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Wissen Wie (ir)rational ist die Angst vor Inflation?
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15:00 06.05.2022
Gibt es wirklich Grund zur Panik?
Gibt es wirklich Grund zur Panik? Quelle: BillionPhotos.com
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Die Inflation ist so hoch wie seit über 40 Jahre nicht mehr – dafür gibt es viele Gründe. Laut dem Statistischen Bundesamt lag die Inflationsrate in Deutschland im April bei +7,4 Prozent. Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht eine Inflation von rund 2 Prozent mittelfristig als ideal für die Konjunktur. Ein Grund zur Panik? Darüber spricht die Wirtschaftswissenschaftlerin Kerstin Bernoth mit dem RND. Die Expertin leitet die Abteilung Makroökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

Altkanzler Ludwig Erhard soll gesagt haben, Wirtschaft sei zur Hälfte Psychologie. Wie irrational ist aktuell die Angst vor Inflation, Frau Bernoth?

Ich würde gar nicht alles nur als irrational abstempeln. Da muss man unterscheiden bei der Art von Inflation. Dass wir gerade eine äußerst hohe Inflation haben, wie wir sie seit den 80er-Jahren nicht mehr gesehen haben, ist real. Das hat viele Gründe. Für den Konsumenten ist das tatsächlich ein Ding, vor allem für denjenigen, der tanken muss und die Heizkosten bezahlen muss. Diese Ängste und Befürchtungen sind real. Irrational ist das Misstrauen von Teilen der Bevölkerung gegenüber der Zentralbank, dass das alles mit Absicht geschehe und das jetzt der Anfang einer Hyperinflation werde und wir alle in Goldrausch ausbrechen. Das ist wieder irrational.

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Welche Gründe gibt es für die derzeit außergewöhnlich hohe Inflation? Und warum hat die Europäische Zentralbank (EZB) das nicht prognostiziert?

Viele halten jetzt der EZB vor, sie hätte die Lage komplett falsch eingeschätzt. Dabei muss man aber sehen, dass die wirtschaftliche Lage erst durch die Corona-Pandemie schwer einzuschätzen war. Und nun hat sich in den letzten drei Monaten die geopolitische Lage durch den Krieg in der Ukraine noch einmal komplett verändert, was wohl niemand vor einem halben Jahr prognostizieren konnte. Im Herbst 2021 waren die Energiepreise aufgrund des Erholungsprozesses im Sommer schon gestiegen. Starke Energiepreissteigerungen wurden gepaart mit einer kräftigen Nachfrage, weil die Leute in der Pandemie viel gespart hatten.

Diese starke Nachfrage stieß aber auf ein verknapptes Angebot aufgrund der Pandemie, da Produktionsengpässe bestanden, weil Zwischenprodukte nicht geliefert wurden oder weil Rohstoffmangel bestand und manche Häfen geschlossen waren. Dadurch kam die gesamte globale Lieferkette aus dem Trott. Auch die Mehrwertsteuersenkung und dann wieder -erhöhung in der Pandemie hatte einen Effekt. All diese Faktoren wirkten im Herbst 2021 als Ursachen der Inflation – und gelten immer noch.

Kerstin Bernoth ist Wissenschaftlerin und stellvertretende Leiterin der Abteilung Makroökonomie am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin). Quelle: Peter Himsel

Im Winter hat sich die Erholung, die man früher gesehen hatte, etwas verzögert. Aktuell erwartet man ab dem zweiten Quartal, dass die Pandemie immer weiter abebbt und Lieferengpässe sich lösen. Aber jetzt haben wir den Krieg in der Ukraine, der die Energiepreise enorm hochgetrieben hat – um 55 Prozent in Europa. Der enorme Wert der derzeitigen Inflation im Euroraum ist zu großem Teil auf die Energiepreise zurückzuführen.

Die gefühlte Inflation von Bürgerinnen und Bürger liegt oft höher als die von Expertinnen und Experten erwartete Inflation. Wie lässt sich das erklären?

Wenn Menschen Inflationserwartungen nennen sollen, orientieren sich Haushalte stärker daran, wie hoch die gegenwärtige Inflation ist. Zudem zeigen Studien, dass Haushalte an einzelnen Preisen beziehungsweise Produkten sehr stark ihre Inflationserwartungen oder -einschätzungen festmachen, wie zum Beispiel die Benzinpreise an der Tankstelle oder Preise im Supermarkt. Und genau dort ist die derzeitige Inflation nun sehr stark bemerkbar.

Um die Inflation also nicht weiter zu befeuern, ist es wichtig, dass die Zentralbank glaubwürdig kommuniziert und vermittelt, was die Ursachen der Inflation sind und wann sie denkt, dass diese Ursachen abebben werden.

Warum sollten Verbraucherinnen und Verbraucher jetzt nicht in Panik geraten? Was könnte passieren?

Eine mögliche Reaktion ist natürlich, dass jetzt die Lohnforderungen steigen. Dauert die hohe Inflation an, verlangen die Verbraucher mit Recht bald höhere Löhne, um die Kaufkraft zu behalten. Aber wichtig wäre, dass man da nicht überzieht und so die Inflation noch weiter hochtreibt. Man sollte keine überzogene Inflationserwartung haben, sondern eine realistische Einschätzung ist notwendig. Wie ist die Inflationssituation gerade und wie wird sich das über die nächsten Jahre entwickeln?

Um die Inflation also nicht weiter zu befeuern, ist es wichtig, dass die Zentralbank glaubwürdig kommuniziert und vermittelt, was die Ursachen der Inflation sind und wann sie denkt, dass diese Ursachen abebben werden. Das ist wichtig, um die psychologische Komponente wieder realistisch an die Inflationsentwicklung zu koppeln.

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Welchen Effekt hat es, wenn die Löhne nun hochgehen würden?

Wenn jetzt alle Löhne sprunghaft um 7 Prozent ansteigen, wird das natürlich die Produktionskosten nach oben treiben: Steigen auf Angebotsseite die Ausgaben für Personal und gleichzeitig auch die Energiepreise wie aktuell durch den Krieg in der Ukraine, werden die gestiegenen Produktionskosten an die Kundinnen und Kunden weitergegeben – in Form von höheren Kaufpreisen. Das würde die Inflation weiter befeuern. Passen sich die Löhne dagegen nun gar nicht an, erleben wir einen Kaufkraftverlust und einen Anstieg der Armut, was die Konjunktur dämpft.

Es ist also ein Abwägen: Entscheidend hier ist, wie lange und wie hoch die Inflation in den kommenden Monaten ist. Wenn ich weiß, dass die Inflation temporär ist und im nächsten Jahr wieder niedriger sein wird, dann ist es sehr wichtig, dass die Löhne moderat erhöht werden, weil das die Inflation selber treibt. Wenn die hohe Inflation jedoch noch etwas länger andauern kann oder ein Ende nicht absehbar ist, müssten Löhne stärker steigen, um einen Reallohnverlust zu vermeiden. Eine realistische Einschätzung über die Ursache und Dauer der derzeitigen Inflation ist also sehr wichtig.

Wie sind denn die aktuellen Prognosen?

Es gibt Riesenunbekannte in diesen ganzen Überlegungen – das ist der Verlauf des Krieges in der Ukraine und ob es ein Gasembargo gibt oder nicht. Es ist natürlich extrem schwierig, gerade eine Prognose zu treffen. Kommt es zu keinen weiteren Verschärfungen im Krieg und wird es kein Gasembargo geben, dann könnten wir schon bald das Plateau erreicht haben. Die Lieferengpässe durch Corona könnten sich bis Ende des Jahres aufheben. Dieses Jahr erwarten wir eine kräftige Inflation von insgesamt 6 Prozent. Aber im nächsten Jahr könnte sie mit 2,9 Prozent schon deutlich näher am Inflationsziel der EZB von 2 Prozent liegen. Kommt es doch zu Verschärfungen durch den Krieg in der Ukraine und zu einem Gasembargo, müssen wir überall noch etwas draufschlagen.

Wie kann ich mein Konsumverhalten anpassen und noch etwas Geld sparen?

Im Energiesektor kann man zum Beispiel einiges sparen. Da kann jeder wirklich versuchen, im Haus nicht unnötig das Licht anzulassen in Zimmern, die man verlassen hat. Man kann die Heizung herunterdrehen und vielleicht auch mal das Auto stehen lassen. Das 9-Euro-Ticket für den ÖPNV ist eine gute Idee. Das sind Kleinigkeiten, wo man wirklich sparen kann.

Treiben Hamsterkäufe, die ja oft aus Angst passieren, auch noch einmal die Preise nach oben?

Wenn sich jetzt alle auf Lebensmittel wie Rapsöl stürzen oder Weizen, gehen dadurch die Preise von diesen Gütern hoch. Aber das sind kurzfristige, temporäre Effekte.

In Zusammenhang mit der Inflation wird häufig vom Verbraucherpreisindex gesprochen. Was misst dieser Index?

Im Prinzip misst der Index den Preis eines imaginären Warenkorbs. Der besteht aus rund 650 Güterarten und unterscheidet sich von Land zu Land. Alle fünf Jahre schaut man immer wieder, inwiefern sich das Konsumverhalten der Leute in jedem Land verändert hat. Dann gewichtet man die Preisentwicklung dieser einzelnen Güterklassen mit der Verbrauchermenge und berechnet daraus den Preis dieses imaginären Warenkorbs. Darauf wird die Inflation gemessen. Im Warenkorb sind zum Beispiel Mieten drin, aber nicht das Wohnen im Eigentum. Das wird häufig kritisiert, weil Häuserpreise durch die Decke gegangen sind. Die Inflation liegt dann eigentlich viel höher als das, was der Warenkorb angibt.

Es gibt einen persönlichen Inflationsrechner vom Statistischen Bundesamt. Dort können Haushalte ihre Ausgaben eintragen und ermitteln, wie hoch ihre persönliche Inflation ist. Denken Sie, dass solche Tools dabei helfen können, eine realistischere Vorstellung für die persönliche Inflation zu bekommen?

Ja, es kann helfen, sich mit dem persönlichen Warenkorb auseinanderzusetzen. Man muss bedenken, dass der Warenkorb des Verbraucherpreisindex nach dem Konsumverhalten des Durchschnittsdeutschen berechnet wird. Das Ifo-Institut hat das mal untersucht und festgestellt, dass sich der Warenkorb für untere und obere Einkommensschichten stark unterscheidet. Dieser Rechner kann das berücksichtigen. Es macht zum Beispiel einen großen Unterschied, ob man ein Auto hat und ob man zur Miete wohnt.

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Von Vivien Valentiner/RND

Der Artikel "Wie (ir)rational ist die Angst vor Inflation?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.