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Fußball Der Tag, der den Fußball veränderte
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07:46 19.01.2015
Robert Hoyzer zeigt dem Burghausener Vule Trivunovic (links verdeckt) die Gelb-Rote Karte beim Zweitligaspiel SR Ahlen gegen SV Wacker Burghausen im Oktober 2010. Die Burghausener verloren das Spiel durch einen umstrittenen Handelfmeter.
Robert Hoyzer zeigt dem Burghausener Vule Trivunovic (links verdeckt) die Gelb-Rote Karte beim Zweitligaspiel SR Ahlen gegen SV Wacker Burghausen im Oktober 2010. Die Burghausener verloren das Spiel durch einen umstrittenen Handelfmeter. Quelle: dpa
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Hannover

Irgendwann ging es nicht mehr, irgendwann musste die Wahrheit heraus. Seit ein paar Monaten hatten sie es schon mit sich herumgetragen, dass einer von ihnen Spiele manipuliert, mit Wetten das große Geld macht und sie nun auch noch zu Mittätern machen wollte. Am 19. Januar 2005 informierten vier Schiedsrichter den DFB über die merkwürdige und fatale Veränderung im Leben ihres Kollegen Robert Hoyzer. Der 26-jährige Zwei-Meter-Mann, der eine große Zukunft an der Pfeife vor sich hatte, wurde schlagartig berühmt, und der deutsche Fußball hatte seinen größten Skandal seit 1971, als in der Bundesliga serienweise Spiele im Abstiegskampf verschoben worden waren.

Am 22. Januar 2005 machte der DFB den „Fall Hoyzer“ öffentlich. Konkret wurde zunächst die Manipulation des Pokalspiels des SC Paderborn gegen den HSV vom 21. August 2004 genannt. Hoyzer gab zwei Elfmeter, die keine waren, für Paderborn, dessen Spieler für 10 000 Euro motiviert worden waren, sich im Strafraum fallen zu lassen. Das Geld bekamen sie von einer kroatischen Wett-Mafia, die sich im Nachhinein als effektiver Familienbetrieb herausstellte. Drei Brüder zogen im Westberliner Café King, das über Nacht zur berühmtesten Lokalität des Landes wurde, die Fäden. Spiel- und Geltungssucht veranlassten sie, ein bisschen Fußball-Gott zu spielen. Es war verblüffend leicht. Fußballer gingen in ihrem Lokal ein und aus, zuweilen auch junge Schiedsrichter. Ein Jahr lang versuchte Hoyzer mehr oder weniger erfolgreich, die Ergebnisse im Sinne der Hintermänner, die oft hohe fünfstellige Summen setzten, in ihrem Sinne zu beeinflussen. Für ihn fielen Prämien ab, der Staatsanwaltschaft gestand er die Summe von 67 000 Euro und einen Plasma-Fernseher ein. Die Beute eines Jahres.

„Totgesagte leben länger“

Zwei Tage leugnete er und sagte öffentlich: „Ich werde für mich kämpfen. Totgesagte leben länger.“ Der Lügner Robert Hoyzer gab am 27. Januar 2005 auf und wurde plötzlich, auf Anraten seines Anwalts, zum Kronzeugen. Nun kam die Lawine ins Rollen. Hoyzer („In den Fall sind viele andere Leute verstrickt“) nannte Namen - von Spielern, Funktionären und drei Schiedsrichtern. In den nächsten Wochen gab es Razzien in über 25 Wohnungen, vorwiegend im Osten der Republik. Berlin, Dresden, Cottbus. Mitwisser, Mitläufer oder Mittäter - in den meisten Fällen konnten die Ermittler das nicht genau verifizieren.

Was aber war mit den Tabellen? Von den nachweislich 20 Spielen, die die Café-King-Connection ab 2003 manipulierte oder es wollte, wurden nur zwei wiederholt. Das Zweitligaspiel LR Ahlen gegen Wacker Burghausen (1:0) und das Regionalligaspiel zwischen den Reserven von Hertha BSC und Arminia Bielefeld (2:1). Das Spiel hatte Hoyzers Kollege Dominik Marks geleitet. Der gestand nach seiner Festnahme im März nur die Annahme von Geld, nicht die Manipulation. Wo die anfängt, war eine schwere, oft unlösbare Aufgabe für das DFB-Sportgericht. Oft traf es Unschuldige, zwei Spieler von Dynamo Dresden gaben ein Buch heraus: „Unschuldig! Im Strudel des Wett-Skandals“, Schiedsrichter Jürgen Jansen wurde vom DFB erst gesperrt, dann mit 30 000 Euro entschädigt.

Als klar wurde, dass Partien der laufenden Zweitligasaison betroffen waren, forderten Clubvertreter die Aussetzung des Abstiegs. Der HSV wollte für sein Pokalaus, das schlecht zu revidieren war, entschädigt werden. Es drohte das große Chaos.

Wegen Fluchtgefahr in Haft

Und so bekam Robert Hoyzer, der zwischenzeitlich wegen Fluchtgefahr in Haft war, sein Studium schmiss und seine Freundin verlor, einen eigenen DFB-Bundestag. Seinetwegen kamen sie alle zusammen und beschlossen am 28. April 2005 in Mainz ein generelles Wettverbot für Spieler, Trainer und „bestimmte Funktionsträger“. Die Schiedsrichter-Ansetzungen werden erst zwei Tage vor Anpfiff öffentlich, was die Kontaktierung durch Betrüger erschweren soll.

Der DFB und die DFL arbeiten mit der Firma „Sportradar“ zusammen, die weltweit verdächtige Quotenbewegungen meldet. Und in der Schweiz ist Hoyzer ein offizielles Schimpfwort, das die Rote Karte nach sich zieht. Schlimmer traf Hoyzer, der als Kronzeuge auf Milde gehofft hatte, das Urteil des Berliner Landgerichts: zwei Jahre und fünf Monate Haft wegen „banden- und gewerbsmäßigen Betrugs“. Nur Strippenzieher Ante S. wurde noch länger eingesperrt, der Ex-Dortmunder Steffen Karl erhielt als einziger Spieler eine neunmonatige Bewährungsstrafe.

In der im Mai 2007 angetretenen Haft sortiert Hoyzer Heiratsanträge, schon bald wird er Freigänger und wegen guter Führung am 18. Juli 2008 vorzeitig entlassen. Gut führt er sich heute noch, der DFB hat die lebenslange Sperre 2011 aufgehoben. Er pfeift zwar nicht mehr, aber beim Berliner AK ist er Technischer Direktor, zuständig für Marketing und Kommunikation. Bei einer Media-Agentur hat er einen Job gefunden und verdient sein Geld nun ehrlich.

Davon muss er dem DFB jährlich 8400 Euro als Entschädigung zahlen - noch bis 2026.

Von Udo Muras

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