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Fußball EM Zieler nimmt seine Rolle an
Sport Fußball EM Zieler nimmt seine Rolle an
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17:51 19.06.2012
Von Heiko Rehberg
Foto: Klare Rangfolge: Würde Manuel Neuer ausfallen, wäre Tim Wiese (links) erster Ersatzmann. Erst danach käme Ron-Robert Zieler zum Einsatz.
Klare Rangfolge: Würde Manuel Neuer ausfallen, wäre Tim Wiese (links) erster Ersatzmann. Erst danach käme Ron-Robert Zieler zum Einsatz. Quelle: dpa
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Danzig

Die Terrasse im deutschen Mannschaftshotel „Dwor Oliwski“: Andreas Köpke, der Bundestorwarttrainer, hat sein Mountainbike oben am Eingang abgestellt, kommt einen Weg über einen Bach runter und grüßt die wartenden Journalisten. Torwart Manuel Neuer sitzt in einer kleinen Runde am Tisch und gibt ein Interview, Abwehrspieler Mats Hummels auch.

Eine knappe Stunde am Tag gestattet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft Zutritt zu dem streng abgeschirmten Areal in einem Wald 20 Minuten von Danzigs Zentrum entfernt, die Terrasse wird dann zur Interviewzone umfunktioniert. Ron-Robert Zieler grüßt den Kollegen Neuer, mit dem er vorher gemeinsam trainiert hat, schaut kurz zu Hummels, dann setzt er sich auf seinen Stuhl, lässt sich ein Wasser bringen und fängt an zu erzählen.

Zieler, die Nummer 1 des Bundesligisten Hannover 96, ist bei der Nationalmannschaft die Nummer 3. Köpke hat den Torhütern die Rangfolge erläutert, sie lautet Neuer, Tim Wiese, Zieler. Die Chancen des Hannoveraners, bei der EM zum Einsatz zu kommen, sind gleich null, noch nie hat ein dritter deutscher Torwart ein Turnierspiel bestritten. Doch das ändert nichts daran, was diese EM für ihn bedeutet: „Ich habe mir Anfang des Jahres das Ziel gesetzt, dabei zu sein, das habe ich geschafft“, sagt Zieler, „es ist für mich eine sehr interessante Zeit, ich habe schon viele Eindrücke gewonnen. Und ich bin froh, Teil der Mannschaft zu sein.“

Und damit gar nicht erst ein falscher Eindruck entsteht, erläutert Zieler, wie das denn wäre, wenn Deutschland am 1.Juli Europameister würde: „Dann bin ich auch Europameister. Wir alle hier leben für dieses Ziel.“ Natürlich würde er das Turnier anders erleben, wenn er in jedem Spiel zum Einsatz käme. „Man hat nicht so den Druck wie die erste Elf“, sagt er, „aber dadurch nimmt man vielleicht sogar noch mehr wahr von allem.“

Zieler genießt die Trainingseinheiten mit Köpke, Neuer und Wiese, den Umgang mit den Konkurrenten beschreibt er als „fair und respektvoll“. Ob er sich von ihnen noch etwas abschauen kann? Kleinigkeiten seien das, sagt er, und er habe seinen eigenen Stil: „Aber sie haben mehr Erfahrung und beide schon in der Champions League gespielt.“

Zieler weiß, dass Neuer derzeit unangefochten die Nummer 1 und nur drei Jahre älter ist, es kann also passieren, dass der herausragende Torwart Zieler an dem Ausnahmetorwart Neuer nie vorbeikommt. „Für mich ist das ein kleiner Ansporn, genauso gut zu werden. Ich möchte irgendwann aufschließen“, sagt er. Das ist keine Kampfansage, so etwas ist nicht Zielers Ding. Es ist der Wunsch eines ehrgeizigen jungen Mannes, der noch besser werden will und derzeit nur eines tun kann: „Ich versuche, täglich im Training gute Leistungen zu zeigen. Ich denke, das gelingt mir.“

Am Montag hat ihn 96-Trainer Mirko Slomka im Mannschaftshotel besucht, sie haben einen Kaffee zusammen getrunken und „nett geredet“. Die „Roten“ fangen kommenden Dienstag mit der Saisonvorbereitung an, Zieler hofft, dass er dann noch in Polen ist, zwei Tage später würde das EM-Halbfinale in Warschau anstehen.

Am Nachmittag nach Slomkas Besuch hat Zieler mit seinen Nationalmannschaftskollegen eine Mountainbiketour gemacht. Bei 96 geht es mit den Rädern um den Maschsee, „hier ging es rauf und runter, das war neu für mich, hat aber Spaß gemacht“.

Seit mehr als einem Monat ist Zieler mit der Nationalmannschaft unterwegs, Sardinien, Südfrankreich, jetzt Polen mit bisher drei Abstechern in die Ukraine. „Hier und da gibt es schon mal Langeweile, das ist gar nicht zu vermeiden“, sagt er, „deshalb ist es wichtig, nicht nur auf dem Zimmer zu hängen, sonst fällt einem die Decke auf den Kopf.“

Viele deutsche Spieler schauen abends gemeinsam die anderen EM-Spiele, für Zieler ist das manchmal ein interessantes Wiedersehen mit alten Bekannten. Gerard Pique, Spaniens Abwehrchef, kennt er aus der gemeinsamen Zeit bei Manchester United. Mit Danny Welbeck, Englands Hacken-Torschützen gegen Schweden, hat Zieler bei Manchester drei Jahre in der Jugend und in der Reserve gespielt. „Es ist schön zu sehen, dass sie sich so entwickelt haben“, sagt er.

Auch mit Lukas Podolski, seinem deutschen Mitspieler, verbindet Zieler die Vergangenheit: „Mein Vater war in der Jugend beim 1. FC Köln zwei Jahre ,Poldis‘ Trainer.“ Zieler ist oft mit Podolski zusammen, er hat sich gefreut über dessen Tor gegen Dänemark und natürlich über dessen 100. Länderspiel. Ein bisschen aufholen will Zieler - bisher ein Länderspiel - in dieser Hinsicht aber noch.

18.06.2012
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