Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Wissen Masern-Studie: Krankheit bedroht Immunsystem auch nach Abklingen
Mehr Welt Wissen Masern-Studie: Krankheit bedroht Immunsystem auch nach Abklingen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:01 06.11.2019
Eine Mutter hält ein Kind mit Masern auf dem Arm. Quelle: Getty Images/iStockphoto
Boston/London/Erlangen

Epidemien bieten manchmal auch eine große Chance für die Medizin: In den Niederlanden steckten sich 2013 in einer protestantischen Gemeinschaft, die Impfungen ablehnt, mehr als 2600 Menschen mit Masern an. Schon vor dem Ausbruch hatten Mediziner bei Dutzenden Kindern im Alter von 4 bis 13 Jahren Blutproben genommen. Etwa zwei Monate nach der Genesung entnahmen sie ihnen erneut Blut. Seitdem nutzen Forscher die Proben, um Maserninfektionen und deren Auswirkungen zu ergründen. Denn die Folgen der Viren für das Immunsystem waren bislang weitgehend unverstanden. Bis heute gelten die äußerst ansteckenden Masern vielerorts als harmlose Kinderkrankheit – nach Meinung vieler Experten zu Unrecht. Zwar verursacht die Infektion, die unter anderem mit Schnupfen, Fieber, Bindehautentzündung, weißen Flecken im Mundraum und Hautausschlag einhergeht, bei den meisten Kindern keine größeren akuten Probleme. Doch es kann zu Komplikationen kommen, die mitunter tödlich enden.

Studien: Masern schwächen das Immunsystem langfristig

Denn Masern schwächen das Immunsystem nicht nur während der Krankheit, sondern auch noch danach. Dies könne die Empfänglichkeit für bakterielle Superinfektionen erhöhen, schreibt das Robert Koch-Institut (RKI). Dazu zählen demnach etwa Bronchitis, Mittelohr- und Lungenentzündungen und – besonders gefürchtet – eine postinfektiöse Enzephalitis. Zu dieser Entzündung des Gehirns kommt es laut RKI in etwa 0,1 Prozent der Fälle, bei 10 bis 20 Prozent der Patienten endet sie tödlich.

Die Symptome der Masern sind möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs.

Michael Mina, Forscher vom Howard Hughes Medical Institute in Boston

Mehr zum Thema

Impfen: Das müssen Sie wissen

Forscher: Langzeitwirkung der Maserninfektion sehr gravierend

Nun berichten zwei internationale Forscherteams, dass die Langzeitwirkung der Infektion noch weit gravierender ist. "Die Symptome der Masern sind möglicherweise nur die Spitze des Eisbergs", sagt Michael Mina, einer der Forscher vom Howard Hughes Medical Institute in Boston. Schon vor vier Jahren sorgte Mina, damals noch an der Princeton University, mit einer im Fachblatt "Science" publizierte Studie für Aufsehen. Darin errechneten ein Team um den Infektionsforscher aus Daten zur Kindersterblichkeit vor und nach der Einführung der Masernimpfung in England, Wales, Dänemark und den USA, dass eine Masernerkrankung das Immunsystem bis zu drei Jahre lang schwächen kann – und so die Todesrate bei Kindern erhöht. Die neue Studie von Mina und Kollegen, veröffentlicht wieder in "Science", vertieft diesen Zusammenhang nun, aber mit einer völlig anderen Methode. Das Team analysierte Blutproben, die unter anderem 77 Kindern in den Niederlanden vor und nach ihrer Maserninfektion entnommen worden waren.

Die Forscher untersuchten das Blut auf Antikörper gegen Viren und Bakterien, die das Immunsystem nach früherem Kontakt mit den jeweiligen Erregern etwa von Grippe, Windpocken oder Lungenentzündungen gebildet hatte. Resultat: Nach der Erkrankung waren - je nach Schweregrad des Verlaufs – zwischen 11 und 73 Prozent des Antikörper-Repertoires verschwunden. Im Gegensatz dazu hatte die Masernimpfung keinen immunschwächenden Effekt.

Verlust von schützenden Antikörpern

"Stellen Sie sich die Immunität gegen Krankheitserreger vor wie ein Buch, das Sie bei sich haben und das Fotos von Straftätern enthält, in die jemand jede Menge Löcher gestanzt hat", erläutert Mina in einer Mitteilung der Harvard Medical School. "Wenn Sie einen Verbrecher sehen würden, wäre es viel schwerer, ihn zu erkennen – vor allem wenn die Löcher wichtige Gesichtszüge wie Augen oder Mund betreffen." Dies sei der bislang klarste Hinweis auf eine Immunamnesie – einen Schwund des Immungedächtnisses.

In einem zweiten Schritt analysierten die Forscher die Entwicklung der Antikörper bei Rhesusaffen, die sie mit einem Masern-ähnlichen Virus infizierten. In den fünf Monaten nach der Infektion verloren die Affen durchschnittlich 40 bis 60 Prozent der schützenden Antikörper gegen andere Erreger.

Mehr zum Thema

Masern: Zahl der Neuerkrankungen in Europa verdoppelt

Maserninfektionen können andere Schutzimpfungen aufheben

Ein weiteres Puzzleteil des Mechanismus liefert die zweite Studie, die ein Team um Velislava Petrova vom Wellcome Sanger Institute im englischen Cambridge im Fachblatt "Science Immunology" vorstellt. Dieses Team, darunter Mitarbeiter des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen, analysierte bei 26 der niederländischen Kinder die zum Erkennen von Erregern zuständigen B-Zellen des Immunsystems. Demnach schwand nach der Infektion die Vielfalt dieser Gedächtniszellen, die für die Produktion von Antikörpern zuständig sind.

"Diese Studie ist ein direkter Nachweis beim Menschen für eine immunologische Amnesie, bei der das Immunsystem vergisst, wie es auf frühere Infektionen reagieren soll", sagt Petrova. Mögliche Folgen untersuchte das Team an Frettchen, die zuvor gegen Grippe geimpft worden waren. Nach der Infektion mit dem Masern-ähnlichen Erreger CDV (Hundestaupenvirus) fielen bei den Tieren die Antikörper gegen Grippe ab. Die Frettchen wurden trotz ihrer Impfung wieder empfänglich für eine Infektion. "Das zeigt, dass Masern den Schutz von Impfungen vor anderen Infektionskrankheiten aufheben könnten", folgert Ko-Autor Paul Kellam, Infektiologe am Imperial College London.

Mehr zum Thema

Masern, Mumps und Co.: Wissenswertes zu Kinderkrankheiten

Unterschiedliche Studien kommen zum gleichen Schluss

Menschen sind sein einziger Wirt, es verursacht eine aggressive Krankheit mit extremer Ansteckung, und es veranlasst eine jahrelange Immunsuppression.

Duane Wesemann, Immunologe von der Harvard Medical School

"Beide Studien kommen mit komplett unterschiedlichen Methoden zum gleichen Schluss", sagt Klaus Überla, Direktor des Virologischen Instituts des Uniklinik Erlangen. "Das ist sehr überzeugend." Der Grund für die Schwächung des Immungedächtnisses ist vermutlich einfach: Die Viren befallen ihre Wirtszellen über ein Oberflächenprotein, das auf den B- und T-Gedächtniszellen des Immunsystems vorkommt. Die Zerstörung dieser Zelltypen durch das Virus verursacht den Verlust des immunologischen Gedächtnisses.

"Bisher war klar, dass eine Maserninfektion zu einer kurzfristigen Immunsuppression führt", erläutert Überla, der nicht an den Studien beteiligt war. Die Zahl der Immunzellen regeneriere sich zwar wieder binnen weniger Wochen. "Klinisch war aber auffällig, dass Kinder danach noch langfristig ein erhöhtes Infektionsrisiko haben. Das konnte man bisher anhand der Laborwerte nicht erklären." Die in den Studien gezeigten Auswirkungen auf das Immungedächtnis liefern nun den Grund dafür.

In einem "Science Immunology"-Kommentar verweist der Immunologe Duane Wesemann von der Harvard Medical School auf Besonderheiten des Masernvirus: "Menschen sind sein einziger Wirt, es verursacht eine aggressive Krankheit mit extremer Ansteckung, und es veranlasst eine jahrelange Immunsuppression." Paradoxerweise hinterlasse es aber ausgerechnet gegen die Masern selbst lebenslange Immunität. Möglicherweise, so spekulieren Experten, würden die zerstörten Zellen des Immunsystems zwar wieder ersetzt, den neugebildeten Nachfolgern fehle aber das spezifische Gedächtnis.

Das Virus ist viel schädlicher, als wir dachten. Das macht die Impfung umso wertvoller.

Harvard-Genetiker Stephen Elledge

Eigentliches Ziel der WHO: Eliminierung der Masern bis 2020

Die Studien erscheinen zu einer Zeit, in der die Masern wieder aufleben. Im Zeitraum von 2000 bis 2016 war die weltweite Zahl der Todesfälle nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) um 84 Prozent gesunken – von über 550 000 auf knapp 90 000. Die meisten Todesopfer leben in Ländern mit geringem Einkommen und schlechten Gesundheitssystemen. Eigentlich hatte sich die WHO das Ziel gesetzt, die Krankheit bis zum Jahr 2020 weltweit zu eliminieren. Doch nun geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung: Laut WHO wurden in den ersten sechs Monaten 2019 weltweit dreimal mehr Fälle berichtet als im gleichen Zeitraum des Vorjahres – das war der höchste Stand seit 2006.

Im August beklagte die WHO die Entwicklung in Europa. Hier verloren erstmals seit 2012 vier Länder den Status als masernfrei: Albanien, Tschechien, Griechenland und Großbritannien. Die USA, wo im Jahr 2000 nur 86 Fälle registriert wurden, verzeichneten 2019 bis Anfang Oktober etwa 1250 Erkrankungen.

Besserer Masernschutz besonders wichtig für ärmere Länder

In Deutschland stieg die Rate für die beide Masern-Impfungen bei Schulanfängern von 89 Prozent im Jahr 2008 auf 92,9 Prozent im Jahr 2016. 2017 waren es dann 92,8 Prozent. Das ist zu wenig, denn für einen Herdenschutz wären laut WHO ab 95 Prozent erforderlich. Besonders wichtig wäre ein besserer Masernschutz für ärmere Länder: "Ein normales Kind geht aus der Krankheit vielleicht mit einer Delle im Immunsystem hervor, und sein Körper kann eventuell damit umgehen", sagt der Harvard-Genetiker Stephen Elledge, Leiter der aktuell in "Science" publizierten Studie. "Aber Kinder an der Grenze – wie jene mit einer schweren Masern-Infektion oder jene, die immungeschwächt oder mangelernährt sind – werden ernste Probleme haben." Er fügt hinzu: "Das Virus ist viel schädlicher, als wir dachten. Das macht die Impfung umso wertvoller."

Mehr zum Thema

WHO: Rasanter Anstieg bei gemeldeten Masernfällen weltweit

RND/dpa

Investitionen von mehr als 1,8 Billionen Euro sind einer Studie zufolge notwendig, um Treibhausgas-Emissionen in Deutschland bis 2050 um 95 Prozent gegenüber 1990 zu verringern. Kostentreiber seien dabei besonders die Entwicklung und der Einsatz erneuerbarer Kraftstoffe, so das Forschungszentrum Jülich.

31.10.2019

Die verheerenden Folgen des Klimawandels in den Hochgebirgen der Welt haben Auswirkungen auf Milliarden Menschen. Um die Probleme so früh wie möglich zu erkennen, wollen Forscher eine integrierte Obervations- und Vorhersageplattform bauen.

31.10.2019

Eine der schönsten Liebesgeschichten des Kino-Jahres beruht nicht auf einem Drehbuch, sie hat sich wirklich ereignet: Das Doku-Drama “Marianne & Leonard - Words of Love” schildert die jahrzehntelange Beziehung des berühmten Musikers Leonard Cohen zu seiner Muse.

31.10.2019