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Fußball EM Jogi Löw – der Trainer, dem alle Vertrauen
Sport Fußball EM Jogi Löw – der Trainer, dem alle Vertrauen
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06:15 27.06.2012
Von Heiko Rehberg
Bislang sind bei dieser EM alle Überraschungen von Joachim Löw aufgegangen. Wie macht der Bundestrainer das bloß? Quelle: dpa
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Danzig

Von Joachim Löw war am Wochenende nichts zu hören, auch am Montag wird er Torwarttrainer Andreas Köpke ins Pressezelt 300 Meter vom Nationalmannschaftsquartier entfernt schicken. Halbfinalgegner England oder Italien darf Löws Schweigen als beunruhigende Nachricht ansehen, denn das könnte bedeuten, dass der Bundestrainer bereits mit dem Tüfteln angefangen hat.

Die Tage eins und zwei nach dem 4:2-Viertelfinalsieg bei der Fußball-Europameisterschaft gegen Griechenland hat Löw den Spielern überlassen, am Sonnabend mussten Marco Reus und André Schürrle vor die Kameras, am Sonntag war Kapitän Philipp Lahm dran. Ihre Botschaften waren nicht besonders überraschend, auch wenn Reus’ Satz, dass „der EM-Titel nur über uns geht“, markig daherkommt. Aber natürlich geht er nur über die deutsche Mannschaft, die als einzige der vier Halbfinalisten bei der EM alle Spiele gewonnen hat und mit dem Beginn der K-o.-Runde auf ihren bewährten Vierer-Modus geschaltet zu haben scheint. 4:1 und 4:0 gegen England und Argentinien im Achtel- und Viertelfinale der WM 2010, 4:2 gegen die Griechen im EM-Viertelfinale.

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Lahm sollte am Sonntag erklären, welche Gegner ihm denn am liebsten wären bei den hoffentlich noch zwei verbleibenden EM-Partien. Er hat die Sache einfach umgedreht und gesagt, dass sich „keiner freut, gegen uns zu spielen“.

Joachim Löw hat nach dem Viertelfinalsieg gegen die Griechen eine kleine Zwischenbilanz gezogen, so als wolle er sich selbst noch einmal vergewissern, dass das alles wahr ist, was sich in den vergangenen Jahren ereignet hat. Also hat Löw aufgezählt: 15 Pflichtspiele hintereinander gewonnen - Weltrekord! -, zum vierten Mal hintereinander bei einem großen Turnier im Halbfinale (zuvor WM 2006, EM 2008, WM 2010). „Und wir haben die jüngste Mannschaft mit großen Perspektiven - das hätte nach der EM 2004 niemand gedacht. Kompliment an die Mannschaft.“ So hört sich ein stolzer Trainer an.

Der Konkurrenz sind die Deutschen längst ungeheuer mit ihrem Weltklassetorwart Manuel Neuer, mit ihren Taktgebern Sami Khedira und Mesut Özil und ihrem gewaltigen Drohpotenzial an Klassespielern auf der Bank. Und mit einer Mischung aus Bewunderung und Erstaunen schauen die anderen Nationen und die Öffentlichkeit auf diesen Trainer, der offensichtlich machen kann, was er will, und immer liegt er damit richtig.

Joachim Löw hat mit seinen Personalrochaden vor dem Viertelfinale - Mario Gomez, Thomas Müller, Lukas Podolski raus, Miroslav Klose, Reus und Schürrle rein - nicht nur alle verblüfft, er ist als Trainer auf eine neue Stufe geklettert. Fußball-Deutschland liegt ihm zu Füßen, die Deutsche Presse-Agentur bezeichnete ihn am Wochenende als „Magier“ (ohne Anführungszeichen). Löw ist der Trainer, dem alle, alle vertrauen. Und weil mal wieder alles aufgegangen ist, mittlerweile auch so gut wie alles zutrauen.

Jede Wette: Wer mit dem Flugzeug in Turbulenzen gerät, würde sich einen Piloten wie Löw wünschen. Und bei starkem Wellengang auf hoher See könnte sich vermutlich niemand einen umsichtigeren Steuermann wünschen. Der Löw macht das schon: So lässt sich das neue Fußballgefühl in Deutschland beschreiben, das es in dieser Form noch bei keinem Bundestrainer gegeben hat.

Würde Löw am Donnerstag im Halbfinale in Warschau auf die Idee kommen, im Angriff statt Klose oder Gomez auf Nationalmannschaftsmaskottchen Paule zu setzen, würde sich vermutlich niemand darüber wundern: Wird er sich schon was dabei gedacht haben, der Bundestrainer! Und wahrscheinlich würde dieser hässliche Plüschvogel Paule angeschossen werden und Deutschland ins Finale köpfen. Kann man das wirklich noch ausschließen?

Löw hat bei der Erklärung für seine mutige Personalpolitik keine Zauberanleihen gemacht, sondern eine ganz bodenständige Erklärung gegeben. „Die Zeit war reif, was zu verändern. Manchmal spürt man das. Ich wusste: Heute ist der Tag der Veränderung. Heute müssen wir unberechenbar sein.“ Fußballtaktisch war das tatsächlich kein Zauberwerk, auf die Idee, gegen die kompakten Griechen den wuseligen Reus zu bringen, den beweglichen Klose, den guten Distanzschützen Schürrle, darf ein Trainer schon kommen. Aber den Mut, diese Veränderungen in einem Alles-oder-nichts-Spiel wirklich vorzunehmen, mit der Gefahr, dass man beim Misslingen als Trainer verspielt hat, den muss man erst einmal haben.

Ein österreichischer Kollege wollte von Löw wissen, ob das die mutigste Entscheidung seiner Trainerkarriere gewesen sei. Löw begann seine Antwort wie folgt: „Nein - äh, na klar!“

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