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Fußball EM Wo die Fußball-Helden träumen
Sport Fußball EM Wo die Fußball-Helden träumen
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09:58 05.06.2012
Von Heiko Rehberg
Das „Dwor Oliwski“ im Danziger Stadtteil Oliwia. Können sich die deutschen Fußballer hier zum ersten EM-Titel seit 1996 träumen. Quelle: dpa
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Danzig

Die Suite für Kapitän Philipp Lahm? Oder für Bastian Schweinsteiger, damit er mehr Platz hat, die lädierte Wade in Schwung zu halten? Oder lieber für Torwart Manuel Neuer, damit er genug Raum hat für ein paar Flugübungen zwischen Sofa und Bett? Bundestrainer Joachim Löw hat die wichtigste Frage des Boulevards, wer denn im Mannschaftsquartier „Dwor Oliwski“ im Danziger Stadtteil Oliwia die große Suite bekommt, so elegant gelöst, dass unter den deutschen Nationalspielern kein Streit aufkommen kann. Löw hat die Präsidentensuite an Löw vergeben.

Wer wie das „Dwor Oliwski“ das deutsche Team beherbergen darf, hat das große Los gezogen. Das Pressezentrum ist direkt nebenan, die TV-Journalisten postieren sich mit ihren Mikrofonen vor dem Herrenhaus auf dem restaurierten Gutshof aus dem 17. Jahrhundert. Zwei, drei Tage noch, dann kennt jeder Fußballfan in Deutschland die Fassade des Hotels, die alte Wassermühle, das kleine Bächlein – und den Zoo nebenan. Bessere Werbung geht nicht.

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Wenn es gut läuft für die Deutschen, dann wird ein Hotel für immer mit dem Turnier verbunden bleiben. Wie zum Beispiel das „Hotel Belvédère“ in Spiez am Thuner See, wo 1954 die Helden von Bern geschlafen haben. Oder wie 1996 das Hotel Mottram Hall im englischen Prestbury, das für den bislang letzten EM-Titel steht und für einen Skandal: Einige Nationalspieler gingen damals nackt in die öffentliche Hotelsauna – in England, wo man in der Sauna eine Badehose anzieht, war das damals der große EM-Aufreger.

Vorbei sind die Zeiten der Sporthochschulen. 1974 in Malente kletterten die Spieler nachts über die Zäune für einen kurzen Ausflug nach Hamburg. Heute macht es der Deutsche Fußball-Bund (DFB) nicht unter einem Fünf-Sterne-Hotel. Und die Profis büxen nicht mehr aus, sondern treffen sich abends vor der Playstation. Oder in Lounge-Sesseln. Ein kleiner Ausflug in die deutschen Turnierquartiere der vergangenen zehn Jahre:

WM 2010: Das „Hotel Velmore“ in Erasmial sorgt bereits vor der Ankunft des Nationalteams für Schlagzeilen. Ein Journalist entdeckt bei einem Besuch einen toten Frosch im Hotelpool – der Frosch bringt es jenseits von Südafrika sogar zu einer Agenturmeldung. Das trostlose Backsteingebäude 20 Minuten von Pretoria liegt in einer staubigen Einöde, hat aber angeblich fünf Sterne. Der große Vorteil des Velmore: Man kommt ganz schnell weg. Zum Flughafen. Und zum Trainingsplatz.

EM 2008: Deutschland spielt in der Vorrunde dreimal in Österreich, quartiert sich aber in der italienischen Schweiz ein. Das „Giardino“ in Ascona hat fünf Sterne, einen römischen Badetempel, der Lago Maggiore liegt einen Schweinsteiger-Freistoß entfernt. Und der Weg dorthin ist gut abzusperren – ein Kriterium, das auch beim „Dwor Oliwski“ eine wichtige Rolle gespielt hat.

WM 2006: Das Schlosshotel im Grunewald hat Karl Lagerfeld mitgestaltet. Es hat 54 luxuriöse Zimmer, die Spieler haben ihre Ruhe, können aber auch mal schnell abtauchen im pulsierenden Berlin. Über Zäune müssen sie nicht klettern: Mit dem Fahrdienst geht das schneller und einfacher. Nur die Nachbarn in den Villen des Schlosshotels sind weniger begeistert: Sie bekommen extra Vignetten, damit sie vorbei an den Sicherheitsleuten zu ihren Häusern gelangen können.

EM 2004: Das „Ria Park Garden“ an der portugiesischen Algarve ist bis zum Finale gebucht, steht aber schnell leer. Nach der Vorrunde ist Schluss, in Erinnerung bleiben die Bilder vom damaligen DFB-Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder, der am Hotelpool liegt und telefonisch nach einem Nachfolger des zurückgetretenen Teamchefs Rudi Völler fahndet.

WM 2002: Die Deutschen wohnen in Japan in Miyazaki und auf der südkoreanischen Insel Jejudo. In Japan sind die Spieler verärgert: Das benachbarte Journalisten-Hotel hat zwei Sterne mehr. Und die Playstation-Geräte funktionieren anfänglich nicht mit den japanischen Adaptern. Als dann noch Völlers Assistent Michael Skibbe durchblicken lässt, dass er in Japan keinen Urlaub machen würde, vergeht sogar den Asiaten das Lächeln. Deutschland wird später Vizeweltmeister. Deutsche Touristen sind in Miyazaki bis heute nicht gesichtet worden.

Beim „Dwor Oliwski“ hoffen sie, dass das anders läuft. Ein Doppelzimmer mit Frühstück gibt es dort übrigens von 110 Euro an – wenn nicht gerade EM ist. Die Löw-Suite kostet 300 Euro. Aber Hotel-Geschäftsführerin Izabela Wilczynska darf noch nicht mal verraten, dass Löw die Suite bekommen hat. Der DFB hat sie zum Schweigen verdonnert.

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