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Fußball EM Ersatzbank statt Einsatzzeit
Sport Fußball EM Ersatzbank statt Einsatzzeit
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22:09 11.06.2012
Von Heiko Rehberg
„Trotzdem entdeckt man sich immer wieder neu“: Abwehrspieler Per Mertesacker hat Zeit, den anderen zuzusehen. Quelle: Reuters
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Danzig

Das Gefühl, die andere Seite bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft kennenzulernen, hätte sich Per Mertesacker gerne erspart. Als ihm Bundestrainer Joachim Löw vor dem Portugal-Spiel mitgeteilt hat, dass nicht er, sondern der Dortmunder Mats Hummels in der Innenverteidigung spielen würde, war er überrascht, daraus machte er am Montag keinen Hehl. „Und ich habe auch gemerkt, dass es Joachim Löw schwergefallen ist“, sagte er, „ich konnte mich in ihn hineinversetzen.“

Die andere Seite. Mertesacker war bei der WM 2006 Stammspieler, bei der EM 2008 und bei der WM 2010 ebenfalls. Ein Abwehrspieler hat immer mal einen schlechteren Tag, das kann passieren, gerade wenn die Kollegen vor ihm es mit der Defensivarbeit nicht so genau nehmen. Auch das kommt vor. Unter dem Strich wird aber niemand widersprechen bei der Feststellung: Mertesacker, geboren in Hannover, aufgewachsen in Pattensen, derzeit wohnhaft in London, hat drei prima Turniere gespielt. Doch plötzlich spielt er gar nicht - und für ihn spielt jemand, der noch nie ein Turnier bestritten hat.

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Es ist eine neue Situation. Mertesacker sagt: „Trotzdem entdeckt man sich immer wieder neu.“ Er sagt gerne das Wörtchen „man“, wenn er eigentlich ich meint. Es nimmt dem Gesagten etwas die Härte, aber Mertesacker müsste das gar nicht tun, denn in einer für ihn ungewohnten und sicher nicht einfachen Lage verhält er sich vorbildlich und fair.

Darauf legt er Wert, nicht nur auf dem Platz. „Vielleicht ertappt man sich auch dabei, dass man vielleicht mal flucht im Training, dass man vielleicht mal ein bisschen angesäuert ist“, sagt Mertesacker, „aber ich glaube, das ist für den Grundtenor sogar ganz gut, wenn man vielleicht noch ein Stück motivierter, noch ein Stück angespannter ist.“ Für sich hat der 27-Jährige beschlossen, das Ersatzbankleben als „Momentaufnahme“ zu betrachten. „Ich versuche, das Beste herauszuziehen. Jede Entscheidung bringt doch immer auch etwas Positives mit sich“, sagt er. Was aber kann das sein?

Der Bundestrainer hat Mertesacker am Montag ausdrücklich gelobt. Seine Rolle in der Mannschaft, sein Gewicht für die jüngeren Spieler, seine Meinung, die Löw wichtig ist. Das alles habe sich nicht geändert, nur weil der frühere 96-Profi derzeit draußen sei.

„Wenn mir jemand vor zwei Monaten gesagt hätte, dass er so weit ist wie jetzt, dann hätte ich das nicht geglaubt“, sagt Löw. Mertesacker hatte sich beim FC Arsenal eine schwere Sprunggelenkverletzung zugezogen. „Wir kennen uns ja schon etwas länger“, sagt Mertesacker über Löw. Beide haben in der Zeit der Verletzung oft miteinander gesprochen, beide wussten, dass es zeitlich eng werden würde mit der Europameisterschaft. Mertesacker hat es trotzdem geschafft bis zum Turnier, das allein ist bereits ein kleiner persönlicher Erfolg, auch wenn er natürlich mehr will, als den Kollegen während des Spiels Wasserflaschen zuzuwerfen.

Dass aber genau das enorm wertvoll ist, dass der Erfolg einer Mannschaft in großem Maße auch von denen abhängt, die nicht spielen, hat Mertesacker in drei Turnieren erfahren. Wenn auch aus einem anderen, angenehmeren Blickwinkel. „Es gibt viele kleine Dinge, die man tun kann, um dieses Gefühl zu vermitteln: Wir haben eine gute Mannschaft, jeder steht hinter dem anderen“, sagt Mertesacker: „In solchen Situationen zeigt sich der wahre Charakter.“

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