationalmannschaft musste für die WM in Südafrika eine neue Hierarchie finden; nach dem Ausfall des Leitwolfs war keiner mehr da, hinter dem sich die anderen verstecken konnten, die Verantwortung wurde verteilt auf mehrere Spieler. Schnell hat die Mannschaft erkannt, dass sie nur erfolgreich sein kann, wenn einer für den anderen läuft und niemand laufen lässt.

Nach demselben Prinzip funktionierten in der Bundesliga Mannschaften wie Borussia Dortmund, der FSV Mainz oder Hannover 96. Jedes Team hatte herausragende Einzelkönner – Nuri Sahin in Dortmund, Andre Schürrle in Mainz oder Didier Ya Konan bei den „Roten“ –, aber kein Spieler genoss innerhalb der Mannschaft eine Sonderstellung. Eine so homogene Einheit zu formen, ist eine Kunst, hängt aber vor allem auch vom Geschick des Sportdirektors ab, die richtigen Leute zu finden. Wie sensibel so eine Einheit ist, lässt sich am Beispiel von Werders Marko Arnautovic erkennen, der sich mehr für sich selbst interessiert als für seine Mannschaft und damit das Betriebsklima bei den Bremern empfindlich gestört hat, oder am Beispiel des Hamburger SV, der die vermutlich meisten Egoisten im Kader hatte. Wer sich also gefragt hat, ob die WM auf die Bundesliga abfärbt: Die Antwort liegt in Dortmund, Mainz oder Hannover.

Rotation im Tor

Was haben Dortmunds Mitchell Langerack, Hamburgs Jaroslav Drobny und Nürnbergs Alexander Stephan gemeinsam? Ganz einfach: Sie sind Ersatztorhüter geblieben. Nach dem Ende dieser Saison ist das durchaus bemerkenswert. Früher waren deutsche Tore ja so etwas wie Erbhöfe: Wer einmal Nummer 1 war, der blieb Schlussmann, bis er Schluss machte; und wahrscheinlich hätte mancher Torwart seinen Platz am liebsten seinem Sohn vererbt. Wenn die Kinder nur schneller wachsen würden. So rückte nicht selten die Nummer 2 nach – aber es wäre wohl keinem Trainer eingefallen, einen wie Norbert Nigbur auf die Bank zu setzen, nur weil der irgendwann den 40 Jahren näher war als den 30.

Doch seit Jürgen Klinsmann ist in Deutschlands Toren nichts mehr, wie es mal war: Klinsmann hatte als Bundestrainer als Erster den Mut, zwischen den Pfosten den Konkurrenzkampf auszurufen, und inzwischen wird auch in den Bundesligatoren rotiert wie auf einem Plattenteller.

Ungefähr die halbe Liga hat in dieser Saison den Stammtorhüter getauscht, mancher Verein sogar mehrfach. Beim FC Bayern musste Jörg Butt nach der Winterpause erst für Thomas Kraft auf die Bank und durfte seinen Nachfolger später seinerseits wieder ablösen, zeitgleich ersetzte 96-Trainer Mirko Slomka Florian Fromlowitz durch Ron-Robert Zieler. Auch Eintracht Frankfurt, Borussia Mönchengladbach, der 1. FC Kaiserslautern, der 1. FC Köln, der SC Freiburg und der FC St. Pauli haben die Spielzeit mit einer anderen Nummer 1 beendet als die, die noch zu Saisonbeginn im Tor gestanden hatte.

Auffällig dabei: Krisenklubs (Mönchengladbach, Kaiserslautern, Bayern) entdecken den Torwartwechsel immer öfter als Psychotrick, um die Mannschaft aufzurütteln. Etwas Pech mit der Psychonummer hatte nur Stuttgarts Trainer Bruno Labbadia, der den aussortierten Sven Ulreich umgehend wieder ins Tor stellen musste, weil sich der zur Nummer 1 beförderte Marc Ziegler gleich bei seinem ersten Einsatz verletzte. Glück beim Pech: Ulreich hielt danach überragend und die Schwaben in der 1. Liga.

Chance für die Jugend

Jahrelang setzten viele Klubs ihre Talente auf die Bank mit der Begründung, sie seien noch nicht reif für die Bundesliga. Irgendwann waren die Talente 25 Jahre alt und immer noch kein Stammspieler. Dann fand Bundestrainer Joachim Löw den Mut zum Jugendstil – und viele Klubtrainer folgten ihm, am radikalsten Jürgen Klopp: Borussia Dortmund wurde Meister mit acht Stammspielern, die 23 oder jünger sind.

In Mainz sorgten Schürrle (20 Jahre) und Lewis Holtby (20) für Furore, in Nürnberg Mehmet Ekici (21) und Ilkay Gündogan (20), bei 96 Zieler (22) und Manuel Schmiedebach (22), in Mönchengladbach Marco Reus (21) und Marc-Andre ter Stegen (19). Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Die „Ü 30“-Spieler, die Generation Ballack und Frings, hatten es 2010/2011 schwer wie lange nicht. Doch ganz ohne Routiniers wird es auch in Zukunft nicht gehen, in dieser Hinsicht war Hannover 96 ebenfalls ein Trendsetter. Starker Partner des 22-jährigen Schmiedebach im Mittelfeld war Sergio Pinto, der im Oktober 31 Jahre alt wird.

Stefan Knopf und Heiko Rehberg