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Wissen Im ältesten Seevogelschutzgebiet Deutschlands gibt es immer weniger Vögel
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16:06 06.08.2019
Eine junge Sturmmöwe auf der Vogelschutzinsel Langenwerder. Die Insel in der Wismarbucht, seit 1937 unter Naturschutz. Quelle: Jens Büttner
Langenwerder

Wie das Gemälde eines Impressionisten liegt die kleine Insel Langenwerder vor dem größeren Poel flach in der Ostsee: Teppiche von Grasnelken in Altrosa wechseln mit Streifen von blaugrünem Wermut, Tupfen von rostrotem Sauerampfer und sattgrünem Salzröhricht. Unter einem grauen Himmel fliegen Möwen gegen den Wind. Der Klimafolgenforscher Veiko Lehsten stapft durch die raue Schönheit zu Reusen am Strand und zu dünnen Netzen, die überall auf der Insel gespannt sind. Er geht die Runde mehrmals am Tag, auf der Suche nach Vögeln, die sich verfangen haben. Die erste Kontrolle ist bei Sonnenaufgang, die letzte gegen Mitternacht.

Langenwerder: Station fast ganzjährig besetzt

„Heute ist wenig los“, sagt er und pult eine junge Rauchschwalbe aus dem Fangnetz gleich am reetgedeckten Vogelwart-Häuschen. Er misst, wiegt und beringt das Tier. 19,1 Gramm bringt es auf die Waage. Sorgfältig notiert Lehsten die Daten in das Buch der Station und macht sich wieder auf den Weg. Inzwischen hat es angefangen zu tröpfeln. Am Strand ist eine Sturmmöwe in eine Reuse gegangen. Zurück im Haus, kommt auch sie auf die Waage: 217 Gramm ist das Jungtier schwer. „Wohl zu wenig, um es zu schaffen“, stellt Lehsten nüchtern fest.

Veiko Lehsten, Klimafolgenforscher und ehrenamtlicher Vogelwart, hat eine junge Sturmmöwe zum Vermessen und Beringen auf der Vogelschutzinsel Langenwerder in der Nähe von Wismar eingefangen. Quelle: Jens Büttner

Im Herbst ziehen die Sturmmöwen an das Wattenmeer, um dort zu überwintern. „Wer jetzt noch nicht fliegen kann, für den sieht es schlecht aus.“ Der 45-Jährige arbeitet an der Universität Lund in Schweden und tut eine Woche Dienst auf der Vogelinsel. Dafür opfert er einen Teil seines Urlaubs. Die Mitglieder des Vereins Langenwerder zum Schutz der Wat- und Wasservögel wechseln einander ab und versuchen, die Station die meiste Zeit des Jahres besetzt zu halten.

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Sturmmöwen leiden unter der Landwirtschaft

Nach der Beringung hockt die magere Sturmmöwe abseits im Strandgras. Woran es liegt, dass der Vogel nicht groß genug ist, kann Lehsten nicht genau sagen. Vielleicht ist es ein spät ausgebrüteter Nachzügler, vielleicht aber auch ein Opfer der heutigen Landwirtschaft. „Seit der Einführung von Glyphosat wird auf den Feldern nicht mehr geeggt“, sagt er. Als der Boden noch mechanisch bearbeitet wurde, flogen Sturmmöwen hinter dem Pflug her und schnappten sich Regenwürmer und Insekten - die Jungen brauchen Proteine für Wachstum und Muskelaufbau.

Video: So bedroht sind die Vögel auf der Ostsee-Insel Langenwerder

Sturmmöwen: Magerer Bruterfolg 2019

Heute übersäen Kirschkerne die Insel Langenwerder. „Das ist seit einigen Jahren das Futter für die kleinen Sturmmöwen“, sagt der Forscher. Weil sie auf den Feldern nichts mehr finden, wichen die Sturmmöwen-Eltern auf Kirschen aus. „Welche Folgen es hat, dass die Jungen mit Zucker statt Proteinen aufgezogen werden, müssen wir beobachten.“ Seit vielen Jahren nimmt die Zahl der Sturmmöwen-Brutpaare in Deutschlands ältestem Seevogelschutzgebiet ab. Die Insel wurde 1937 unter Schutz gestellt. Mitte der 1980er Jahre hatten die Vogelwarte noch 5000 Brutpaare gezählt, 2019 sind es Lehsten zufolge noch etwa 2000. Der Bruterfolg sei dieses Jahr mager, sagt er. Sie hätten nur etwa 900 Jungtiere aufgezogen, von denen wahrscheinlich viele nicht mehr flügge würden.

Blick auf die Vogelwarte auf der Ostseeinsel Langenwerder, die seit 1937 unter Naturschutz steht. Das Leben auf der Insel ist spartanisch, Unterkunft bietet ein reetgedecktes Häuschen von 1935, das mit Kohle beheizt wird. Quelle: Jens Büttner

Langenwerder: Brutbestände gehen stark zurück

Ob Sturmmöwe, Brandseeschwalbe oder Küstenseeschwalbe: Die Bestände vieler Brut- und Zugvögel auf Langenwerder nehmen ab. Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, wie Lehsten sagt. So werde der Meeresstreifen zwischen Poel und Langenwerder immer schmaler und flacher, „insbesondere seit in der Nähe Strandaufspülungen durchgeführt wurden“. Der Sand sei aufgrund von Strömungen schon ein paar Jahre später nicht mehr an dem Strand gewesen, wo er aufgespült wurde, sondern am Langenwerder.

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Brutschutz: Füchse und Kartoffel-Rose bereiten Probleme

Bei niedrigem Ostseewasserstand kommt man mitunter trockenen Fußes hinüber auf die Vogelinsel, auch der Fuchs. Seit der erfolgreichen Bekämpfung der Tollwut haben sich die Füchse stark vermehrt, sagt Lehsten. In den Brutkolonien der Vögel finden sie einen gedeckten Tisch. „Und wird eine Brutkolonie zweimal gestört, wird sie aufgegeben.“ Die Vogelschützer haben deshalb einen Teil der Insel mit einem stromführenden Zaun eingehegt und für dessen Betrieb eine Solaranlage aufgestellt. Sie muss wegen der stark salzhaltigen Luft täglich geputzt werden. Ein künstlicher Fuchsbau mit Bewegungsmelder schlägt Alarm, wenn ein Tier in die Falle getappt ist. „Dann holen wir den Jäger und schießen den Fuchs.“

Eine 350 Quadratmeter große Fläche mitten im Salzgras ist mit dunkler Folie abgedeckt. Es handelt sich um einen Versuch, die vom Menschen vor Jahrzehnten nach Langenwerder gebrachte Kartoffel- oder Japan-Rose zu bekämpfen. Sie breitet sich ungeniert aus und dezimiert Brutflächen für die Vögel. „Die Kartoffelrose hat zwei Meter tiefe Wurzeln. Wir hoffen, dass sie in fünf Jahren unter der Folie abgestorben sind“, sagt Lehsten.

Touristen gefährden den Vogelbestand

Der Mensch heute ist ebenfalls ein Problem für die Vogelschutzinsel, auch wenn die Dörfler der Umgebung nicht mehr wie früher zum Eiersammeln kommen. Das Problem ist der Tourist. Eigentlich dürfen sich Boote nur bis auf 200 Meter dem Strand nähern - doch viele Stehpaddler und Surfer schert das wenig. „Wir können keine Strafen verhängen, also verpufft das Verbot weitgehend“, sagt Lehsten. Auf einer vorgelagerten Sandbank sonnen sich Urlauber, die von Poel herüberwaten. Ihre Strandmuscheln in grellen Farben irritierten die Vögel, erzählt der Forscher. Manchmal ließen die Leute auch Drachen steigen. Wenigstens habe die Kitesurfer-Mode ein bisschen nachgelassen.

Katrin Hackbarth vom Landestourismusverband ist überzeugt: „Unsere Gäste kommen ins Land, um Natur zu erleben.“ Man empfehle bewusst einen Besuch in einer der vielen Naturerlebniseinrichtungen zwischen Ostseeküste und Seenplatte, denn dort würden die Gäste besonders umfangreich für einen sorgfältigen Umgang mit der Natur sensibilisiert und zudem über lokale Besonderheiten informiert. „Wer sich über deren Einzigartigkeit und Schutzbedürftigkeit bewusst ist, entwickelt auch ein Gefühl dafür, Grenzen wahrzunehmen“, sagt sie.

Lichtblick: Lachmöwen und Feldhasen sind da

Wer den rauen Charme der Insel hautnah erleben will, für den bieten die Vogelwarte außerhalb der Brutsaison Führungen an. Dabei gibt es auch die eine oder andere positive Nachricht zu hören. So brüten wieder 500 Lachmöwen-Paare auf Langenwerder, sagt Lehsten. „Sie waren weitgehend von der Insel verschwunden.“ Und auch eine kleine Population der ansonsten selten gewordenen Feldhasen habe sich auf dem Eiland niedergelassen.

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RND/dpa

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