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Fußball Die Krise des SV Werder Bremen hat viele Gründe
Sport Fußball Die Krise des SV Werder Bremen hat viele Gründe
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19:35 11.02.2011
Von Heiko Rehberg
Der SV Werder Bremen steckt aus vielen Gründen in der Krise.
Der SV Werder Bremen steckt aus vielen Gründen in der Krise. Quelle: dpa
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Im Fanshop des SV Werder direkt am Weserstadion ist derzeit eine Fleecedecke „für kalte Wintertage“ im Angebot, sie kostet 22,95 Euro und dürfte auch am Sonntag beim Heimspiel gegen Hannover 96 gefragt sein. Es ist in diesen Tagen ungemütlich in Bremen, und das hat nichts mit dem Wetter zu tun. Der SV Werder, jahrelang Stammgast in der Champions League mit einem Offensivstil, der dem Klub viele Sympathien eingebracht hat, steckt im Bundesliga-Abstiegskampf.

Tabellenplatz 13 mit abenteuerlichen 43 Gegentoren (nur Schlusslicht Borussia Mönchengladbach hat mehr kassiert), nur ein Punkt Abstand zu Rang 16, dem Relegationsplatz: Wärmende Fleecedecken können Werder-Fans tatsächlich gut gebrauchen. Notfalls hilft vielleicht auch die DVD „Die besten Werder-Spiele“ für 29,99 Euro, garantiert ohne eine Begegnung der Saison 2010/2011.

Der Vergleich mit Hannover 96 macht deutlich, wie schlecht es um die Bremer steht: Die „Roten“ verbuchten in dieser Saison bisher so viele Punkte wie noch nie, Werder hingegen so wenig wie seit der Spielzeit 1979/1980 nicht mehr. Nimmt man die vergangenen zwölf Spieltage, sind die „Grün-Weißen“ das schlechteste Team der Liga.

Seit Werder in den Trikots mit dem eigenwilligen Zackenmuster spielt, verläuft die Leistungskurve der Mannschaft in ähnlicher Form. Noch am Ende der Hinrunde beruhigten sich Werder-Fans mit der Hoffnung, dass ihre Elf ja nicht dauerhaft so schlecht spielen könne und im neuen Jahr bestimmt eine Aufholjagd Richtung Europacupplätze starten werde; auch Manager Klaus Allofs war davon überzeugt. Doch der SV Werder machte 2011 einfach da weiter, wo er aufgehört hatte: Er spielte miserabel.

Dass Allofs, Klaus-Dieter Fischer und Klaus Filbry, die drei Geschäftsführer der Bremer, im Editorial des Stadionhefts für die 96-Partie darauf hinweisen, „dass wir auch in den nächsten Spielen bedingungslos den Kampf annehmen müssen“, sagt einiges aus über den Ernst der Lage. Und darüber, dass Kampf und Einsatz in Bremen als Selbstverständlichkeiten aus der Mode gekommen sind.

Die Bremer Krise hat in dieser Woche sogar den Bundestrainer beschäftigt, doch richtig weitergeholfen hat Joachim Löw den Hanseaten nicht mit seiner Analyse, denn er verriet lediglich, woran es nicht liegt: an Mesut Özil. „Mit seinem Weggang hat das wahrscheinlich gar nichts zu tun“, sagte Löw. Vielleicht ist es zu einfach, den dramatischen Leistungsabschwung mit dem Verkauf des besten Spielers an Real Madrid zu erklären, womöglich würde die Werder-Flaute auch einem Özil den Schwung nehmen.

Umgekehrt ist es nicht gelungen, Özil auch nur halbwegs zu ersetzen, nicht durch den Brasilianer Wesley (er fehlt gegen 96 verletzt), erst recht nicht durch Aron Hunt und Marko Marin, die mal als Hoffnungsträger für die deutsche Nationalmannschaft galten.

Werder Bremen in der Saison 2010/2011 büßt gleich für eine Reihe von Fehlern. Jahrelang hatte es die Mannschaft irgendwie immer geschafft, die Schwächen in der Defensive zu überspielen mit einer famosen Offensive. Doch der Trick klappt nicht mehr, seit in Werders Sturm- und-Drang-Abteilung lediglich noch auf Claudio Pizarro Verlass ist. Die Bremer treffen vorne nicht, und in der Abwehr herrscht meist das traditionelle Chaos, das sich durch den langfristigen Ausfall von Naldo noch vergrößert hat. Und dass Werder in den nächsten 20 Jahren noch mal einen guten Links- und Rechtsverteidiger entdeckt, darauf schließt keiner mehr Wetten ab.

Ein intaktes Team könnte vieles wettmachen, doch da fängt das nächste Problem an. Interna aus dem Mannschaftskreis gelangen regelmäßig in die Öffentlichkeit, sodass Kapitän Torsten Frings eingestehen musste, dass „wir so einen Spinner in der Mannschaft haben“. Der gockelhafte Stürmer Marko Arnautovic hat bereits so ziemlich jeden in Bremen gegen sich aufgebracht, Marin spielt meistens für sich selbst, und Trainer Thomas Schaaf brummt knorrig vor sich hin. Man könnte diese Liste beliebig fortsetzen.

Geblieben ist nur eines: die Treue zu Schaaf. Und der Glaube, ohne Trainerwechsel das Schlimmste verhindern zu können. Vielleicht sollte Schaaf seine alte Kapuzenjacke aus dem Schrank holen, die der Trainer lange am Spielfeldrand trug und die als „Schaafspelz“ im Fanshop ein Verkaufsschlager war. Wärmt auch. Und erinnert an alte, bessere Zeiten.