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Wissen Modisch unter Druck: Warum Gesundes auch gut aussehen kann
Mehr Welt Wissen Modisch unter Druck: Warum Gesundes auch gut aussehen kann
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15:00 10.03.2019
Stützstrümpfe, orthopädische Schuhe und Kompressen gibt es neuerdings auch in Schön. Für alle Betroffenen ist das auch eine Art der Rettung. Quelle: Medi
Hannover

Es gibt die Muster Star und Ribs, das Flower- oder auch das Animal-Ornament. Die Farben reichen von Sand und Cashmere über Kirschrot und Magenta bis zum klassischen Schwarz. Und über einen Strumpf mit Blumenmuster schwärmt Modebloggerin Caroline Sprott: „Diese wunderschöne Blumenranke gibt eurem Outfit den letzten Schliff und wächst ganz elegant an eurem Bein hoch.“

Caroline Sprott ist nicht nur Bloggerin, sondern auch Ödempatientin. Seit einigen Jahren leidet sie an einem Lipödem. Das ist – vereinfacht gesagt – eine Fettverteilungsstörung, die dazu führt, dass sich in Beinen und Hüften Fettzellen und oft noch Wasser ansammeln. Dadurch schwellen die Beine an.

Mit Schwellungen in Beinen oder Armen haben auch Lymphödempatienten zu kämpfen, also Menschen, deren Lymphsystem nach einer Operation oder vor allem Krebserkrankung gestört ist.

In allen Farben und mit dekorativen Mustern: Kompressionsstrümpfe sehen heute alles andere als trostlos und nach Krankheit aus. Quelle: Medi

Einerseits kann man sich im ersten Moment wenig Unschickeres vorstellen als Strümpfe, die Anschwellungen verhindern sollen. Hat nicht die Oma früher fleischfarbene Dinger getragen, weil sie „Wasser in den Beinen hatte“? Andererseits jedoch ist die Nachfrage nach solchen Produkten immens. Die Zahl der Erkrankten wird auf mehrere Millionen geschätzt. Und die Patienten, hauptsächlich Frauen, haben die Nase voll davon, dass alles Gesundheitsdienliche vor allem eins ist: unattraktiv.

Diese Haltung kommt nach und nach bei Herstellern von sogenannten medizinischen Hilfsmitteln und Schuhen an, und sie modernisieren und erweitern ihre Produktpalette. Führend ist das Bayreuther Unternehmen Medi, das seit Langem Hilfsmittel, darunter auch verschiedenste Kompressionsstrümpfe, herstellt. Solche Strümpfe üben Druck aus und helfen, das geschädigte Venen- oder Lymphsystem zu entlasten.

Erst nahmen die Oberfranken auch farbige Strümpfe ins Programm, dann gingen sie eine öffentlichkeitswirksame Kooperation mit Wolfgang Joop ein, der einen Strumpf entwarf. Modedesignerin Anne Gorke stattete 2016 für eine Show auf der Berliner Fashion Week ihre Models mit Produkten von Medi aus. Und seit vergangenem Jahr ist Barbara Schöneberger Markenbotschafterin des Unternehmens.

Der Markt ist in Bewegung

Markt und Marketing sind deutlich in Bewegung geraten. „Vor allem Frauen stellen ästhetische Ansprüche an ihr Hilfsmittel“, sagt Unternehmenssprecherin Nadine Kiewitt. „Sie wünschen sich, dass ihr Kompressionsstrumpf nicht nach Krankheit aussieht und möglichst dünn ist.“

Das Bedürfnis nach einem möglichst modischen Outfit kennt auch Melanie Schmaderer, Sprecherin des Schuhherstellers Florett. Der Betrieb aus dem ostbayerischen Cham bietet „Lösungen für Füße mit gewissen Ansprüchen“. Das meint Füße mit sehr starken Deformationen, aber auch solche mit schief stehenden Großzehen, dem sogenannten Hallux Valgus.

„Vor allem bei Frauen spielt die Ästhetik eine wichtige Rolle“, sagt Schmaderer. Allerdings hätten Frauen auch „deutlich häufiger Fußprobleme – bedingt durch das jahrelange Tragen zu hoher und enger Schuhe“.

Die Firma Juzo wirbt mit Dip-Dye-Strumpfhosen, bei denen die Farben vom Fuß zum Oberschenkel hin immer heller werden. Quelle: Juzo

Das Düsseldorfer Unternehmen La Shoe hat sich auf Schuhe für Frauen mit deformierten Füßen konzentriert und bietet – meist aus weichen, nachgiebigen Materialien – Ballerinas, Ankle Boots und Pumps an, die tatsächlich kaum nach Gesundheitsschuh aussehen. Auch Traditionsfirmen wie Medi und Florett setzen neben den verschreibungspflichtigen medizinischen Hilfsmitteln zusehends auf frei verkäufliche Strümpfe und Schuhe.

Medi beispielsweise hat seit 2014 die Marke Item M6 im Programm, die Kompressions-Strümpfe, Reisestrumpfhosen für „Feelflieger“ und Shapewear, sogenannte Speck-weg-Unterwäsche, umfasst. Die Produkte zielen vor allem auf Kunden, die sich ihr gesünderes Aussehen gern etwas kosten lassen.

Die Grenze zwischen gesund und modisch wird durchlässiger

Egal, was man von Produkten für „Feelflieger“ oder von Shapewear hält: Wenn die Grenze zwischen gesund und modisch durchlässiger wird, können Kunden eigentlich nur profitieren. Wer eine schwere Krankheit überstanden hat, ist meistens froh, wenn er sich mit Schönem umgeben kann.

Martina Glomb zum Beispiel, Professorin für Modedesign an der Hochschule Hannover, schildert in ihrer „Medi-Patientengeschichte“, wie wichtig es für sie nach einer Brustkrebserkrankung war, dass ihr Armstrumpf gegen Schwellungen gut aussah. Sie hat ihn mit Stickereien verziert. „Ein Armstrumpf sollte nach Freude, Mut und Stolz aussehen, nicht nur nach medizinischem Hilfsmittel – auch wenn er notwendig ist“, sagt sie.

Patientinnen, die nach einer schweren Krankheit oder Operation Armstrümpfe tragen müssen, wünschen sich etwas, das gut aussieht – und nicht nur nach einem medizinischen Hilfsmittel. Quelle: Medi

Luft nach oben ist nach Glombs Ansicht allemal: Sie wünsche sich eine größere Auswahl an Farben und Ornamenten für Armstrümpfe, sagt die Modeexpertin.

Und man kann ergänzen: noch weitere Unternehmen mit Lust an Gestaltung. Die Firma Juzo, die auch Kompressionsstrumpfhosen herstellt, wirbt mit Dip-Dye-Hosen, bei denen die Farben vom Fuß zum Oberschenkel hin immer heller werden. Das sorge, verspricht das Unternehmen, für einen Wow-Effekt. Wow ist vor allem die Tatsache, dass es solch eine Kollektion gibt. Endlich.

Von Martina Sulner

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