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Fußball EM Der DFB sucht den Spion
Sport Fußball EM Der DFB sucht den Spion
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19:44 24.06.2012
Von Heiko Rehberg
„In entscheidenden Spielen ist es wichtig, den Gegner zu überraschen“ Quelle: dpa
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Danzig

Man darf es ruhig so formulieren: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist nicht ganz dicht. Das hat bei den bisherigen vier EM-Spielen zwar mit einer Ausnahme (1:0 gegen Portugal) zu Gegentoren geführt, die aber stets ohne Folgen blieben, weil sich die Mannschaft daran gewöhnt hat, vorne immer mindestens einen Treffer mehr zu erzielen, als hinten reingeht. Gegen das Leck, mit dem sich Joachim Löw nach dem Viertelfinalsieg gegen Griechenland (4:2) beschäftigen muss, ist jedoch selbst der Bundestrainer hilflos.

Mitten in der entscheidenden Phase des Turniers muss Löw einen Maulwurf suchen, sonst kann er im Halbfinale oder im Finale dem gegnerischen Trainer seine Aufstellung vorher gleich per Mail oder SMS schicken. Im Nationalteam ist man zwar bemüht, die Maulwurfaffäre runterzuspielen, tatsächlich ist vor allem der Bundestrainer mächtig verärgert. Mittags vor dem Griechenland-Spiel hatte er seine Spieler wie immer über die Aufstellung informiert, keine zwei Stunden später wusste ganz Deutschland (und auch der griechische Gegner), dass Löw einen großen Coup vorhat und die Elf vom Sieg gegen Dänemark gleich auf vier Positionen verändern wird, drei Neubesetzungen davon spektakulär.

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Die „Sport Bild“, der „kicker“ und „Bild“ vermeldeten mehr als sechs Stunden vor dem Anpfiff in Danzig auf ihren Onlineseiten den Einsatz von Miroslav Klose, Marco Reus und André Schürrle. Im Internet wetteifern Zeitungen oder Sportportale seit geraumer Zeit darum, mit solchen Informationen der Schnellste zu sein, meistens heißt es aber zum Beispiel: „Fliegt Gomez aus der Startelf?“, das Fragezeichen signalisiert dann: So richtig sicher sind wir uns auch nicht, Hauptsache, raus mit der Schlagzeile. Diesmal fehlte das Fragezeichen - und die aufsehenerregende Information stimmte exakt.

„Das ist nicht im meinem Sinne, wenn das passiert“, sagte Löw. Bereits vor dem Portugal-Spiel war frühzeitig bekannt geworden, dass nicht Per Mertesacker und Klose, sondern Mats Hummels und Mario Gomez spielen werden. Löw hat daraufhin die Angelegenheit in der Mannschaft ernsthaft thematisiert. „Der Bundestrainer hat uns klar mitgeteilt, dass es so etwas nicht geben darf“, sagte Stürmer Schürrle, der genau wie Löw ausschließt, dass es sich bei dem Informanten, „dem Maulwurf“ (Stürmer Marco Reus), um einen Spieler handelt. „Diese Rückversicherung habe ich“, sagte der Bundestrainer.

In der Bundesliga ist es durchaus üblich, dass eine Zeitung exklusiv vermeldet, wenn ein Trainer einen seiner Profis am Vortag aus dem Kader geschmissen hat. Selten handelt es sich dabei um das Ergebnis guter Recherche, sondern um eine gezielte Indiskretion, weil sich jemand davon einen Vorteil erhofft. Wird dann im Verein auf die Suche gegangen nach dem Leck, will es natürlich keiner gewesen sein; beweisen lässt sich ohnehin nichts, die Sache verläuft fast immer ergebnislos.

Die mit Aufstellungsdetails versorgten Journalisten dürfen sich ein bisschen auf die Schulter klopfen lassen, die Kollegen der Konkurrenz ärgern sich, das ist es dann aber meist schon. Die Informationen sind für das Bundesligageschäft meist unwichtig. Bei einer EM und bei der Nationalmannschaft bekommt der Verrat von Details schnell eine andere Dimension. „In entscheidenden Spielen ist es wichtig, den Gegner zu überraschen“, sagte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff, „wenn die Aufstellung sechs Stunden vor dem Anpfiff rauskommt, ist das schwer.“ Bierhoff fordert deshalb mit Blick auf das Halbfinale am Donnerstag: „Wir müssen sehen, dass es die Löcher nicht mehr gibt.“ Doch genau das scheint fast unmöglich. „Es ist nicht nachzuvollziehen, wie das passiert“, sagte Löw, „letztendlich wird man das auch nicht herausfinden.“ Der Kreis derjenigen, der bei der Nationalmannschaft die Aufstellung mehrere Stunden vorher kennt, beläuft sich inklusive Spieler auf 30, bestenfalls 40 Leute. Ein kleiner Kreis, aber zu groß, um dem Maulwurf auf die Schliche zu kommen.

Einen Verdacht hat Bundestrainer Löw allerdings: „Die Spieler telefonieren vielleicht mit ihren Beratern, sei es aus Freude, dass sie spielen, sei es aus Enttäuschung“, sagte er. Wie es dann weitergeht, musste er nicht erwähnen: Der Berater greift zum Handy und klingelt bei Zeitungen oder Zeitschriften durch, von denen er glaubt, dass sie für ihn wichtig sind - von „Sport Bild“, „Bild“ und „kicker“ glauben das die Manager der Spieler in der Regel.

An ein Telefonverbot, wahrscheinlich die einzige Chance, den Informationsfluss zu unterbinden, ist laut Bierhoff im deutschen Team dennoch nicht gedacht. Bierhoff müsste dann alle Erst-, Zweit- und Dritthandys vor der Mannschaftssitzung einsammeln lassen. Er und Löw haben es vorerst bei einer letzten eindringlichen Warnung belassen - an alle.

Heiko Rehberg 27.06.2012
24.06.2012