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Wissen Präsenz statt PC: Wie erleben es Studierende, wieder in der Uni zu sein?
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10:37 15.10.2021
Die Studierenden tragen eine Mund-Nase-Bedeckung, während sie dicht neben­einander bei einer Vorlesung in der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) sitzen. An den Universitäten haben das erste Mal seit Beginn der Corona-Pandemie die Vorlesungen in Präsenz begonnen.
Die Studierenden tragen eine Mund-Nase-Bedeckung, während sie dicht neben­einander bei einer Vorlesung in der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) sitzen. An den Universitäten haben das erste Mal seit Beginn der Corona-Pandemie die Vorlesungen in Präsenz begonnen. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa
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Es geht wieder los für Studierende – diesmal aber nicht vor Zoom und Co., sondern im Hörsaal selbst. Nach drei Corona-Semestern vor dem Bildschirm in den eigenen vier Wänden, dürfen Studen­tinnen und Studenten ab sofort wieder in die Unis. Wie fühlt es sich für sie an, nach all der Zeit wieder ein Stück Normalität zurück­zu­bekommen? Überwiegt die Freude, die Mitstudierenden wiederzusehen? Oder verbirgt sich dahinter auch Angst, nach drei Semestern der Isolation wieder in überfüllte Hörsäle zu gehen?

„Ich denke, das ist ein gemischtes Ding. Für ganz viele Leute es ist natürlich erst mal total schön, in die Uni zu kommen. Andererseits gibt es natürlich auch ein paar, die zum Beispiel sehr weite Reisewege haben“, sagt Sally Bohm vom Allgemeinen Studie­renden­aus­schuss (Asta) der Universität Hamburg. Dort startete am Montag das Semester – wie in vielen anderen Städten auch. Ähnlich hat es Ronald Hoffmann, Leiter der Zen­tra­len Stu­di­en­­be­ra­tung und Psy­cho­­lo­gi­schen Be­ra­tung (ZSPB) der Universität Hamburg, wahr­genommen. „Wir haben insgesamt zu dem Start in Präsenz relativ wenige Anfragen bekommen“, sagt er. „Der Eindruck ist: Für die aller­meisten ist es offensichtlich mit wenigen Problemen und wenigen Sorgen behaftet.“

Drei Semester studiert und nie die Uni von innen gesehen

Hauptsächlich kämen Studierende mit Fragen, „die nahtlos an die Zeit vor Corona anschließen“, berichtet Hoffmann. Dabei nehme er eher eine gewisse Freude und Aufgeregt­heit bei den Studentinnen und Studenten wahr. Einige von ihnen sind möglicher­weise – trotz mehreren Semestern Studium – das erste Mal in der Uni und müssen sich dort erst einmal zurechtfinden. „Das ist einfach sehr verwirrend, man muss sich in ganze Prozesse und Abläufe neu einfügen, die man normaler­weise am Anfang des Studiums lernt“, sagt Sally Bohm.

„Teilweise kennt man die Leute auch gar nicht, obwohl man sich schon einige Male über Zoom gesehen hat“, sagt sie. Auch bei ihr war das der Fall. Sie rät anderen Studierenden, sich bei der Einge­wöhnung Zeit zu lassen. „Es ist für sie einfach eine komplett neue Situation. Auch wenn sie schon studiert haben – an der Uni ist das noch mal was ganz anderes.“

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Durch bereits geöffnete Restaurants, Kinos oder auch Clubs dürfte die Präsenzsituation für viele nicht mehr allzu ungewohnt sein. „Für die Studierenden ist das eine Situation, die offensichtlich auch schon durch Freizeit­verhalten geübt ist – also sich in Gruppen auch in Räumen aufzuhalten“, vermutet Psychologe Ronald Hoffmann.

3G-Regeln an den Unis – Wie kommt das an?

Ähnlich wie in Restaurants und Co. gelten für die Studierenden beim Einlass ebenfalls strikte Regeln. Nur wer getestet, genesen oder geimpft ist, darf rein. Wie die Kontrollen durchgeführt werden, ist von Uni zu Uni unterschiedlich – von farblichen Bändchen und Stickern bis hin zu QR-Codes. An der Universität Hamburg wird das durch den digitalen Campus-Pass per QR-Code abgewickelt. Der wird stich­proben­artig kontrolliert, sagt Ronald Hoffmann. Vereinzelt seien Studierende besorgt, ob man nicht besser alle Personen direkt vor den Seminar­räumen kontrollieren lassen könnte. „Dahinter steckt unter Umständen die Befürchtung, ob sich nicht jemand reinge­schmuggelt hat, der eins dieser drei Gs gar nicht erfüllt“, sagt er.

Ein Mann zeigt seinen Campus-Pass der Universität Hamburg auf seinem Smartphone. In dem digitalen Pass wird der 3G-Nachweis des Studierenden gespeichert. Quelle: Daniel Reinhardt/dpa

Auch wenn die Kontrollen nicht immer reibungslos funktionieren, wie Sally Bohm berichtet, spricht sich der Asta dennoch dafür aus. „Wir waren die ganze Zeit für Präsenz, aber unter der Gewähr­leistung, dass es sicher für die Studierenden ist. Indem man den Impfstatus et cetera überprüft, können wir zumindest gewähr­leisten, dass es relativ sicher für alle Beteiligten vonstattengeht.“

Psychische Belastung durch Online­vorlesungen war enorm

Die Freude, wieder vor Ort statt vor dem Bildschirm zu sein, überwiegt also. Denn die digitale Situation hat viele Studierende vor allem psychisch auf die Probe gestellt. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännischen Krankenkasse berichteten fast 40 Prozent der Studierenden sowie Auszu­bildenden von depressiven Symptomen während der Corona-Krise. Sie seien zudem schneller gereizt als sonst und häufiger demotiviert.

Das habe sich auch bei Ronald Hoffmann in der Beratung bemerk­bar gemacht. „Wir haben vorher natürlich viele Nachrichten bekommen, wo sehr deutlich war: Die Studierenden wünschen sich wieder Präsenz.“ Seit vielen Jahren gebe es, durch ein Kontakt­formular an der Universität Hamburg, die Möglichkeit, sich an die Beratung zu wenden. „Das ist in der Corona-Zeit explodiert“, sagt Hoffmann. „Das ging ganz ausdrücklich auch von Studien­anfängern aus, die im ersten bis dritten Semester sind und – glaube ich – sehr verloren sind.“

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Die Symptomlage, die sich in den Anfragen zeigte, sei schwer­wiegender gewesen. Vermehrt zeigten Studierende Symptome von depressiven Verstimmungen oder Depressionen. Die Probleme durch das digitale Studieren hat auch Asta-Mitglied Sally Bohm zu spüren bekommen: „Das ist natürlich eine ganz andere Belastung, wenn man die ganze Zeit zu Hause ist. Man kann kaum noch eine Work-Life-Balance einrichten, weil man sich die ganze Zeit im gleichen Raum aufhält und ganz schwer Grenzen ziehen kann.“

Endlich wieder Kontakt zu Mitstudie­renden

Vor allem der fehlende soziale Kontakt sei ein Problem gewesen, wie Umfragen zeigten. Eine Online­befragung der Universität Hildesheim, unter dem Titel „Stu.di Co II – Die Corona-Pandemie aus der Perspektive von Studierenden“, hat sich ebenfalls damit beschäftigt. Dabei gaben über 91 Prozent der Befragten an, dass ihnen die Gespräche mit den Kommili­toninnen und Kommilitonen „etwas oder sehr fehlen“.

„Wir haben sehr intensiv festgestellt, dass ein wesentlicher Teil des Studiums, nämlich dieser soziale Aspekt, in der digitalen Variante nicht gut funktioniert hat“, sagt Ronald Hoffmann. Während die digitale Lehre laut Studierenden teilweise auch ihre Vorteile hatte, fehlte sehr oft der Kontakt unter den Studierenden. Vermutlich der Hauptgrund dafür, weshalb die Freude über den Präsenz­semester­start bei den meisten Studierenden die anderen Corona-Sorgen überwiegt.

RND

Von Melina Runde/RND

Der Artikel "Präsenz statt PC: Wie erleben es Studierende, wieder in der Uni zu sein?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.