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Wissen MHH-Wissenschaftler untersuchen Kreislauf von ISS-Astronauten
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07:58 03.03.2010
Ausnahmezustand: An Bord der ISS testet der Russe Juri Malentschenko das Gerät der MHH.
Ausnahmezustand: An Bord der ISS testet der Russe Juri Malentschenko das Gerät der MHH.
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Astronauten haben es nicht leicht. Vor allem die ersten Tage in der Schwerelosigkeit bedeuten für sie eine extreme körperliche Belastung: Die Orientierung und einfache Bewegungen fallen schwer, das Blut steigt zu Kopf, die Nase ist verstopft, zudem plagen Schlafstörungen die Männer und Frauen im All. Eine derartige Ausnahmesituation für den Organismus macht die Raumfahrt auch für die medizinische Forschung interessant: Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) arbeiten mit Kollegen aus Moskau an einem Projekt, das die Auswirkungen der Langzeitschwerelosigkeit auf das Herz-Kreislauf-System untersucht – die Daten gewinnen die Forscher direkt von den russischen Astronauten an Bord der Internationalen Raumstation (ISS).

„Wir hoffen, durch den Vergleich der Werte der Kosmonauten mit denen von Patienten die Ursachen für Kreislaufprobleme besser verstehen und effektiver behandeln zu können“, sagt Privatdozent Jens Tank vom MHH-Institut für Klinische Pharmakologie. Dafür haben die Kooperationspartner vom Moskauer Institut für biomedizinische Probleme (IMBP) gemeinsam mit den MHH-Experten ein Spezialgerät entwickelt. Auf ihren jeweils sechs Monate dauernden ISS-Missionen haben die russischen Astronauten die Apparatur, die Puls-, Herz- und Atemfrequenz misst, stets mit im Gepäck. In der Raumstation kontrollieren sie damit ihre eigenen Körperfunktionen und speichern die Ergebnisse ab. Diese werten die MHH-Forscher und die Moskauer Wissenschaftler gemeinsam aus, nachdem die Astronauten wieder auf der Erde angekommen sind.

Seit März 2007 kommt das Spezialgerät „Pneumocard“ regelmäßig an Bord der ISS im Einsatz. Auch der bekannte russische Astronaut Juri Malentschenko nutzte es bereits bei seinem 192 Tage dauernden Langzeitaufenthalt vom Oktober 2007 bis zum April 2008, um seine Herz-Kreislaufwerte zu überprüfen. Schlagzeilen machte Malentschenko, als er 2003 während seines ISS-Aufenthaltes seine Frau Jekaterina heiratete – es war die erste Hochzeit im Weltraum.

Die bisherigen Messungen bei Malentschenko und acht anderen russischen Kosmonauten haben aus Sicht der MHH-Mediziner bereits bemerkenswerte Ergebnisse erbracht: „Wir konnten feststellen, dass die Schwerelosigkeit für das Herz und den Kreislauf nach einer gewissen Eingewöhnungszeit eher entspannend wirkt“, erklärt Tank. Bisher war man davon ausgegangen, dass der Körper eines Astronauten im All quasi unter Dauerstress steht.

Viel schwieriger scheint die erneute Anpassung des Organismus an die Schwerkraft nach der Landung auf der Erde zu sein. Der Wiederaufbau der Muskulatur, der Knochen und der körperlichen Leistungsfähigkeit erfordert mitunter Monate, zudem sind spezielle Trainingsprogramme notwendig. „Große Probleme haben die Kosmonauten in den ersten Tagen nach der Landung mit längerem Stehen“, sagt Tank. „Das Herz rast, gelegentlich kommt es auch zu einer Ohnmacht.“ Derartige Störungen träten auch bei Patienten mit bestimmten, noch wenig erforschten Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf, für die man bisher eine psychosomatische Ursache annahm.

Tank und sein Team hoffen nun, dass sie diesen Patienten künftig mit besseren Therapien helfen können – mit tatkräftiger Unterstützung der ISS-Besatzung.

Juliane Kaune