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07:01 21.10.2019
Wohnen wie im normalen Leben: Die zwei Gebäude des Seehaus e.V. (Leipzig) in Neukieritzsch bei Leipzig. Quelle: Peter Endig/zb/dpa
Neukieritzsch

Keine Mauern, keine Gitter, keine Justizvollzugsbeamten, dafür Strand und türkis schimmerndes Wasser: Im Landkreis Leipzig, gut 25 Kilometer südlich der Messestadt, liegt ein Seehaus. Eigentlich sind es zwei Häuser, Neubauten, direkt am Ufer des Hainer Sees. Nichts, nicht einmal eine verschlossene Tür deutet darauf hin, dass hier junge Strafgefangene ihre Haft absitzen.

"Ich war Teil der rechten Hooliganszene", erzählt Ralf. Das hat ihn ins Gefängnis gebracht. Verurteilt wurde der mittlerweile 23-Jährige unter anderem wegen Freiheitsberaubung und Körperverletzung. Gefängnis, das bedeutet für sächsische Jugendliche normalerweise Vollzug in Regis-Breitingen. Nicht für Ralf. "In Regis hab ich schon am ersten Tag gedacht, ich pack' das nicht, ich muss hier raus." Dann erfuhr er vom Seehaus.

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Leben wie in einer WG

Der Strafvollzug in freien Formen ist eine Besonderheit im sächsischen Justizvollzugsgesetz. Deutschlandweit gibt es nur drei Projekte wie das Seehaus, das in Sachsen 2011 mit der ersten WG begann. Dort leben männliche Häftlinge gemeinsam mit Familien, folgen einem strengen Tagesplan mit ständiger Betreuung. Unter der Woche beginnt der Tag um halb sechs, Frühsport, Frühstück, aufräumen und putzen, das alles muss vor dem Schul- oder Arbeitsbeginn erledigt sein. "Am meisten freue ich mich jeden Tag auf das Bett", lacht Ralf.

"Es gibt Jungs, die schaffen das nicht", sagt Franz Steinert. Er ist einer der Hausväter in Neukieritzsch, lebt dort gemeinsam mit drei Kindern und seiner Frau. Laut Justizministerium liegt die Abbrecherquote im Seehaus bei etwa einem Drittel. Die Daten hat der Kriminologische Dienst des Landes zwischen 2011 und 2016 erhoben, um das Projekt auszuwerten. Gut die Hälfte sei auf eigenen Wunsch in den regulären Vollzug rückverlegt worden, die andere wegen Auffälligkeiten. Denn wer gegen die Regeln verstößt, beispielsweise gewalttätig wird oder das Gelände ohne Erlaubnis verlässt, hat seine Chance vertan.

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Wenn Franz Steinert von Jungs spricht, meint er die Strafgefangenen. Dem Sprachgebrauch nach gibt es in der Einrichtung keine Häftlinge, keine Kriminellen, keine Schläger, Einbrecher, Gewalttäter. Sie sind einfach Jungs. Diese Handhabe steht symbolisch für die Philosophie des Seehauses. Jedem wird Respekt entgegengebracht – egal, was er vorher getan hat oder wo er herkommt.

Leistung bedeutet mehr Freiheiten

"Das System ist auf Integration angelegt", sagt Einrichtungsleiter Steffen Hofman. "Die Teilnehmer sollen soziale Verantwortung lernen und dass ihre Taten Konsequenzen haben." Dafür gibt es ein Stufen- und Bewertungssystem. Beurteilt werden Bereiche wie Pünktlichkeit, Sozialverhalten oder Ordnung. Leistung soll belohnt werden – und wer mehr Leistung bringt, bekommt auch mehr Freiheiten. Ralf ist schon einige Stufen nach oben gestiegen, hat sich so Privilegien erarbeitet. Am Anfang durfte er gerade mal alleine zur Toilette gehen, erinnert sich der 23-Jährige. Mittlerweile dürfe er sogar manchmal seine Tochter und seine Freundin besuchen.

Am besten gefalle ihm die Zeit mit den Kindern der Familien, sagt Ralf, das gemeinsame Spielen, das Vorlesen. Von dieser Nähe profitieren die Absolventen des Programms. Damit verbunden ist laut Justizministerium die soziale und emotionale Bindung an den Betreuer und die Familie. Auch den "optimalen Betreuungsschlüssel" wertet das Ministerium als Vorteil vom Seehaus. Das zahle sich für die Teilnehmer "vermutlich besonders hinsichtlich der Eingliederung nach der Haft aus", teilte ein Ministeriumssprecher mit. Zudem sei das Ausbildungsniveau höher als bei anderen Jugendstrafgefangenen.

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Wenn es nach den Betreuern im Seehaus ginge, würden sie noch mehr Menschen unterbringen. Platz ist momentan für sieben Häftlinge pro WG. Wer einzieht, entscheidet der Amtsleiter in Regis-Breitingen. Gewisse Kriterien müssen erfüllt sein, unter anderem erfolgreiche Ausgänge während der regulären Haft. Sexualstraftäter seien generell ausgeschlossen.

Hauptschulabschluss innerhalb von sechs Monaten nachgeholt

Ralf bereut seine Entscheidung nicht. Er wolle zeigen, dass man etwas ändern kann, wenn man an sich arbeitet. Seinen Hauptschulabschluss hat er im Haus innerhalb von sechs Monaten nachgeholt. Wenn er entlassen wird, möchte er einen Bundesfreiwilligendienst absolvieren. Zu Beginn sei es zwar hart gewesen. "Aber schon der erste Tag im Seehaus war für mich, als würde ich endlich wieder am Leben teilnehmen."

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RND/dpa/Josephine Heinze

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