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Wissen Mischwesen aus Mensch und Tier: Sieht so die Zukunft aus?
Mehr Welt Wissen Mischwesen aus Mensch und Tier: Sieht so die Zukunft aus?
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10:26 09.09.2019
Menschliche Organe in Tierkörpern züchten: Das ist das langfristige Ziel des japanischen Mediziners Hiromitsu Nakauchi. Quelle: picture alliance/AP Photo
Hannover

In der grandios bissig-satirischen TV-Serie „Altes Geld“ benötigt Rolf Rauchensteiner eine Leber. Für den schwerreichen Unternehmer mit Kontakten in zwielichtige Kreise sollte das kein Problem sein, so denkt man, so denkt vor allem auch er selbst. Doch Spenderorgane sind rar – und so nimmt die Geschichte um die versuchte Rettung des Rolf Rauchensteiner ihren Lauf.

Passende Organe sind knapp: Forscher suchen nach Alternativen

Organe sind auch in der realen Welt knapp. In Deutschland warten derzeit rund 9500 Menschen auf ein Spenderorgan, die meisten auf eine Niere. 2018 gab es 955 Organspender, das sind 11,5 Organspenden je eine Million Einwohner. Und man kann davon ausgehen, dass der Bedarf in einer alternden Gesellschaft nicht kleiner werden wird.

Kein Wunder also, dass Forscher schon seit Jahren auf der Suche nach Alternativen sind. In diesem Monat kam die jüngste Nachricht zu diesem Thema aus Japan – es war eine Nachricht, bei der sich viele gruselten. Denn dort, im Land der aufgehenden Sonne, dürfen in Zukunft Forscher nicht nur Mischwesen erzeugen, indem Tieren menschliche Zellen injiziert werden (das ist schon länger erlaubt). Diese Hybridwesen dürfen nun auch von Muttertieren bis zur Geburt ausgetragen werden. Bislang wurden solche Experimente nach zwei Wochen abgebrochen. Antragsteller ist der Mediziner Hiromitsu Nakauchi, dessen langfristiges Ziel lautet, menschliche Organe in Tierkörpern zu züchten. Am besten geeignet sind demnach Schweine, da die Größe ihrer Organe mit der beim Menschen nahezu übereinstimmt. Das Tier, so sieht es aus, soll also zum Ersatzteillager des Menschen umfunktioniert werden.

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Chimäre: Stammzellen bilden menschliches Organ

Wie soll das gehen? Kurz zusammengefasst, wird das Genmaterial eines Tieres so beeinflusst, dass es ein bestimmtes Organ, etwa eine Bauchspeicheldrüse, nicht bildet. Anschließend werden diesem Embryo menschliche Stammzellen gespritzt, sodass diese Stammzellen das fehlende Organ bilden können – hier eben die Bauchspeicheldrüse. Das Resultat dieses gentechnischen Vorgangs wären Mensch-Tier-Mischwesen, sogenannte Chimären.

In der Fantasie existieren solche Wesen schon lange: Bereits in der Steinzeit finden sich Darstellungen, die menschlich-tierische Hybride zeigen. Historiker vermuten, dass sich damals Schamanen in Trance in Tiere „verwandelt“ haben. Auch in der griechischen Mythologie nahmen Chimären einen Platz in der Gedankenwelt der Menschen ein. Minotauros trieb mit menschlichem Körper und Stierkopf sein Unwesen. Oder man denke an die Sphinx, die berühmte Löwin mit Menschenkopf.

Dazu kommt Cheiron, das Mischwesen aus Pferd und Mensch, das fast allen Helden der alten Welt wie Achill, Theseus und Odysseus als Lehrer diente. Und die Satyrn, die als menschliche Wesen mit Pferde- oder Eselsmerkmalen ausgestattet als treue Begleiter des Partygottes Dionysos herumsprangen. Ihr exzessiv-lüsternes Halbtiersein grenzte sie gegenüber den Werten der griechischen Polisbürger ab. Der Kontrollverlust durch Wein und Tanz sollte mit dieser Darstellung ins Reich des Animalischen gerückt werden, im Gegensatz zum vernunftorientierten, gesetzestreuen Menschen.

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Mensch-Tier-Wesen: Menschliche Fantasie und wissenschaftlicher Ehrgeiz

Spielten Chimären in der Antike noch nur in Kultur, bildender Kunst und Literatur eine Rolle, wurde es zu Beginn des 20. Jahrhunderts ernst. In der Sowjetunion wollte 1927 der Wissenschaftler Ilja Iwanow Affen und Menschen kreuzen. Für die sowjetische Wissenschaft wäre es ein ultimativer Erfolg gewesen, denn ein Affenmenschbaby hätte Darwins Evolutionstheorie endgültig bewiesen. Doch der Versuch scheiterte: Zuerst führte Iwanow menschliche Spermien per Katheter in ein Affenweibchen ein, doch nichts passierte. Das umgekehrte Experiment – männlicher Affe, menschliche Frau – kam trotz vorhandener menschlicher Probandinnen gar nicht erst zustande, weil das Affenmännchen zu früh starb. Noch Jahrzehnte hielt sich die Legende, Stalin hätte auf diese Weise Arbeitssklaven züchten wollen.

Auch die Populärkultur lebte von und mit Mensch-Tier-Wesen. Nur zwei Beispiele: H. G. Wells’ Roman „Die Insel des Dr. Moreau“ handelt von einem Biologen, der Tiere in menschenähnliche Wesen verwandelt. Und Peter Parker wird von einer Spinne gebissen und entwickelt als „Spiderman“ tierische Fähigkeiten.

Doch so sehr die menschliche Fantasie und der wissenschaftliche Ehrgeiz früherer Jahrzehnte und Jahrhunderte je nach Abhärtungsgrad faszinieren oder verstören mögen – die Gefahr, dass uns bald menschengesichtige Meerschweinchen oder Skat spielende Schweine umgeben, besteht eher nicht. Aber trotzdem können die Gefahren, die diese Forschung mit sich bringen kann, nicht einfach weggewischt werden.

Ethikfrage: Wann ist ein Tier noch ein Tier?

Kritiker von Nakauchi – genauso wie des in Kalifornien lehrenden Spaniers Juan Carlos Izpisúa Belmonte, der nach China reiste, um dort zu versuchen, Mischwesen aus Affen und Menschen zu züchten – befürchten, dass sich die menschlichen Stammzellen nicht nur auf die Bildung des geforderten Organs konzentrieren. Sie könnten sich auch – so die Bedenken – in Nerven- oder Keimzellen verwandeln. Durch Letztere würden veränderte Lebewesen ihren hybriden Zustand vererben – was ein unzulässiger Eingriff in die Keimbahn wäre. Und ebenso wichtig: Bilden die Stammzellen Nervenzellen, könnte auch das Gehirn des Tiers menschliche Zellen enthalten. Mit bisher nicht absehbaren Folgen: Wie soll ein Tier eingeschätzt werden, dessen Gehirn aus fünf, 15 oder 50 Prozent menschlichen Nervenzellen besteht? Ist es dann menschenähnlich, sein Verhalten gar menschlich? Was würde dies ethisch bedeuten?

Die Grenze zwischen Mensch und Tier droht zu verwischen

Um zu verdeutlichen, dass es sich hierbei nicht nur um reine Gedankenspiele handelt: Es gibt bereits ein Experiment, bei dem Mäuse mit menschlichen Zellen erzeugt wurden. Die Tiere zeigten im Anschluss ein besseres Lernvermögen als ihre nicht manipulierten Artgenossen. Es droht also die Grenze zwischen Mensch und Tier zu verwischen. Die Frage, was ein Mensch, was menschlich ist, könnte in den kommenden Jahren und Jahrzehnten vollkommen neu gestellt werden. Aber nicht nur von biologischer und gentechnischer Seite.

Mensch-Maschine-Wesen: Verbesserter Mensch dank Technologie?

Kürzlich kündigte Tesla-Gründer Elon Musk an, dass seine Firma Neuralink bis Ende 2020 das Gehirn eines Menschen an einen Computer anschließen will. Dies soll mittels Elek­troden geschehen. Auch dieser Ansatz könnte erst einmal medizinische Zwecke erfüllen. So sollen Querschnittsgelähmte allein durch ihre Gedanken mit Apparaten kommunizieren, also etwa ihr Smartphone bedienen können. Doch bleibt es dabei? Auch im Feld der technologischen Forschung, die nach und nach die Science-Fiction vergangener Jahrzehnte in die Gegenwart zu holen scheint, werden also die Grenzen des Menschlichen infrage gestellt. Mit der rasanten Weiterentwicklung und den schon heute theoretisch möglichen Umwandlungen von Menschen in Cyborgs – also in Mensch-Maschine-Wesen – hat sich auch das Maß verändert, an dem der Mensch sich orientiert: War über Jahrhunderte das Tier das Lebewesen, von dem wir uns unter anderem durch Sprache, Selbstreflexion und das Handeln nach ethisch-moralischen Prinzipien abgrenzen, werden nun langsam Roboter, Rechner und künstliche Intelligenz die Referenzgröße.

Die Diskussionen über den Übergang des Menschen in ein anderes Wesen, einen neuen Menschen, laufen zu meist unter dem Schlagwort Posthumanismus. Durch „Human Enhancement“ – also durch die Verbesserung des Menschen durch den Einsatz technischer Mittel wie Prothesen, Nanotechnologie oder Implantate – entstehen Cyborgs. Ein Mensch, der sich ein künstliches Auge einsetzen lässt, könnte auch Dinge sehen, die ihm heute verborgen bleiben. Ein Mensch mit künstlichem Ohr hört Frequenzen, die er jetzt nicht vernehmen kann.

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Veränderung des Menschen hängt von ethischen Einschränkungen ab

Die Möglichkeiten, die heute schon diskutiert werden, lesen sich für Technikfetischisten wie ein Versprechen, für Skeptiker wie das Grauen. Durch neue Möglichkeiten, Erbgut zu entfernen, einzufügen und zu verändern, können schon bald Designerbabys geschaffen werden. Cyborgs könnten sich irgendwann gegenüber anderen Menschen Vorteile verschaffen, weil sie schneller laufen, mehr tragen, besser sehen, rasanter denken können. Und ist die radikalste Vision, das Hochladen („Uploading“) des menschlichen Hirns auf eine Festplatte, schon der Weg in die Unsterblichkeit?

Vieles – egal ob im Feld der Genetik, der Robotik oder der künstlichen Intelligenz – ist heute denkbar, manches möglich, wenig bislang realisiert. Ob und wie sich der Mensch selbst verändert, hängt auch von ethischen und rechtlichen Einschränkungen ab. Darüber in einem breiten gesellschaftlichen Diskurs zu sprechen sollte eine der zen­tralen Aufgaben der Zukunft sein – der Deutsche Ethikrat führt diese Debatten schon seit einigen Jahren, daran lässt sich anknüpfen. Die Menschheit muss sich schon heute darüber im Klaren sein, wie ihre Spezies morgen und übermorgen aussehen soll.

„Das Neue in der Lage des modernen Menschen besteht darin, dass jeder Einzelne, stärker als das jemals zuvor der Fall gewesen sein dürfte, nicht nur für seine Existenz als Individuum, sondern auch für die der Menschheit Verantwortung trägt“, schreibt der Philosoph Volker Gerhardt in seinem Buch „Humanität. Über den Geist der Menschheit“. Man möchte mit Blick auf Japan und China hinzufügen: Er trägt auch Verantwortung für die Tiere und die Grenzen zwischen den Arten.

Von Kristian Teetz/RND

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