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Wissen Plötzlich griff er an: Erstmals Riesenkalmar in den USA gefilmt
Mehr Welt Wissen Plötzlich griff er an: Erstmals Riesenkalmar in den USA gefilmt
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14:19 24.06.2019
Wie aus dem Nichts taucht der Riesen-Kalmar aus dem Dunkeln auf und attackiert die Kamerasonde. Quelle: NOAA/Edie Widder/Nathan Robinson
New Orleans

Aus den pechschwarzen Fluten des Golfs von Mexiko, in einer Tiefe von 759 Metern, taucht plötzlich ein dünner, wogender Arm aus dem Dunkeln auf. Plötzlich scheint er sich aufzuspalten, und was wie ein einzelnes, seltsames Körperglied schien, ist in Wahrheit ein sich windendes Bouquet aus Tentakeln – ein gigantischer Kalmar taucht aus der Finsternis auf und geht zum Angriff über. Doch dann verschwindet das Riesentier ebenso unvermittelt in den Tiefen wie es erschien.

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So dramatisch schildert eine Gruppe von Wissenschaftlern der US-amerikanischen „National Oceanic and Atmospheric Administration“ (NOAA) die Begegnung mit dem Tiefseeriesen der „Washington Post“. Zum allerersten Mal war es dem Forscher-Team gelungen, einen Riesen-Kalmar in amerikanischen Gewässern zu filmen. Ursprünglich waren sie an die Stelle im Golf von Mexiko, etwa 160 Kilometer von New Orleans entfernt, gefahren, um den Einfluss von Lichtabnahme auf Tiefseelebewesen zu ergründen, die in der sogenannten Mitternachtszone rund 1000 Meter unter dem Meeresspiegel leben.

Blitzeinschlag und Wasserhose

Um die historischen Aufnahmen überhaupt möglich zu machen, nutzte die 23-köpfige Crew auf dem Forschungsschiff „ R/VPoint Sur“ eine spezielle Sonde. Was neben dem Hightech-Gerät noch fehlte, war eine gehörige Portion Glück. Einmal, um das extrem scheue Tier überhaupt vor die Kamera zu kriegen und es dann noch in etlichen Stunden Videomaterials zu entdecken. Im Anschluss galt es für das heruntergeladene Video noch einen Blitzeinschlag in das metallene Forschungsschiff zu überstehen, der sämtliche Computertechnik an Bord gefährdete. Und schließlich, als sei das alles noch nicht genug gewesen, türmte sich backbords plötzlich auch noch eine gewaltige Wasserhose auf.

Die Expeditionsteilnehmer Nathan Robinson, Sönke Johnsen, Tracey Sutton (Kapitän der „R/V Point Sur“), Nick Allen, Edith Widder und Megan McCall (von links) beim Betrachten des Videos. Quelle: NOAA/Danté Fenolio

Edith Widder, eine der Expeditionsleiterinnen, beschrieb die durchaus dramatischen Vorgänge gegenüber der „Washington Post“ lapidar als „einen der aufregenderen Tage, die ich auf See erlebt habe“. Die Wissenschaftler hatten ein von Widder entwickeltes spezielles Kamerasystem namens Medusa benutzt, das ein für Tiefseetiere unsichtbares Rotlicht verwendet und so Wissenschaftlern ermöglicht, neue Arten zu entdecken oder besonders scheue Tiere zu beobachten. Die Sonde wurde mit einer falschen Qualle ausgestattet, die den biolumineszenten Abwehrmechanismus der wirbellosen Tiere imitierte. Dieses Leuchten ist gleichzeitig für größere Raubtiere ein Signal, dass Nahrung in der Nähe ist. So sollten die Kalmare und andere Tiere vor die Kamera gelockt werden.

„Ihm fielen fast die Augen aus dem Kopf“

Nur wenige Tage vor Ende der zweiwöchigen Expedition biss der Riesenkalmar an. Es war Mittwoch der 19. Juni, ein Sturm tobte über dem Golf von Mexiko. Edith Widder war in der Offiziersmesse und wartete darauf, Videos von Medusa weiterzuverarbeiten, als ihr Kollege Nathan J. Robinson, Direktor des „Cape Eleuthera Institute“ auf den Bahamas, in die Messe stürzte. „Ihm fielen fast die Augen aus dem Kopf“, erzählt Widder der „Washington Post“. „Er sagte nichts, aber ich wusste sofort, dass er etwas Faszinierendes auf dem Video gesehen haben musste. Wir fingen alle an zu johlen, Leute rannten aufgeregt ins Labor – und wir versuchten verzweifelt uns zusammenzunehmen. In der Wissenschaft muss man sehr aufpassen, sich nicht zum Deppen zu machen.“

Allerdings war es schwierig genug, nicht begeistert zu sein angesichts dessen, was sie auf dem Video sahen. Es sah wirklich aus wie ein Riesen-Kalmar, aber wegen des Sturms war es schwierig einen Experten an Land zu erreichen, der das Tier ordnungsgemäß hätte identifizieren können. Dann, als ob nicht alles schon dramatisch genug gewesen wäre, schlug auch noch der Blitz in das Schiff ein.

Widder hörte einen lauten Knall, rannte an Deck und sah eine Wolke aus gelbem und braunem Rauch. Drumherum lagen Trümmer. Der erste ängstliche Gedanke von ihr und ihren Kollegen galt den Computern mit den wertvollen Aufnahmen. „Wir rannten in das Labor um zu gucken, ob das faszinierendste Video, das wir jemals gesehen hatten, noch in Ordnung war. Und das war es.“

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Das Tier war bis zu 3,7 Meter lang

Einige Stunden später wurden sie vom Kapitän informiert, dass sich ganz in der Nähe des Schiffes eine Wasserhose bilde – ein Phänomen, das einem Tornado ähnelt. Doch die Geschichte ging gut aus. Michael Vecchione, Zoologe am „National Systematics Laboratory“ von NOAA, konnte schließlich aus der Ferne bestätigen, dass auf den Videoaufnahmen tatsächlich der äußerst rare Riesen-Kalmar zu sehen sei. Die Wissenschaftler schätzten die Länge des Tieres auf 3 bis 3,7 Meter.

Auch ohne Blitzeinschläge und Tornados auf offener See ist es schon extrem schwierig, einen Riesen-Kalmar in seiner natürlichen Umgebung zu filmen. So schwierig, dass es bis 2012 niemandem gelungen war. Auch diese erste Aufnahme von Riesen-Kalmaren in der Tiefsee waren Edith Widder samt Team mithilfe von Medusa vor der Küste Japans gelungen. 2004 waren japanischen Forschern die ersten Bilder eines Tiefseegiganten geglückt – sogar eine Lebendprobe eines Tentakels konnten sie nehmen. Doch bis dahin stammten die meisten Erkenntnisse über den Riesen-Kalmar von Kadavern, die an die Küste gespült worden waren oder in den Mägen von Pottwalen gefunden wurden.

Blitzeinschlag und Wasserhose überstanden: „Die R/V Point Sur“ auf dem Heimweg von der Expedition. Quelle: NOAA/Danté Fenolio

Die größten Augen der gesamten Tierwelt

Ihre gigantische Größe, die außerirdisch anmutenden Körpermerkmale und ihre extreme Seltenheit haben dem Riesenkalmar einen geradezu legendären Ruf beschert. „Er hat acht sich windende Arme und zwei gewaltige Tentakeln“, sagt Widder. „Er hat zudem die größten Augen, die uns in der Tierwelt bekannt sind, außerdem ein Maul, das seine Opfer in Fetzen reißen kann. Dazu kommen eine Art Düsensystem, mit dem das Tier sich vorwärts wie rückwärts bewegen kann sowie blaues Blut und drei Herzen. Es ist eine absolut faszinierende Lebensform, von der wir fast gar nichts wissen.“

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Seit Jahrhunderten tauchen die Tiere als grausame Tiefseeungeheuer in Seefahrergeschichten auf, die von Generation zu Generation weitergegeben werde. Allerdings haben die Riesen-Kalmare Ihre Reputation als Monster auch aus literarischen Vorlagen wie Jules Vernes „20 000 Meilen unter dem Meer“ und Herman Melvilles „Moby Dick“. „Doch was einst als furchteinflößendes Monster galt, ist heute eine sonder- und wunderbare Kreatur, die uns viel Freude bereitet“, schrieben Sönke Johnsen, Professor an der Duke University, und Edith Widder im Expeditionsblog von NOAA. „Wir hoffen, dass Wissenschaft und Forschung diesen Perspektivwechsel bewirkt haben und weiterhin dafür sorgen werden, dass die Welt mit jeder neuen Entdeckung weniger furchteinflößend und immer wunderbarer wird.“

Von Daniel Killy/RND

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