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07:55 28.09.2019
„Es ist leichter, 10 000 Dinge zu studieren, als in einem Fach Meister zu sein": Experten wie Instrumentenbauer werden seltener, Universalisten waren auf dem modernen Arbeitsmarkt lange Zeit gefragter. Es wird Zeit, Meisterschaft wieder zu schätzen. Quelle: photoschmidt - stock.adobe.com

Mark Knopfler hat ein Lied geschrieben. Es heißt „Monteleone“. Es ist eine Ode an John Monteleone, 70 Jahre alt, Instrumentenbauer mit italienischen Wurzeln. In einer umgebauten Scheune in einem Vorort von New York stellt Monteleone Gitarren her. Es sind die luxuriösesten der Welt, sie kosten bis zu 80.000 Dollar. Monteleones Vater war bildender Künstler in Palermo. Alles, was er über Holz weiß, habe er von ihm gelernt, sagte der Sohn mal. Vor Jahren hat er für Knopfler die „Monteleone Isabella“ gebaut, eine kostbare Gitarre in feuerroter Sunburst-Lackierung, benannt nach Knopflers Tochter.

Mark Knopflers Loblied auf die Könnerschaft

„John Monteleone ist der Stradivari unserer Zeit“, sagt Knopfler. „Er ist ein bisschen wie ich: besessen von dem, was er tut.“ Es gibt nur eine noch größere Anerkennung für einen Instrumentenbauer als ein solches Lob: wenn ein Meister der einen Zunft dem Meister einer anderen ein Lied schreibt.

„The chisels are calling / It’s time to make sawdust”, singt Knopfler mit seiner warmen Stimme in „Monteleone“. Die Hobel rufen. Es ist Zeit, Sägemehl zu produzieren. Es ist ein Lobgesang auf den Mann in New York. Aber es ist auch ein Loblied auf die Könnerschaft an sich. Auf echte Handwerkskunst, die von uraltem Wissen zehrt. Auf wahre Experten, denen niemand etwas vormacht im Fachgebiet ihrer Leidenschaft. Auf den Zauber von „Spänen, die den Fußboden bedecken“, wie es im Lied heißt.

"Der Zauber von Spänen, die den Fußboden bedecken“: Ein Gitarrenbauer arbeitet in der Werkstatt am Korpus einer neuen Gitarre. Quelle: Robert Kneschke - stock.adobe.com

Kurz: Knopflers Song ist eine Ode an die Expertise. Eine Tugend, die seltener wird auf dem modernen Arbeitsmarkt. Denn dort stehen seit Jahren universelle Einsetzbarkeit und Flexibilität hoch im Kurs. Der moderne Arbeitnehmer soll nach Möglichkeit ein breites Spektrum von Fertigkeiten mitbringen. Fachwissen ist zwar gefragt und gesucht – der Fachkräftemangel ist ein klarer Indikator. Er hat seine Ursache aber auch in einem Trend, der in vielen großen Konzernen lange in eine andere Richtung ging: Alle machen alles. Weg vom eng umrissenen Fachgebiet, hin zur eierlegenden Wollmilchsau des Kapitalismus. Tiefes, enges Wissen hat gegenüber flachem, breitem Wissen das Nachsehen. Grob gesagt: Es gibt mehr Menschen, die vieles ein bisschen, und weniger Menschen, die etwas richtig gut können.

Spezialisten gegen Universalisten

Es ist höchste Zeit, Spezialisten gegenüber Universalisten wieder höher zu schätzen. Denn der Mangel an Fachpersonal ist nicht nur eine Folge der demografischen Entwicklung. Er ist auch eine Konsequenz aus dem deutschen Bildungssystem und dem geringen Respekt der Gesellschaft für als „Fachidioten“ verschriene Fachleute.

Beispiel Handwerk. Es leidet unter einem absurden Widerspruch: Die Branche boomt, die Auftragsbücher sind voll – und trotzdem fehlt es den klassischen Gewerken an Nachwuchs. Das liegt nicht am Mangel an potenziellen Tischlern, Elektrikern und Instrumentenbauern. Das liegt an der mangelhaften gesellschaftlichen Wertschätzung für berufspraktische Ausbildung und Arbeit. „Das verschärft sich immer mehr“, sagte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer jüngst dem „Spiegel“ – „weil es einerseits immer weniger Schulabgänger und andererseits den Drang zum Studium gibt.“

Immer weniger Schulabgänger wollen ein Handwerk erlernen

Immer mehr Jugendliche verlassen die Schule mit Abitur oder Fachabitur. Und als Abiturient eine Ausbildung zu wählen, für die ein Hauptschulabschluss genügen würde – das erscheint vielen als „risikoreiche Verschwendung ihres Bildungsaufwands“. So heißt es in einer Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung. Mit anderen Worten: Viele sehen die traditionelle Weitergabe von Fachwissen und das Arbeiten mit den eigenen Händen als nostalgischen Anachronismus. Nett, aber öde und anstrengend. Statt ins Handwerk, in die Pflege oder in die Schulen zieht es die Massen ins Management und in die Betriebswirtschaft – dorthin also, wo kein Produkt und kein Spezial-Know-how im Mittelpunkt stehen, sondern Prozessentwicklung, Optimierung und Workflows.

Gleichzeitig werden die Berufsanforderungen vor allem in den Mint-Berufen – in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – immer differenzierter. Vor allem dort und im Handwerk werden Spezialisten verzweifelt gesucht, aber bei Berufsanfängern ist Spezialistentum eben out.

„Vielleicht hätte er jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt“ – so hieß in den Neunzigerjahren ein Werbeslogan für die „Gelben Seiten“. Bloß: Wo findet man so jemanden? In den „Gelben Seiten“ jedenfalls immer seltener.

Meister lernten vom Meister

Über Jahrhunderte führte der Weg zur beruflichen Meisterschaft über andere Meister. Junge Menschen erlernten berufliche Fähigkeiten wie Babys das Leben selbst: durch Beobachten, Nachahmen und Übernahme der Erfahrungsschätze ihrer Lehrer. Väter gaben ihr Wissen an Söhne weiter. Natürlich ist es ein überholtes Ideal, von gehorsamen Adlaten zu träumen, die angeleitet von klugen Mentoren ihr Wissen und ihre Fertigkeiten vermehren, bis sie selbst Meister sind. Die moderne Wirtschaft funktioniert nicht wie eine mittelalterliche Schreibwerkstatt oder eine Hufschmiede im 18. Jahrhundert.

Doch in der Kundschaft ist die Sehnsucht nach Expertise groß. Nach Könnern, die ihren Beruf wirklich noch gelernt haben und nicht bloß als prekär Ausgebildete in einem Sechs-Wochen-Workshop die wichtigsten Handgriffe eingebimst bekamen. In den Zeitschriftenregalen boomen Fachmagazine für handwerkliche Fähigkeiten, für Blumenstecken, Tischlerarbeiten, Bierbrauen, textiles Gestalten, Zeichnen und Basteln. Der Zeitschriftenmarkt ist immer auch Seismograf für die Gelüste einer Gesellschaft. Er zeigt klar: Gute Dinge selbst machen ist in. Aber: Die Expertise hat sich in den Hobbybereich verlagert. Und: Selbst ernannte „Experten“ gibt es viele – wahre Könner nur wenige.

Über Jahrhunderte führte der Weg zur beruflichen Meisterschaft über andere Meister: Instrumentenbauer arbeitet an der Verzierung. Quelle: photoschmidt - stock.adobe.com

„Was Friseure können, können nur Friseure“

Natürlich gibt es Ausnahmen: „Was Friseure können, können nur Friseure“, heißt es. Tatsächlich hat es kein alberner Staubsaugeraufsatz und keine Höllenmaschine aus dem Teleshopping je vermocht, dem Friseurhandwerk den Garaus zu machen. Es gibt eben keine App, die einem den Pony schneidet. Doch Billigheimer, Lohndrücker und Halbkönner machen denen, die ihr Handwerk wirklich beherrschen, auch in dieser Branche das Leben schwer. Ähnlich ist die Situation bei Bäckern: Großgeschäfte für lieb- und leblose Aufbackmassenware schießen wie Pilze aus dem Boden, obwohl die Nachfrage nach hervorragenden Broten, Kuchen und Brötchen steigt.

Die wahre Könnerschaft hat es schwer im modernen Wettbewerb, weil sie teurer, aufwendiger und langsamer arbeitet. Und die Kundschaft befeuert den Trend selbst, weil sie sich ausschließlich nach dem Preis richtet oder – auch wegen der vergleichsweise geringen Lohnsteigerungen in Deutschland in den vergangenen Jahren – zu richten gezwungen ist. Es ist ein Teufelskreis: Die Industrie, die den Mitarbeitern größere Lohnsprünge verweigerte, trägt selbst dazu bei, dass das Billigdiktat Expertenschaft, Qualität und Liebe zum eigenen Produkt verhindert. Weil der Preis alles bestimmt.

„Es ist leichter, 10.000 Dinge zu studieren, als in einem Fach Meister zu sein"

„Wer nicht kann, was er will, muss wollen, was er kann“, hat Leonardo da Vinci geschrieben. „Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht.“ Das Universalgenie war freilich in der komfortablen Lage, sehr viel sehr gut zu können. Soziologen heutzutage bescheinigen den Mitgliedern der modernen Gesellschaft, zu oft genau das zu wollen, was sie nicht können. Selbstüberschätzung überall. Jugendliche träumen massenhaft von einer Showkarriere. Instagram-Influencer halten sich für Lifestyle-Gurus und Philosophen. Konzernlenker im Silicon Valley fühlen sich zum Weltenretter berufen. Und Fachleute ihrer Zunft, die zwar Wichtiges zu sagen haben, es aber nicht schaffen, ihr profundes Wissen in leicht konsumierbare, kurze, knackige und damit medientaugliche Kernsätze zu kleiden, werden im Lärm der Debatten von Simulanten überblasen.

Wir leben in einer extrem ungeduldigen Gesellschaft. Ein Symptom davon ist auch der Fachkräftemangel. Denn die Ausbildung von Fertigkeiten braucht Zeit. Das verschulte Tempostudium und die lockende Blitzkarriere als Youtuber aber lehren Berufsanfänger, dass sie genau das nicht haben: Zeit. John Monteleone benötigte 40 Jahre, um zum genialen Gitarrenbauer zu werden. Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Es ist leichter, 10.000 Dinge zu studieren, als in einem Fach Meister zu sein.“

Von Imre Grimm/RND

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