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Fußball EM Was wird aus Podolski, Müller, Gomez?
Sport Fußball EM Was wird aus Podolski, Müller, Gomez?
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13:30 26.06.2012
Von Heiko Rehberg
Ein Trainer, der weiß, was er tut - Joachim Löw. Vor dem Halbfinale gegen Italien darf wieder über die Startformation der deutschen Elf spekuliert werden. Quelle: dpa
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Die Antwort wäre spannend gewesen, aber natürlich hat auch Mesut Özil das geahnt und ist um die Frage herumgedribbelt wie zuletzt im EM-Viertelfinale gegen Griechenland (4:2) um seine Gegenspieler. Özil hätte Montag verraten sollen, wie viele Richtige er sich denn zutraue beim Ratespiel „Wie sieht die deutsche Elf gegen Italien aus?“ angesichts der Unberechenbarkeit von Joachim Löw. Neun Richtige? Zehn Richtige? Özil legte sich vor dem Halbfinale am kommenden Donnerstag in Warschau nicht fest und sagte: „Der Trainer weiß, was er tut.“

Was er aber tut, der Bundestrainer, das ist das große Thema, seit Löw in der vergangenen Woche gegen die Griechen gleich drei Überraschungspersonalien aus dem Hut gezaubert hat. Ist Donnerstag vielleicht die Überraschung, dass er sich an die von ihm wenig geschätzte Fußballweisheit erinnert, ein siegreiches Team nicht zu verändern? Tauscht er vielleicht einfach komplett zurück, also Miroslav Klose, Marco Reus und André Schürrle wieder raus, Mario Gomez, Thomas Müller und Lukas Podolski wieder rein? Fällt der Umbau Donnerstag weniger radikal aus? Oder hat Löw möglicherweise noch eine ganz andere Idee? Bei seinem Bauchgefühl und seinem Mut ist ihm in diesen Tagen alles zuzutrauen. Okay, fast alles: Auf einen Torwartwechsel Tim Wiese für Manuel Neuer im Halbfinale sollte man dann doch lieber keinen Euro wetten.

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Löw hat mit seinen Umbauarbeiten viel riskiert und im Viertelfinale alles gewonnen, die Konkurrenz staunt über diesen Trainer mit dem glücklichen Händchen. Der spanische Kollege Vicente del Bosque hat Löw schon mal vorsichtshalber für einen Job beim FC Barcelona oder Real Madrid empfohlen. Ein größeres Kompliment wird schwer zu finden sein.

Noch nicht abzusehen sind allerdings die Nachwirkungen und Begleiterscheinungen von Löws Rotation, das ist in der Debatte, ob der Trainer zaubern kann oder andere magische Fähigkeiten besitzt, erst einmal untergegangen. Löw hält sein Team dadurch weiter in Spannung, er hat dem ohnehin starken Konkurrenzkampf vieler sehr gleichwertiger Spieler noch einen zusätzlichen Kick gegeben. „Es herrscht ein großer Konkurrenzkampf, jeder ist sich dessen bewusst“, sagte Kapitän Philipp Lahm.

Große Konkurrenz bedeutet aber auch Unsicherheit, und wenn Löw vier Spieler rausnimmt (mit Jérôme Boateng für Lars Bender gab es gegen die Griechen auch noch einen Defensivwechsel) und durch vier andere ersetzt, dann bedeutet das in der Konsequenz acht Spieler, die nicht genau wissen, woran sie sind vor dem Halbfinale. Löw hat seine Arbeit als Psychologe damit verdoppelt. Der Satz vom „Vertrauen, das mir der Trainer geschenkt hat“ (Reus nach dem Griechenland-Spiel, Gomez nach dem Niederlande-Spiel) kann schnell seine Zauberkraft verlieren. Denn sollte Reus beispielsweise gegen Italien wieder für Müller Platz machen müssen auf der rechten Außenbahn, dann ließe sich das aus seiner Sicht schließlich als Misstrauen auslegen. Auch Gomez könnte das als solches empfinden, wenn er als bester Torschütze gegen Italien erneut zuschauen muss, weil das mit dem Vertrauen jetzt für den Konkurrenten Klose gilt.

Der Bundestrainer hat eine Situation geschaffen, in der der Teamgeist, den alle Spieler als besonders ausgeprägt rühmen, auf eine ernsthafte Probe gestellt wird. Denn am Ende möchte natürlich jeder spielen und nicht nur für seinen wunderbaren Teamgeist gerühmt werden.

Bisher hat das geklappt mit der Balance zwischen den eigenen Ansprüchen jedes einzelnen Nationalspielers und dem Zurückstehen hinter der Mannschaftsorder. „Für mich ist es doch kein Beinbruch, wenn ich mal auf der Bank sitze“, sagte gestern Podolski, „das wirft mich doch nicht aus der Bahn, das bringt mich doch nicht um. Ich mache mir nicht großartig Gedanken, warum ich jetzt einmal nicht gespielt habe.“ Frust, Trotz, Enttäuschung? Damit kann Podolski nichts anfangen. „Man muss genauso positiv weitermachen wie bis dahin. Der Trainer entscheidet, wer spielt. Wut und Frustration? Das wäre der größte Fehler, den man machen kann.“

Aber denken alle so wie der Mann, der gegen Dänemark sein 100. Länderspiel bestritten hat und eine Runde später draußen war? Wann trübt die Unzufriedenheit Einzelner den Blick auf das große Ziel einer Mannschaft? Beispiele, wie schnell ein negatives Klima entstehen kann, gab es selbst in der jüngeren Nationalmannschaftsgeschichte genug.

Podolski jedenfalls glaubt, „dass ich am Donnerstag auf dem Platz stehen werde“. Sicher sei er sich nicht, „aber ich habe einfach das Gefühl, dass es so sein wird“. Noch einer mit diesem ganz besonderen Bauchgefühl in der deutschen Mannschaft.

Heiko Rehberg 25.06.2012
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