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Mehr Welt Wissen In 20 Jahren braucht die Menschheit eine zweite Erde
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20:43 14.10.2010
Wohlstand auf Kosten der Tropen: Immer mehr Urwald wird für den Anbau von Biosprit gerodet.
Wohlstand auf Kosten der Tropen: Immer mehr Urwald wird für den Anbau von Biosprit gerodet. Quelle: WWF
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„Neuer Planet gesucht – mit üppigen Rohstoffvorkommen, ausreichend Süßwasser, fischreichen Meeren und intakter Umwelt.“ Es klingt nach Science-Fiction, aber diese Anzeige könnte die Erdbevölkerung bald aufgeben, sollten die Umweltstiftung WWF mit ihren Prognosen richtig liegen. Der „Living Planet Report 2010“ der Organisation zeichnet ein düsteres Bild. Der Raubbau an der Natur hat demnach dramatische Ausmaße angenommen. Die Menschheit verbraucht so viele Ressourcen, dass schon in 20 Jahren zwei Erden nötig wären, um den Bedarf zu decken.

Alle zwei Jahre erstellt der WWF gemeinsam mit der Zoologischen Gesellschaft von London und dem Global Footprint Network diesen Überblick. Der Verlust der Artenvielfalt (Biodiversität) wird darin untersucht, zusätzlich analysiert die Studie den „ökologischen Fußabdruck“ der Menschen in verschiedenen Regionen der Welt. Dieser zeigt, wie viel Produktionsfläche benötigt wird, um alle unsere Bedürfnisse – Rohstoffe, Nahrung, Energie, Infrastruktur – zu gewährleisten.

Die Botschaft der Studie über die globale Lage ist deutlich: Die Menschheit lebt weit über ihre Verhältnisse – und Jahr für Jahr stärker zu Lasten der Natur. „Es ist höchste Zeit Lösungen zu entwickeln, wie die wachsenden Bedürfnisse der Weltbevölkerung mit den vorhandenen Rohstoffen gedeckt werden können“, sagt WWF-Vorstand Eberhard Brandes. Der westliche Lebensstil habe zu einer gefährlichen Schieflage des Planeten geführt.

Bei unserem derzeitigen Lebensstil verbraucht jeder Mensch im globalen Durchschnitt 1,5 Mal so viel, wie die Natur hergibt. In den Industrieländern liegt der Wert noch viel höher. Der Wohlstand in den reichen Ländern werde auf Kosten des biologischen Reichtums der Tropen und damit der ärmeren Staaten erkauft. Auch Deutschland gehört demnach zu den ökologischen Schuldnerländern. Jeder Deutsche hinterlässt laut WWF einen ökologischen Fußabdruck von fünf Hektar. Das Land rangiert damit im Mittelfeld. Am verschwenderischsten leben die Menschen in den Vereinigten Arabischen Emiraten und den USA mit einem Pro-Kopf-Verbrauch von nahezu zehn Hektar. Würden die natürlichen Schätze gerecht verteilt, stünden jedem Weltbürger derzeit 1,8 Hektar zu.

Ein Beispiel dafür, wie die Industriestaaten in wachsendem Maße auf die natürlichen Ressourcen anderer, ärmerer Nationen zugreifen, ist der Anbau von Biotreibstoffen. In tropischen Ländern wie Brasilien wird dafür biologisch wertvoller Regenwald in Kulturland umgewandelt. Ein anderes Beispiel ist der Wasserverbrauch. Für die Herstellung und den Transport von Produkten für die Nordhalbkugel werden in den Entwicklungs- und Schwellenländern Unmengen an Wasser verbraucht. Der verursachte Schaden spiegelt sich aber keineswegs in den Kosten der Waren wider. Am negativsten aber schlägt der wachsende Energieverbrauch zu Buche. Mittlerweile geht fast die Hälfte des ökologischen Fußabdrucks auf die Bereitstellung von Energie zurück.

Auch im Schwinden der Artenvielfalt macht sich bemerkbar, wie die Schere zwischen Nord und Süd auseinanderklafft. In den tropischen Zonen beobachten die Umweltschützer in den vergangenen 40 Jahren einen dramatischen Rückgang der Arten von rund 60 Prozent. In den Industrieländern hingegen hat sich die Entwicklung verbessert; der Index, mit dem der WWF die Artbestände misst, hat hier um fast 30 Prozent zugenommen. Weltweit berechnet die Organisation einen Verlust von 30 Prozent. Eine heile Welt sei damit aber auch in den Industrieländern nicht erreicht, warnen die Umweltschützer. Zwar habe es Verbesserungen bei der Schadstoffbelastung und beim Naturschutz gegeben, sodass Fischotter und Seeadler zurückgekehrt seien. Aber weniger populäre Arten schrumpften zusehends. Hinzu komme, dass die Phase enormer Verluste nicht mehr in den Berechnungszeitraum eingehe.

Der Weg, den die Menschheit gehe, sei nicht zukunftsweisend, warnt der WWF. Es gehe nicht nur um den Erhalt der Natur, sondern um das Überleben der Menschen. Eine neue Definition des Wohlstands sei überfällig. 15 Prozent der Erdoberfläche müssten in Schutzgebiete umgewandelt werden – vor allem in den Meeren, wo derzeit erst 0,5 Prozent der Fläche unter Schutz stehen. Demgegenüber seien 70 Prozent der Fischbestände durch Überfischung bedroht.

Margit Kautenburger

14.10.2010
Margit Kautenburger 12.10.2010
12.10.2010